Gründung Start-up-Initiative Berlin: Vier Vorschläge und ein Totalausfall

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Kreativ und irgendwie anders: Berlin ist der Rising Star in Deutschland (Bild: Streetart in Berlin Friedrichshain)

Kreativ und irgendwie anders: Berlin ist der Rising Star in Deutschland (Bild: Streetart in Berlin Friedrichshain)© Fabian Mohr (CC BY-NC-SA 2.0)

Das deutsche Start-up-Mekka Berlin will dem Silicon Valley den Rang ablaufen. Das Potenzial ist da. Doch der Weg ist noch lang. Die Unternehmensberatung McKinsey hat fünf Initiativen entwickelt, wie es dennoch klappen kann.

Berlin ist der „Rising Star“ unter den Startup-Hubs – in Deutschland. Keine Frage. Keine andere Stadt ist so international, so attraktiv für Gründer und deren Mitarbeiter und vor allem: so günstig. Das Kostenniveau ist im Vergleich zu München 23 Prozent niedriger. An der Spree wurden vergangenes Jahr knapp dreimal so viele Unternehmen gegründet wie an der Isar. Geldgeber aus dem In- und Ausland investierten mehr als doppelt soviel Kapital in Berliner Firmen wie in bayerische, baden-württembergische und Hamburger zusammen.

Auch international ist die Spitzenposition eindeutig vergeben: An das Silicon Valley an der Westküste der Vereinigten Staaten. Doch wer folgt auf Platz 2? London? Tel Aviv? Paris? New York? Oder doch etwa Berlin, wie einige Zeitungsartikel bereits glauben machen wollen. Nach anderen Quellen rangiert das deutsche Startup-Mekka allerdings auf Platz 5 oder 6. Wie auch immer: Bis zur Nummer Eins ist es noch ein weiter Weg – aber das Potential ist grundsätzlich da.

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Wie Berlin zum Silicon Valley aufschließen kann, das hat ein Team der Unternehmensberatung McKinsey untersucht. Kürzlich veröffentlichte es die Ergebnisse der Pro-Bono Studie „Berlin gründet“. Die Berater gehen davon aus, dass in Berlin über 100.000 neue Arbeitsplätze durch Startups entstehen: 40.000 in den Start-ups selbst und weitere 60.000 über den Multiplikatoren-Effekt, demzufolge jeder neue Arbeitsplatz die Basis schafft für weitere Beschäftigungsverhältnisse. Keine schlechte Perspektive für eine Hauptstadt, die mit beschäftigungsintensiver Industrieansiedlung nicht eben gerade gesegnet ist.

Screenshot der Mc-Kinsey-Studie

Screenshot der Mc-Kinsey-Studie© Mc Kinsey

„Es geht darum, die Stärken auszubauen und die Unterstützung zu fokussieren“, erläutert McKinsey-Partner Christian Malorny. Dazu schlagen die Berater fünf Initiativen vor. Das Ziel: die Gründungsdynamik Berlins zu verbessern und die Start-up-Szene systematisch zu fördern.

1. Neue Gründerzeit: Studenten und Professoren in Berlin müssen mehr für das Thema „Gründen“ begeistert werden. Dies soll durch Anreizsysteme für wissenschaftliche Mitarbeiter und Professoren sowie eine Ausweitung der bestehenden Gründerwettbewerbe wie des Business-Plan-Wettbewerbs Berlin-Brandenburg geschehen.

2. One-Stop-Agentur: Senat und Verwaltung sollen eine mehrsprachige Serviceagentur als zentrale Anlaufstelle für ausländische Gründer und Beschäftigte schaffen. Die Agentur soll Gründern dabei helfen, sich im bürokratischen Dschungel Berlins besser und vor allem schneller zurecht zu finden. Ein Anliegen, welches viele Berliner Gründer bereits wiederholt vorgebracht haben.

3. Gründer-Campus: Für Neu-Unternehmer und Venture Capital Firmen sollen flexibel anmietbare Bürofläche geschaffen werden. Das sei ideal für Austausch, Networking und Förderung zwischen allen Parteien des Berliner Start-up-Ecosystems. Dabei sei eine zentrale Lage besonders wichtig. Denn der Gründer-Campus könne nur dann gut funktionieren, wenn die Unternehmer und deren Mitarbeiter dort arbeiten wollen und es bequem erreichbar ist. Der Flughafen Tegel, wenn denn der Flugbetrieb eines Tages eingestellt wird, kommt deshalb nicht in Frage.

4. Start-up-Fonds: 100 Mio. Euro schwer soll der Fonds sein und Start-ups mit frischen Kapital versorgen. Die Idee mag ja gut sein, allerdings erscheinen 100 Mio. Euro für einen Wachstumsfonds deutlich zu klein. Bei einem für diese Phase nicht ungewöhnlichen Investment von 10 Mio. Euro pro Firma würde der Fonds nur in zehn Start-ups investieren können – ohne die Möglichkeit für den Fonds an einer möglichen Folge-Finanzierung teilzunehmen. Hier wäre es empfehlenswert mit Experten (Venture Capital-Firmen wie Earlybird und andere) zu reden und den Fonds richtig und nicht halbherzig aufzusetzen.

5. Gründernetzwerk: Gründer sollen mit Berliner Unternehmern in den Dialog treten. Es wirkt so, als wenn dieser Punkt daraus entstanden ist, dass sich fünf Initiativen als Ergebnisse einer Studie immer besser verkaufen lassen als vier. Inhaltlich sind Dialoge immer hilfreich, allerdings braucht es dafür eine weitere Stabsstelle (“Taskforce”)? Diese letzte Initiative fällt doch stark ab gegenüber den anderen, zuvor genannten Hebeln.

Geduld und gute Arbeit

Was Berlin darüber hinaus benötigt ist: Geduld und gute Arbeit auf allen Seiten. 50 Jahre Erfahrung des Silicon Valley können nicht in ein paar Jahren aufgeholt werden. Mal abgesehen davon, dass dies wahrscheinlich ungesund wäre – in jeglicher Hinsicht.

Gute Arbeit wird notwendig sein in zweierlei Hinsicht: Zum einen müssen es die besten Start-ups schaffen, überproportional erfolgreich im Sinne der nachhaltigen Unternehmensentwicklung und damit auch eines potentiellen Exits zu sein. Die Gründer müssen Erfolge zeigen. Nur wenn in Berlin nicht nur gute Ideen geboren werden, sondern wenn diese Ideen auch nach Jahren erfolgreich verkauft werden, wird die Welt – und damit die internationalen Investoren – dauerhaft auf Berlin schauen und sich hier aktiver engagieren. Dies wiederum wird der gesamten Gründer-Szene zu Gute kommen. Wenn Gründer mit guten oder pfiffigen Ideen auch kommerziell erfolgreich sind, wird ein großer Teil dieses Geldes wieder in Form von Investments und Förderung dem Berliner Start-up Ecosystem zufließen. Beispiele hierfür sind unter anderem die Teams um Lukasz Gadowski und Oliver Samwer, die in den vergangenen Jahren zusammen tausende Arbeitsplätze geschaffen haben.

Gute Arbeit in anderer Hinsicht ist aber auch von der Politik, Verbänden, dem Senat und dem regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit notwendig. Die unterschiedlichsten Vorschläge müssen so zeitnah wie möglich professionell umgesetzt werden. Mit Zielen, Maßnahmen und Konsequenzen, mit detaillierten Meilensteinen und Verantwortlichen für die Umsetzung, die auch am Erfolg dieser Umsetzung gemessen werden. Dies ist bekanntlich bei jedem Beratungsprojekt eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg – quasi die Basis für jedes Unternehmen. Das muss auch für die Politik gelten. Ansonsten war die Pro-Bono-Studie von McKinsey vor allem eines: Für die Tonne. Und das wäre schade.

Wir haben gemeinsam eine große Chance in Berlin. Lasst uns diese nutzen! Jetzt!

P.S. Vielleicht hilft es ja auch schon, wenn die entscheidenden Leute ein bisschen näher am Leben der Start-ups sind. Ein LinkedIn-Account (oder Xing oder twitter oder…) wäre da schon mal ein Anfang. Weder der regierende Bürgermeister Wowereit noch der für diese Studie verantwortliche McKinsey-Partner Malorny haben so etwas Neumodisches. Die Bürgermeister der Start-up Hubs New York (Michael Bloomberg, aktiv auf LinkedIn) und London (Boris Johnson, aktiv auf twitter) sind da schon viel weiter.

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