• “Wir sehen behinderte Menschen nicht als Risiko, sondern als Chance”

    Die Belegschaft der IT-Firma "Arbeit für Menschen mit Behinderungen" besteht zu mehr als fünfzig Prozent aus Menschen mit einer Behinderung. Dafür hat die Firma den Vision Award 2012 des Genesis Institute erhalten. Impulse.de sprach mit Geschäftsführer Daniel Büchle, über spezielle Anforderungen der Beschäftigten und die wirtschaftliche Lage von AfB.

    impulse.de Herr Büchle, was ist das Konzept von Arbeit für Behinderte (AfB)?

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    Büchle Bei AfB geht es um die Wiederaufbereitung von gebrauchten IT-Geräten wie PCs und Mobiltelefonen. Wir holen die Geräte bei Unternehmen ab, löschen die Daten, reinigen die Geräte und verkaufen sie dann weiter. Wir kommen den Firmen entgegen, indem wir die Dienstleistungen, die sie sonst zur Entsorgung ihrer Produkte in Anspruch nehmen müssten, kostenfrei und komplett selbst ausführen. Im Gegenzug dazu erhalten wir die Geräte kostenlos. Unsere Partner sind zum Beispiel ThyssenKrupp, Bayer und Adidas. Das Besondere ist, dass unsere Belegschaft zu fünfzig Prozent aus Menschen mit Behinderungen besteht.

    impulse.de Wie ist die Idee zu AfB entstanden?

    Büchle Mein Partner Paul Cvilak ist 2004 auf die Idee gekommen. Er hat Software für große Unternehmen entwickelt. Irgendwann kam ein Kunde auf ihn zu und sagte: “Ihr verwaltet unsere ganze IT – könnt ihr nicht auch dabei helfen, sie loszuwerden?” Daraus ist das Recycling-Konzept entstanden.

    impulse.de Wie lange hat es dann gedauert, bis AfB gegründet wurde?

    Büchle Ungefähr ein Jahr. Gestartet haben wir mit 20.000 Euro privatem Startkapital. Wir mussten viele bürokratische Hürden überwinden, um als gemeinnützige GmbH anerkannt zu werden. Jetzt kriegen wir auch staatliche Förderzuschüsse, wie jedes Unternehmen, das einen Anteil von mindestens 40 Prozent an gehandicapten Mitarbeitern einstellt. Im letzten Jahr haben wir 5 Mio. Euro Umsatz gemacht und können davon auch gut leben und gut bezahlen.

    impulse.de Wie viele Menschen mit Behinderungen arbeiten bei Ihnen?

    Büchle Wir sind ein Integrationsprojekt, das heißt, dass mindestens vierzig Prozent unserer Mitarbeiter eine Behinderung haben. Das wird staatlich gefördert – wir kriegen pro 10 Mitarbeiter zum Beispiel eine Person gestellt, die diese betreut. Bei uns arbeiten circa fünfzig Prozent Menschen mit Behinderungen. Wir wollen in jeder Abteilung Menschen mit Behinderung eine Chance bieten – nicht nur für einfache Tätigkeiten wie Lagerarbeit, sondern beispielsweise auch bei der Softwareentwicklung. Wir achten nicht auf Lebensläufe und Zeugnisse, da Menschen mit Handicap es oft schwerer haben, entsprechende Formalien vorzuweisen. Deshalb bieten wir erst ein Praktikum an um herauszufinden, ob die Person wirklich motiviert ist.

    impulse.de Haben Sie sich bei der Erstellung Ihres Konzeptes Gedanken darüber gemacht, ob die Einstellung von Menschen mit Behinderungen ein unternehmerisches Risiko darstellen könnte?

    Büchle An ein Risiko haben wir eigentlich nie groß gedacht, sondern es eher als Chance betrachtet.

    impulse.de Aber sehr viele Unternehmen tun sich schwer damit, explizit Menschen mit Behinderungen einzustellen, fürchten wirtschaftliches Risiko. Wieso haben Sie keine Angst?

    Büchle Bei großen Unternehmen ist das anders, die haben bestimmte Strukturen und darin müssen Menschen mit Handicap integriert werden, was durchaus schwierig sein kann. Wir haben von Anfang an unsere Prozesse für Menschen mit Behinderungen entwickelt. Deshalb funktioniert es.
    Unsere Partner können das natürlich gut für ihre Öffentlichkeitsarbeit nutzen – sie stellen zum Beispiel Bilanzen auf, wie viele Arbeitsplätze sie durch ihre zur Verfügung gestellten Geräte schaffen.

    impulse.de Wo sehen Sie sich in den nächsten fünf Jahren?

    Büchle Wir haben uns als Ziel gesetzt, 500 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen zu schaffen. Davon sind wir jetzt noch ein bisschen entfernt, aber wir haben ja noch Zeit. Wir haben auf eine Stelle etwa fünfzig Bewerbungen – es gibt also eine hohe Nachfrage. Wir hoffen natürlich, dass das Wachstum weitergeht. Wir haben jetzt auch immer mehr Kunden in Deutschland die sich dafür interessieren, die Prozesse international abbilden zu können. Deshalb werden wir bald in Frankreich eine Niederlassung eröffnen. Je mehr Konzerne ihre Kooperation signalisieren, desto mehr Arbeitsplätze können wir schaffen.

    impulse.de Wie können junge Unternehmen Menschen mit Behinderungen nachhaltig integrieren?

    Büchle Man muss sich da mit vielen Themen beschäftigen, zum Beispiel: Wie setze ich die Mitarbeiter ein? Brauche ich bestimmte Arbeitseinrichtungen, zum Beispiel höhenverstellbare Schreibtische? Brauche ich Ruheräume, so dass die Menschen auch Pausen machen können? Das Betriebsklima ist natürlich auch wichtig: Wenn es zu hektisch ist, ist es auch nicht erfolgreich. Man muss auf viele Kleinigkeiten achten, man braucht Betreuer für diese Mitarbeiter, die regelmäßig Gespräche führen. Wenn diese Voraussetzungen alle gegeben sind, macht man auf einmal sehr positive Erfahrungen. Man sieht, dass Menschen auf einmal mehr leisten können, als man es je gedacht hätte.

    • Quelle: impulse
    • Copyright: impulse
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