IT+Technik Deutsche Verschlüsselungs-Aktivisten im Visier der NSA

Netzwerkkabel

Netzwerkkabel© vschlichting - Fotolia.com

Die Schnüffeleien der NSA konnten bislang kaum einzelnen Menschen zugeordnet werden. Nun zeigt sich, dass der Geheimdienst auch Aktivisten in Deutschland im Visier hat, die sich besonders für anonymes Surfen einsetzen.

Sebastian Hahn mag den Rummel um seine Person nicht. Dennoch wurde der Student aus dem bayerischen Erlangen am Donnerstag mit unzähligen Fragen überschüttet, weil er ins Visier des US-Geheimdienstes NSA geraten war. Der Informatiker engagiert sich seit über sechs Jahren für das Anonymisierungsnetzwerk Tor. Mit Tor können Internet-Nutzer ihre Spur im Netz verschleiern. Und der Tor-Unterstützer Hahn muss nun erleben, wie er von den Analysten der NSA in eine Schublade mit „Extremisten“ einsortiert wurde.

Nach einem Bericht der Sender NDR und WDR interessiert sich die NSA besonders für die Server des Anonymisierungs-Netzes, darunter auch einen Computer, den Hahn in einem Rechenzentrum in Nürnberg zur Unterstützung des Tor-Netzwerks angemietet hat. Die Internet-Adresse (IP-Adresse) des Rechners sei fest in das NSA-Spionagewerkzeug „XKeyscore“ programmiert. Das gelte auch für einen Server, der vom deutschen Hackerverein Chaos Computer Club betrieben wird.

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Hahn arbeitet nach seinen Angaben seit Anfang 2008 ehrenamtlich beim Tor-Projekt mit. „Ich habe eine sehr freundliche und hilfreiche Gemeinschaft von Menschen erlebt, denen Privatsphäre im Internet eine Herzensangelegenheit ist“, schreibt er. Er habe sich dort mit seinen Programmierkenntnissen einbringen und sie ausbauen können. „Bis heute engagiere ich mich über das bloße Betreiben eines Servers hinaus im Projekt.“

„Das ist ein großer Widerspruch“

Hahn betreibt nicht einen der üblichen Tor-Server. Der von ihm angemietete Computer nimmt in dem Netzwerk eine „Sonderstellung“ ein, wie Hahn selbst schreibt. Denn er verwaltet eine Liste der anderen Tor-Server. Diese Liste brauchen Nutzer von Tor, sie rufen sie automatisch von Computern wie dem von Hahn ab. Wer Hahns Server überwacht, weiß also, welche Rechner sich in das Tor-Netzwerk einwählen.

Auch Menschen, die lediglich die Tor-Webseite ansteuern, landen dem Fernsehbericht zufolge in einer NSA-Datenbank. „Das heißt, dass Leute, die im Iran die Internetzensur umgehen wollen, dann auf einmal in dieser Datenbank stehen“, sagt Hauke Gierow von der Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen. „Das ist ein großer Widerspruch.“ Die NSA lege es darauf an, Anonymisierungsdienste zu zerstören. So sieht es auch der Chaos Computer Club (CCC). Das Abhören einzelner Verbindungen zeige, „dass die NSA das Tor-Netzwerk als Angriffsziel identifiziert“, erklärt Falk Garbsch vom CCC.

Dass Hahn nun im Fernsehen in einem Atemzug mit Bundeskanzlerin Angela Merkel genannt wird, deren Handy von der NSA abgehört wurde, gefällt ihm überhaupt nicht. „Die Qualität der Ausspähung ist eine ganz andere, daher bin ich kein Freund von diesem Vergleich“, schreibt Hahn auf seiner Website. Jeder Deutsche sei täglich von ungerechtfertigten Überwachungsmaßnahmen betroffen, ohne dass es bekannt werde.

Fehlende Schutzmaßnahmen

Der eigentliche Skandal seien die riesige Dimension der Überwachung und die fehlenden Schutzmaßnahmen, insbesondere für technisch unbedarfte Menschen. „Ich bin schockiert darüber, wie einfach Unschuldige in den Fokus der Überwachung geraten können, und mit welcher Selbstverständlichkeit die Geheimdienste vorgehen.“

Von seinem Einsatz will der Student sich dennoch nicht abbringen lassen. Auf Twitter schreibt er: Jetzt sei ein exzellenter Zeitpunkt, um mit der Unterstützung von Tor anzufangen.

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