IT+Technik Ein Jahr nach dem Facebook-Deal: Was passiert mit den WhatsApp-Nutzerdaten?

Vor einem Jahr wurde WhatsApp von Facebook übernommen.

Vor einem Jahr wurde WhatsApp von Facebook übernommen. © Sam Azgor/Flickr/Lizenz: CC BY 2.0

Sagenhafte 22 Milliarden Dollar zahlte Facebook für den Kurzmitteilungsdienst WhatsApp. Immer noch steht das Versprechen, dass die Daten der inzwischen 700 Millionen Nutzer nicht ausgewertet werden. Aber wie lange noch?

Es war ein Mega-Deal – doch WhatsApp-Mitgründer Jan Koum wollte die Dimension der gigantischen Kaufangebots für den Kurzmitteilungsdienst herunterspielen. „Letzte Woche habe ich eine Facebook-Freundschaftsanfrage angenommen“, sagte der stets schüchtern wirkende Ukrainer vor einem Jahr. Es war die Untertreibung schlechthin.

Das Geschäft, das am Ende knapp 22 Milliarden Dollar auf die Waage brachte, sicherte Facebook die Dominanz bei Messaging-Diensten – und dem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Koum ein gewaltiges Vermögen. Die inzwischen 700 Millionen Nutzer bei WhatsApp merkten bisher kaum etwas vom Eigentümerwechsel – außer vielleicht, dass der Dienst seit dem Umzug auf die robuste Facebook-Infrastruktur deutlich stabiler läuft.

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Die große Frage steht aber weiter im Raum: Wie lange gilt das Versprechen von Koum und Facebook-Chef Mark Zuckerberg, dass die Kundendaten von WhatsApp und Facebook unter dem gemeinsamen Konzerndach nicht zusammengelegt werden? Es bleibe dabei, heißt es auf Anfragen immer wieder. WhatsApp behielt auch demonstrativ seinen Firmensitz außerhalb des Facebook-Geländes. Erst im Januar wiederholte der für Facebooks hauseigenen Kurzmitteilungsdienst Messenger zuständige Top-Manager David Marcus: „Wir haben keine Pläne, die beiden Dienste zusammenzuführen.“

WhatsApp-Flucht ebbte schnell ab

Das Versprechen der getrennten Datensilos schaffte es aber nicht schwarz auf weiß in die gerade eben aktualisierten Datenschutzregeln von Facebook. Dort heißt es generell, dass Daten zwischen verschiedenen Angeboten aus dem Hause Facebook fließen können. Prompt äußerte der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar die Befürchtung, dass Daten künftig „in großem Maßstab“ auch zwischen Facebook und WhatsApp ausgetauscht werden könnten. WhatsApp betont weiterhin, möglichst wenig Daten über seine Nutzer zu sammeln, während Facebook davon lebt, Werbepartnern gezielten Zugang zu gewünschten Nutzergruppen zu gewähren.

Die Nutzer, von denen viele nach der Bekanntgabe von Facebooks Übernahmeplänen vor einem Jahr in heller Aufregung waren, scheinen sich für das Thema nicht besonders zu interessieren. Die erste Fluchtwelle, die konkurrierende Apps wie Threema an die Spitze der Download-Chats spülte, ebbte schnell ab. Das Wachstumstempo bei WhatsApp nahm laut den wortkargen Mitteilungen von Koum keinen Schaden: 500 Millionen Nutzer im April, 600 Millionen im August, 700 Millionen im Januar. Das hat Tradition, denn schon in den ersten Jahren schreckten die regelmäßigen Warnungen vor Sicherheitslücken die Kunden nicht ab. Inzwischen setzt WhatsApp sogar eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung um.

Facebook hat in seinem Messenger zusätzlich über eine halbe Milliarde Nutzer. Damit ist die Übermacht des weltgrößten Online-Netzwerks im Markt der Messagingdienste komplett. In einigermaßen vergleichbare Dimensionen kommen kann vielleicht gerade noch Apple mit seiner SMS-Alternative iMessage, die auf allen Geräten des Konzerns zuschaltbar ist.

Laut Facebook-Manager Marcus können WhatsApp und der Messenger ganz gut voneinander profitieren, auch ohne Nutzerdaten zu verschmelzen. Man tausche sich etwa regelmäßig über die Strategie aus. „Außerdem ist vereinbart, dass einige neue Funktionen, die wir testen, mit der Zeit bei WhatsApp integriert werden könnten.“ Das solle auch bei anstehenden Projekten zum Geldverdienen der Fall sein. Der Plan sei generell, beim Messenger stärker auf Multimedia-Funktionen zu setzen, während WhatsApp seine schlanke Struktur behalten solle. Koums ursprüngliche Idee war, WhatsApp mit einer Abo-Gebühr von einem Dollar pro Jahr zu finanzieren – was bei hunderten Millionen Nutzern auch einiges an Geld abgeworfen hätte.

Was aussteht, ist noch die von Koum vor einem Jahr angekündigte Sprachtelefonie über WhatsApp. Im Internet tauchten vor kurzem Berichte von Nutzern auf, die eine solche Funktion in ihren Apps auf der Android-Plattform vorgefunden hätten.

Immer mehr Macht für Internet-Dienste

Das wäre der nächste Schritt in einer Entwicklung, in der die Macht von den Netzbetreibern zu Internet-Diensten übergeht. Nachdem ihr eigener SMS-Nachfolger „Joyn“ von WhatsApp und Co. in die Bedeutungslosigkeit verbannt wurde, könnte das auch die Abwanderung des klassischen Telefongesprächs beschleunigen. Und das, während sich die Mobilfunk-Konzerne schon seit Jahren darüber beschweren, dass die Internet-Firmen Geld in ihren Netzen verdienen, ohne an den Kosten für den Aufbau der Infrastruktur teilzuhaben. Facebook kontert, die Online-Dienste machten einen mobilen Datenvertrag erst attraktiv.

Der 38-jährige Koum, der als Teenager mit seiner Mutter in die USA kam und in armen Verhältnissen aufwuchs, kann mit dem WhatsApp-Verkauf als Inbegriff des amerikanischen Traums gelten. Er bekam bei Abschluss der Übernahme im Oktober Facebook-Aktien im Wert von knapp zwei Milliarden Dollar. Als symbolische Geste unterzeichnete er die Verkaufspapiere auf den Stufen des Gebäudes, in dem er einst mit Lebensmittel-Karten der Sozialbehörde anstand.

Der Milliardenpreis für WhatsApp erscheint ein Jahr später gar nicht mehr so schockierend. So hieß es just zum Jubiläum, die Fotoplattform Snapchat – die einst Facebook einen Korb gab – wolle Geld bei Investoren zu einer Bewertung von bis zu 19 Milliarden Dollar einsammeln. Genau soviel wollte ursprünglich auch Facebook für WhatsApp zahlen, bevor der steigende Aktienkurs den Betrag hochtrieb.

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