Gründung Eyefactive: „Wir denken heute viel mehr aus Kundensicht“

Matthias Woggon, Gründer von Eyefactive

Matthias Woggon, Gründer von Eyefactive© Jozef Kubica

Eyefactive aus Wedel bei Hamburg wollte große Displays in Tische integrieren. Was wurde aus der Idee? impulse hat bei Gründer Matthias Woggon nachgehakt.

Matthias Woggon gründete Eyefactive als Spin-off der Fachhochschule Wedel. Die Firma entwickelt Tische, Wände und Verkaufstresen mit integrierten Displays, unter anderem für Hyundai, Beiersdorf und die Mercedes-Benz Bank. Seinen ersten Businessplan schrieb der Medieninformatiker mit seinem Kommilitonen und Mitgründer Johannes Ryks.

Sie haben Ihr Unternehmen vor sechs Jahren gegründet. Wann haben Sie zuletzt in Ihren allerersten Businessplan geguckt?

Das muss so gut fünf Jahre her sein. Damals mussten wir den Businessplan für unsere Anschubfinanzierung aktualisieren – und vor allem professioneller machen.

Soll heißen?

Wir hatten damals eigentlich nur die Technologie und ich glaube, das merkt man dem Businessplan auch an. In unserem allerersten Plan standen nicht einmal Umsatzerwartungen. All das haben wir schnell nachgeliefert, als wir uns bei ersten Gründer-Wettbewerben beworben haben.

Und: Hat es geklappt?

Ja. Wir haben die Anschubfinanzierung bekommen.

 

Steckbrief

Name, Alter: Matthias Woggon, 31

Firma: Eyefactive GmbH

Geschäftskonzept: Entwicklung von Tischen, Wänden und Verkaufstresen mit integrierten Displays

Gründungsdatum: 20.07.2009

Standort: Wedel

Erster Businessplan: 2008

Erstmals in impulse: Gründerzeit 1/2010

 

Plan und Realität

Damals: Umsatzerwartung für 2014: 3 Mio. Euro, Mitarbeiter: 0, Firmengröße: 80 m², Urlaubstage: 2, Auto: VW Polo, Bj. 1996

Heute: Umsatz 2014: 590.000 Euro, Mitarbeiter: 12, Firmengröße: 400 m², Urlaubstage: 8, Auto: Smart, Bj. 2001

 

Worüber müssen Sie am meisten schmunzeln, wenn Sie in Ihren ersten Businessplan gucken?

Über unsere Skizzen. Die stammen noch aus unseren Collegeblöcken an der Fachhochschule, wo wir die Idee für unsere Firma entwickelt haben. Das allererste Gerät steht noch immer in der Fachhochschule Wedel. Dieser Ur-Prototyp wurde so jedoch nie für einen Kunden gebaut. Auch technisch hat es nicht mehr allzu viel mit dem zu tun, was wir heute machen.

Was hat sich seitdem geändert?

Wir denken viel mehr aus Kundensicht. Das mussten mein Mitgründer Johannes und ich als Nicht-BWLer erst lernen. So verkaufen wir mittlerweile – neben unserer eigenen Hardware – auch Fremdgeräte, auf die wir unsere Apps spielen, wenn das der Kunde wünscht. Für uns damals undenkbar.

Was hat zum Umdenken geführt?

Erfahrung. Und der Markt. Wir haben vor gut zwei Jahren einen Mini-Turnaround hingelegt. Bis dahin war unser Bestseller ein Tisch mit 47-Zoll-Display. Plötzlich fingen Toshiba, Microsoft und andere an, ähnliche Displays zu bauen, die deutlich günstiger waren. Da wurde uns klar: So lange werden wir unseren Tisch nicht mehr verkaufen können.

Wie haben Sie sich da herausgekämpft?

Wir können Displays nicht nur in 70, sondern auch in bis zu 700 Zoll bauen, egal ob eckig, rund oder in S-Form. Diese Dimensionen und unsere Technik unterscheiden uns vom Massenmarkt. Bei uns funktioniert die Touch-Erkennung anders als bei Bildschirmen, die man von Tablets oder Smartphones kennt. Der Bildschirm wird bei uns auf dicke Glasscheiben projiziert, Kameras ermitteln die Position des Fingers und geben diese Information an einen Computer weiter. Das hat den Vorteil, dass unsere Bildschirme ziemlich robust sind, weil die gesamte Technik unter der Scheibe liegt. Das ist zum Beispiel auf besucherstarken Messen wichtig, wo Displays viel aushalten müssen.

In einem späteren Businessplan haben Sie für 2014 einen Umsatz von 3 Millionen Euro angestrebt. Heute liegen Sie deutlich darunter. Können Sie von Ihrem Geschäft leben?

Wir werden in diesem Jahr schwarz sein. 2010, als wir dieses Ziel formuliert haben, war uns einfach nicht klar, wie viele Investments dafür eigentlich nötig sind. Wir hatten eine Startfinanzierung von 700.000 Euro unter anderem aus dem High-Tech Gründerfonds und dem Seed- und Start-up-Fonds Schleswig-Holstein. Mit diesem Kapital in unserer Branche länger als fünf Jahre zu überleben ist schon eine Kunst. Darauf sind wir stolz.

Wo haben Sie falsch kalkuliert?

Wir dachten am Anfang, dass wir unsere Kosten komplett aus dem laufenden Betrieb decken können, also klein anfangen und uns dann immer weiter steigern. Das war ziemlich unrealistisch. Gerade wenn man Hardware baut, sind Investments von außerhalb unabdingbar.

Haben Sie Ihre Konkurrenz unterschätzt?

Eher überschätzt. Als Microsoft sein erstes Riesendisplay rausbrachte, haben wir überlegt einzupacken. Tatsächlich hatte es erhebliche technische Probleme und floppte. Das hatten wir nicht erwartet.

Was steht als Nächstes an?

Wir möchten international wachsen. Schon jetzt nutzen Kunden aus über 40 Ländern unsere Apps, auch Hardware liefern wir bis nach Frankreich und Thailand. Solche Projekte wollen wir weiter ausbauen. Dafür brauchen wir Investoren. Das wissen wir nun. Und das heißt: Wieder Businesspläne schreiben.

 

impulse-Magazin Juni 2015Ein Thema aus der impulse-Ausgabe 06/15.

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