• “Nescafé, das ist old economy”

    Der Getränkehersteller Lemonaid hat jüngst den Zukunftspreis der Gastro-Messe Internorga gewonnen. Das Besondere an Lemonaid: Die Firma stellt Limonade und Eistee her, die aus Bio-Produktion stammen und fair gehandelt werden. impulse.de hat mit Mitgründer Jakob Berndt, 31, über die Konkurrenz in der Getränkebranche, das Marktpotential ihrer Produkte und das Verhältnis von Social Enterprises zur Entwicklungshilfe gesprochen.

    impulse.de Herr Berndt, Sie haben Lemonaid mitgegründet. Wie hat sich Lemonaid seitdem entwickelt?

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    Berndt Angefangen haben wir zu zweit, mittlerweile sind wir als Team ziemlich gewachsen. Heute arbeiten neun Leute bei uns. Der Absatz steigt kontinuierlich – wir haben letztes Jahr knapp anderthalb Mio. Flaschen verkauft. Das ist im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung von rund 100 Prozent. Unser Umsatz ist knapp siebenstellig. Und seit Ende letzten Jahres, also dem Geschäftsjahr 2011, schreiben wir erstmals schwarze Zahlen.

    impulse.de Die Getränkeindustrie ist ja sehr dynamisch. Was passiert, wenn Lemonaid plötzlich uncool wird?

    Berndt Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Produkte – selbst unabhängig von dem Social Enterprise-Gedanken – so gut sind, dass wir die Leute, die heute begeistert Lemonaid und Charitea trinken, als Kunden behalten werden. Und ich glaube, dass die Geschichte dahinter von uns so ernsthaft betrieben wird, dass wir mehr sind als eine Trendbrause, die sich gut verkauft, weil das Design gerade dem Zeitgeist gefällt. Und das sehen die Leute, die unsere Getränke kaufen, genau so. Was der Plan B für das von Ihnen genannte Szenario ist, gilt im Endeffekt für jeden Unternehmer – wissen kann man es nicht. Es gibt ja auch das Beispiel Bionade, von denen man vor drei Jahren gesagt hat, die werden auf lange Sicht den Markt dominieren und heute arge Probleme haben. Am Ende setzen sich das beste Produkt und die beste Idee durch. Und falls jemand kommt und das besser macht, dann müssen wir uns natürlich ranhalten.

    impulse.de Wie gehen Sie strategisch vor, um sich angesichts der großen Konkurrenz in der Branche zu etablieren?

    Berndt Wir konzentrieren uns stark auf die Szenegastronomie – kleine, inhabergeführte Restaurants und Cafés machen das Gros unserer Distributoren aus. Daneben Bio- und Reformkosthandel. Wir sind nicht auf schnelles Wachstum aus. Klar, auch wir müssen Marketing machen, aber ohne große Kampagnen, sondern in einem subversiveren, guerillahaften Ansatz. Nescafé zum Beispiel, das ist veraltet, da braucht man immer erst George Clooney im TV-Spot der einem zwanzig Mal reinprügelt, dass das Produkt dahinter gut ist, obwohl es das gar nicht ist. Und das ist das Wichtigste: Unser Produkt ist gut. Und im Gegensatz zu anderen Bio-Brausen sind wir die einzigen, die mit dem Fairtrade-Siegel zertifiziert sind und mit jeder Flasche soziale Projekte unterstützen.

    impulse.de Wo bekommen Sie die Rohstoffe her, wo werden die Flaschen abgefüllt?

    Berndt Die Inhaltsstoffe kommen aus Sri Lanka, Paraguay, Peru, Südafrika, Indien und Brasilien, abgefüllt werden die Flaschen in Bayern.

    impulse.de Neben der Firma haben Sie noch einen Verein gegründet – was passiert da?

    Berndt Der Verein Lemonaid und Charitea e.V. speist sich vorrangig aus einer fixen Abgabe, die die GmbH leistet. Pro verkaufte Flasche sponsert das Unternehmen fünf Cent, mit denen der Verein entwicklungspolitische Projekte, vor allem Bildungsprojekte, in Sri Lanka, Paraguay und Südafrika unterstützen kann. Wenn wir mit Lemonaid auch sukzessive profitabler werden, soll unser Sozialbetrag ebenfalls höher werden. Wir wollen uns nicht in die eigenen Taschen wirtschaften.

    impulse.de Was genau passiert in den Projekten?

    Berndt Das sind kleine lokale Projekte, die der Verein entweder komplett oder teilweise finanziert. Zum Beispiel in Sri Lanka, wo Jugendliche die Möglichkeit bekommen, handwerkliche Ausbildungen zu lernen. Wir schauen, dass wir vor Ort verlässliche Partner haben und nicht nur einmal im Jahr mit einem Beutel Geld hinfahren und außer drei Fotos nichts mitnehmen.

    impulse.de Können Social Enterprises mehr leisten als die klassische Entwicklungszusammenarbeit?

    Berndt Nein, für mich ist das kein Gegeneinander, sondern ein weiterer möglicher Weg, einen Beitrag zu leisten. Ich glaube die Entwicklungshilfe, die losgelöst ist von unternehmerischen Konzepten, hat definitiv ihre Daseinsberechtigung. Da gibt es natürlich einen kritischen Diskurs zu, aber grundsätzlich sind Social Enterprises nicht unbedingt ein Gegen-, sondern ein Alternativmodell. Wir glauben, dass wir das, was wir machen, gut können und hier ein Konzept geschaffen haben, das effizient funktioniert und dabei Gelder für entwicklungspolitische Projekte abwirft. Wir sagen aber nicht, es soll in Zukunft nur noch Lemonaid geben und die GIZ ist überflüssig.

    impulse.de Wie wird Lemonaid finanziert?

    Berndt Wir haben vornehmlich Bankkredite aufgenommen. Das war viel Überzeugungsarbeit. Weil wir alle Branchenneulinge sind, weil es ein sehr spezielles und innovatives Konzept ist, das nicht primär auf Profit aus ist, sondern eine soziale Komponente beinhaltet. Das war natürlich für alle Akteure erklärungsbedürftig, auch für die Fremdkapitalgeber. Zu unserem Eigenkapital kann ich leider keine Aussage machen.

    impulse.de Wie lange hat Ihre Planung gedauert, bis Sie Lemonaid auf den Markt gebracht haben?

    Berndt Neun Monate. Mein Gründungspartner Paul Bethke hat mich im Herbst 2008 mit der Idee konfrontiert. Dann haben wir sehr zügig unsere bestehenden Jobs – ich als Werber bei der Agentur Jung von Matt, er in der Entwicklungszusammenarbeit bei der GTZ – gekündigt und das ganze in einem dreiviertel Jahr aus dem Boden gestampft.

    impulse.de Zum Thema Wachstum. Wo stehen Sie gerade, was sind Ihre nächsten Schritte und was haben Sie in den nächsten paar Jahren vor?

    Berndt Wir haben keinen fixen Masterplan. Wir wollen weiterhin gesund und organisch wachsen, weil zu schnelles, planloses Wachstum auch ganz schnell existentiell bedrohlich werden kann. Ich glaube, wenn wir dieses Jahr wieder mit 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr wachsen ist schon ganz viel gemacht. Das ist keine Hoffnung, sondern realistisch.

    • Quelle: impulse
    • Copyright: impulse
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