IT+Technik Digitalisierung: Hinten dran statt vorn dabei

Das Ziel ist klar: Deutsche Mittelständler wissen, dass sie in Digitalisierung investieren müssen. Dennoch warten viele erst einmal ab, welche Trends sich wirklich etablieren.

Das Ziel ist klar: Deutsche Mittelständler wissen, dass sie in Digitalisierung investieren müssen. Dennoch warten viele erst einmal ab, welche Trends sich wirklich etablieren. © Martin Abegglen/Flickr/Lizenz: CC BY-SA 2.0

Digitalisierung ist ein Wachstumsmotor. Eine neue Studie zeigt aber: Mittelständler wissen, dass sie aktiv werden müssen – und machen trotzdem weiter wie immer.

Als am Jahresanfang die Forbes-Liste mit den reichsten Menschen der Welt erschien, war der Unterschied zwischen Deutschland und den USA kaum zu übersehen. Hierzulande machten die alten Familienclans aus Industrie und Handel die ersten Plätze fast vollständig unter sich aus: die Aldi-Familie, der Quandt-Clan, die Schaefflers. Einziger Vertreter der IT-Branche in den Top 10: SAP-Gründer Hasso Plattner auf Platz 10.

In den USA dagegen dominieren die Selfmademilliardäre des digitalen Zeitalters: Bill Gates (Microsoft), Larry Ellison (Oracle), Jeff Bezos (Amazon), Mark Zuckerberg (Facebook), Larry Page und Sergey Brin (beide Google). Geld macht in den Vereinigten Staaten offenbar, wer die digitale Datenverarbeitung vorantreibt oder aber in seinem Unternehmen konsequent einsetzt.

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Der deutsche Mittelstand – gespickt mit vielen Technologieführern – hat das längst begriffen, das zeigt eine aktuelle, groß angelegte Studie der Commerzbank. 86 Prozent der Befragten Unternehmen sehen die zunehmende Digitalisierung als große Chance für den Industriestandort Deutschland. Ein Viertel der Befragten gibt sogar an, dass ihr bisheriges Geschäftsmodell durch die aktuelle digitale Entwicklung infrage gestellt wird. Aber wie viele werden aufgrund dieser Erkenntnis wirklich aktiv?

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85 Prozent der Unternehmen warten ab

„Bereits 15 Prozent der Unternehmen ziehen schon heute einen starken Nutzen aus der Digitalisierung“, heißt es in der Studie, die am 12. Mai in Frankfurt vorgestellt wurde. Ob das nun viel oder wenig ist, bleibt aber wohl Ansichtssache. Immerhin bedeutet dies auch, dass sich 85 Prozent damit begnügen, die digitalen Entwicklungen in ihrer Branche erst einmal weitgehend passiv zu beobachten. Viele Chancen bleiben so ungenutzt. Knapp zwei Drittel der Unternehmen geben zu, dass der digitale Wandel vom Mittelstand bislang eher vernachlässigt wird.

Zugegeben: Der ständige Vergleich mit den USA hinkt. In den Vereinigten Staaten gehen die vielen hochinnovativen Start-ups eher von der Software aus, entwickeln später dann eventuell die passende Hardware. Deutschlands Wirtschaft aber wird dominiert von einem starken Mittelstand. Aber ein mittelständisches Maschinenbauunternehmen kann nicht auf einmal die Software in den Mittelpunkt stellen. Da muss der Prozess genau andersherum laufen.

Dass sich auch für deutsche Mittelständler eine digitale Vorreiterrolle lohnt, zeigt die Untersuchung jedoch. Die digitalen Pioniere entwickeln überdurchschnittlich häufig eine deutliche Wachstumsstrategie. Sie vernetzen ihre Wertschöpfungsketten, digitalisieren ihre Produktion und entwickeln neue Geschäftsmodelle – und versuchen so, der Konkurrenz voraus zu sein.

Digitalisierung ist keine Domäne der Jugend

Das Interessante: Den digitalen Wandel treiben keineswegs nur die „Digital Natives“ voran, die schon mit iPhone in der Hand groß geworden sind. Beim Altersvergleich der Befragten fällt auf, dass sich auch unter den älteren Führungskräften viele Innovatoren finden (17 Prozent). Demgegenüber zeigen sich die Unter-30-Jährigen unerwartet zurückhaltend beim frühzeitigen Einsatz neuer, digitaler Entwicklungen in ihren Unternehmen. Ob dies daran liegt, dass die Selbsteinschätzung der älteren Führungskräfte eine andere ist als die der jüngeren, hat die Studie nicht untersucht.

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Fest steht hingegen: Digitale Innovationen werden nicht nur in modernen Branchen vorangetrieben und eingesetzt, sondern auch in etablierten Märkten. Einzig die Bauwirtschaft hinkt etwas hinterher. Und es finden sich unter den kleinen Unternehmen genauso viele digitale Trendsetter wie im großen Mittelstand. Digitaler Fortschritt ist offenbar keine Frage der finanziellen Potenz. Dafür spricht auch, dass Digitalisierung nicht von der wirtschaftlichen Situation eines Unternehmens abhängt. Vorreiter gibt es in gleicher Weise bei Firmen mit besonders positiver wie auch besonders negativer Geschäftslage. Ausschlaggebender ist hingegen der Konkurrenzdruck.

Wer dabei sein will, muss aktiv werden

Wie gelingt es Unternehmen, zum digitalen Vorreiter zu werden? Die Befragung zeigt: Sie starten deutlich häufiger Pilotprojekte, schaffen kreative Freiräume und investieren in technische Spezialisten. Sie versuchen eigene Erfahrungen zu machen, statt von denen anderer zu profitieren.

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Besonders experimentierfreudig ist der deutsche Mittelstand jedoch nicht. Die Unternehmen setzen vor allem auf Technologien, die schon etabliert sind und als erfolgsversprechend gelten, wie Online-Marketing, mobiles Internet oder E-Commerce. Trends, deren wirtschaftlicher Nutzen sich noch nicht hundertprozentig erschließt, wie etwa das „Internet der Dinge“ oder „Industrie 4.0“, finden die Firmen weniger relevant.

„Sicher, Deutschland ist nicht das Silicon Valley“, schreibt Commerzbank-Vorstand Markus Beumer zu den Ergebnissen. „Hier wird eher evolutionär perfektioniert, als dass Unternehmen über Nacht ganz neue Geschäftsmodelle an den Start bringen.“ Digitalisierung sei hierzulande keine Revolution, sondern eine Evolution. „Bisweilen braucht es einen langen Atem.“

Für die repräsentative Studie „Management im Wandel“ der Commerzbank wurden Führungskräfte der obersten Hierarchie-Ebene von 4000 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mindestens 2,5 Millionen Euro telefonisch befragt.

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