IT+Technik „Fachkräftemangel gibt es nur, wenn man den jungen weißen Singlemann sucht“

Netzwerke wie webgrrls.de und Geekettes sind eine effektive unterstützen sich Frauen, die in der Internet- und Technologiebranche arbeiten.

Netzwerke wie webgrrls.de und Geekettes sind eine effektive unterstützen sich Frauen, die in der Internet- und Technologiebranche arbeiten. © Igor Mojzes - Fotolia.com

Die Technologiebranche ist eine der wichtigsten Branchen überhaupt - und ihre Bedeutung nimmt stetig zu. Doch nach wie vor ist das Techie-Umfeld männerdominiert. In Communities, wie den Webgrrls und Geekettes, schließen sich Frauen nun zusammen und unterstützen sich gegenseitig. impulse.de hat mit zwei gut vernetzten Programmiererinnen gesprochen.

Frauen, die selbst programmieren, Informatik lehren oder ein Tech-Unternehmen leiten, sind nach wie vor selten. Doch immer häufiger vernetzen sich webaffine Frauen, um in der männerdominierten IT-Branche Fuß zu fassen. impulse hat mit Sandra Becker, Vorstandmitglied der Webgrrls, und Jessica Erickson, Gründerin von Geekettes, über die Chancen und Herausforderungen weiblicher Techies gesprochen.

Wer sind die Geekettes?

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Die Geekettes sind ein Netzwerk, das technikbegeisterte Frauen unterstützt und ihnen Berufe in der IT-Branche näherbringt. „Es gibt wenige Frauen in der Tech-Branche, aber es können mehr werden“, ist Jess Erickson überzeugt. Zusammen mit ihrer deutschen Kollegin Denise Philipps gründete die Amerikanerin das Netzwerk 2011 in Berlin. Der Name „Geekettes“ selbst leitet sich von „Geeks“ ab, Computerfreaks. Neben Workshops und Vorträgen organisieren die Geekettes den ersten weiblichen Hackaton, eine Nacht des Programmierens. Mittlerweile ist das Netzwerk eine Schnittstelle zwischen Firmen und 2000 weiblichen Techies.

Wer sind die Webgrrls?

Die Webgrrls sind ein bundesweites Netzwerk von Frauen, die in der Technologie und den Neuen Medien arbeiten. Der Verein mit 600 Mitgliedern wurde vor 17 Jahren gegründet. Neben dem Erfahrungsaustausch bei Frauen-Stammtischen und einer Jobbörse bietet das Netzwerk auch technische Unterstützung. „Wir arbeiten über Mailinglisten. So kann ein Problem beim Programmieren schnell im Netzwerk gepostet und gelöst werden“, erzählt Sandra Becker. „Ich lese auch gerne die Posts mit und lerne so auch dazu.“ Ein weiterer Schwerpunkt sei das Netzwerk mit dem Frauenrat und dem deutschen Ingenieurinnenbund. „Es ist wichtig, ein Frauennetzwerk zu haben und sich gegenseitig zu unterstützen.“

Warum sollen sich Frauen in der Internetbranche vernetzen?

Frauen wollen sich vernetzen und ihre Position stärken, ist Becker überzeugt: „Es wird immer vom Fachkräftemangel gesprochen, aber den gibt es nur, wenn man nur den jungen weißen Singlemann sucht, der mit super Uniabschluss extrem flexibel ist und überall auf der Welt arbeiten will. Es gibt aber viele qualifizierte Frauen, die Probleme haben, beruflich voranzukommen.“

Aktuell sei die stark männerorientierte Informatik im Aufbruch: „Die IT ist in der Gesellschaft und im Alltag angekommen. Es gibt keine Tätigkeit mehr ohne Informatik, von der Steuererklärung bis zur Supermarktkasse“, sagt Becker. Die Branche habe sich geöffnet für Quereinsteiger und es gebe berufliche Weiterbildungen. Das sei eine Chance für beide Seiten, die Männer und die Frauen.

„Nach dem NSA-Skandal steht die Informatik aber auch vor gesellschaftlichen und sozialen Herausforderungen und der Frage für wen programmiere ich und wie wird mein Code genutzt“, hebt Becker hervor. Gerade Frauen würden diese sozialen Gedanken nicht ignorieren. „Von mehr Frauen würde die ganze Branche profitieren.“

Davon ist auch Jess Erickson überzeugt: „Zusammen werden wir smarter sein und auch die Firmen profitieren durch den Dialog und durch erfolgreiche neue frauenorientierte Produkte.“ Zum Beispiel die App Bellabeat für Schwangere oder Clue, eine App zur Kontrolle des weiblichen Zyklus. „Wir brauchen mehr Frauen in der Technologiebranche und weniger Diskriminierung“, so Erickson.

Was bereitet Frauen Probleme, sich in der Informatik zu etablieren?

Als Frau in der Technologiebranche erfolgreich zu sein, sei aufregend. „Es macht mir Spaß, die Rollen aufzubrechen und neu aufzustellen“, erzählt Erickson, die einige Jahre in einem Technologieunternehmen in New York gearbeitet hat, bevor sie nach Berlin kam. „Alte Strukturen müssen überdacht werden.“ Genau das passiere nun durch die Innovation der Start-ups. „Sie sind schneller und haben mehr Inspiration als die großen Konzerne, die jetzt dazu lernen, investieren und nachziehen wollen.“

Die Informatik sei eine männerdominierte Branche und diese würden versuchen, ihre Positionen zu verteidigen. Viele Frauen würden sich denken: „Ich will nicht immer nur kämpfen müssen, sondern einfach meine Arbeit machen“, sagt Becker. „Wenn sich die Frauen wehren, habe ich auch schon von regelrechten Shitstorms gegen diese Frauen gehört. Es fehlt deswegen auch an Vorbildern in der IT-Branche, Frauen, die Frauen fördern.“ Ein weiteres Hindernis für Frauen sei die schwere Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland. Dazu komme das im Bildungssystem stark zwischen Anwendung und Wissenschaft sowie Informatik und Mediengestaltung getrennt werde, statt Kooperationen zu fördern.

Gründe, warum mehr Frauen in den Neuen Medien gebraucht werden

Für Sandra Becker gib es ein zentrales Problem: „Frauen stellen die Hälfte der Gesellschaft und in der Informatik tauchen sie nicht auf.“ Dabei wäre es ein großer Gewinn für die Branche, mit mehr Frauen und gemischten Teams zu arbeiten. „Frauen tragen ein größeres Maß an Verantwortung, das zeigt sich schon daran, dass sie die Kinder großziehen und sich deutlich mehr in Ehrenämtern engagieren.“ Studien, die nur von Männern erstellt würden und auch Bilderwelten sowie Computerspiele würden stark mit Frauen-Stereotypen arbeiten. „In gemischten Teams würden sich Männer das nicht mehr trauen.“

Für Jess Erickson ist die Technologiebranche die Zukunft. „Tech ist die neue Sprache und verändert alles. Warum sollten Frauen nicht ein Teil davon sein?“, betont sie.  „Wenn die Frauen nicht jetzt aktiv werden, wann dann?“ In zehn Jahren werde alles noch schwieriger. „Es ist wichtig, jetzt die Samen zu säen und wachsen zu lassen.“

Tipps

„Positiv denken“ ist der wichtigste Tipp von Jess Erickson. „Es ist ein Vorteil, eine Frau zu sein.“ Auch wenn es auf den ersten Blick in der Technologiebranche nicht so scheine, würden Frauen auffallen in der Branche. „Diese Aufmerksamkeit müssen sie nutzen.“ Ein Netzwerk für Frauen sei unverzichtbar. „2011 waren wir sieben Frauen, 2014 sind wir 2000 Geekettes“, erzählt Erickson. Egal ob in der Wirtschaft, der Technologie oder der Regierung. Frauen sollten sich viel mehr unterstützen und inspirieren. „Mentor-Programme helfen dabei, aber es gibt noch nicht genug weibliche Vorbilder“, so Erickson, die Zoe Adamovicz und Sheryl Sandberg zu ihren Vorbildern zählt.

„Mit anderen Frauen im Gespräch sein, ohne die Männer auszuschließen, ist wichtig“, sagt Sandra Becker. Netzwerke und auch Mentoren seien eine große Hilfe. Man müsse auf die eigenen Qualifikationen und Vorstellungen vertrauen und herausfinden, mit wem man diese teilen kann. „Unterstützung bieten zum Beispiel der Hildegardis-Verein mit dem Mentoring-Programm für Studentinnen mit und ohne Behinderung an, die Initiative Arbeiterkind oder die Frauenbeauftragten an den Hochschulen.“

Es könne auch sinnvoll sein, ins Ausland zu gehen, wo die Wirtschaft offener für Frauen in den Neuen Medien sei. In Skandinavien, Irland, Jemen und sogar den USA würden die Frauen bessere Chancen und später mit ihren erfolgreich abgeschlossenen Projekten dann auch wieder in Deutschland. „Die mangelnde Beteiligung von Frauen ist innovationshemmend, die Ideen fehlen“, ist Becker überzeugt.

Als Lösung halte sie die Frauenquote deshalb für sinnvoll. Denn solange die Frauen nicht in den entscheidenden Gremien seien, würden Förderungen wie der Girls‘Day nur wenig bringen. „Erfolg im Technologiegeschäft wird den Mädchen versprochen, doch an der Schule und der Universität wird ihnen das Wissen nicht gut genug vermittelt, viele springen ab und die wenigen, die ein Studium schaffen, finden am Ende nur schwer einen Job. Es sind falsche Versprechungen.“

Eine Frauenquote ist für Jess Erickson hingegen keine Lösung. „Wir sehen uns als Graswurzelbewegung. Die Frauen sollen selbst die Wende schaffen, ohne vorgegebene Regeln“, sagt sie. „Wir wollen, dass man ihre Fähigkeiten und Qualifikationen anerkennt und nicht nur den Job gekommen, weil sie eine Frau sind.“

 

jess-erickson-geekettes Jessica Erickson, 30, ist die Gründerin von Geekettes, einer Organisation mit Sitz in Berlin, die Frauen in der Technlogiebranche weltweit vernetzt und unterstützt. Jessica wurde in Minnesota, USA, geboren und studierte internationale Beziehungen und einen Master in Medien und Kommunikation an der School of Economics in London. Sie ist zudem die Produzentin von General Assembly in Berlin, einem Campus, der Gründern durch die Community und Weiterbildung in den Bereichen Technologie, Unternehmertum und Design unterstützt.

sandra-becker-webgrrlsSandra Becker, 46, ist Diplom Designerin und Medienkünstlerin. Als Vorstandsmitglied des Vereins webgrrls.de und Beisitzerin im Bundesvorstand des Deutschen Frauenrates engagiert sie sich für Frauen in den Neuen Medien. An der Universität Potsdam promoviert sie in der Informatik.

 

2 Kommentare
  • Meister12 31. Juli 2014 19:33

    Halloooo?

    Was ist mit den nicht jungen und mit Familie „behafteten“ Frauen und Männern?
    Sind sie keine Fachkräfte?
    Oder ist man mit über 55 dement?

  • Joe 28. Juli 2014 16:45

    Sorry, aber das liest sich mal wieder wie feministische Propaganda.

    Ich habe aufgehört zu lesen, als ich las:“Frauen tragen ein größeres Maß an Verantwortung, das zeigt sich schon daran, dass sie die Kinder großziehen und sich deutlich mehr in Ehrenämtern engagieren.”

    Geht’s noch?

    Beide tragen genauso viel Verantwortung in der Gesellschaft! Die Betonung liegt auf Gesellschaft. Ohne Kinder gibt es keine Gesellschaft und ohne Leute, die die ganz großen Entscheidungen treffen und nicht davor zurückscheuen Fehler zu machen, gäbe es ebenfalls keine Gesellschaft. Beides ist gleich wichtig.

    1. Es gibt überhaupt kein Problem, denn es passiert genau das, was die Natur vorgesehen hat. Niemand nimmt irgendjemandem etwas weg. Über Jahrtausende hat sich etabliert, dass Männer besser dazu geeignet sind zu arbeiten und eben dass Frauen „vielleicht“ besser zur Kindererziehung geeignet sind. Wer das in Frage stellt hat keine Ahnung vom Leben ist geblendet vom Kapitalismus, der suggeriert dass jeder gewinnen kann. Gepaart mit Feminismus würde es dann heißen: Frauen müssen gewinnen und Männer dürfen nicht gewinnen.
    Verben wie „sich wehren“ haben in dieser Diskusion überhaiupt nichts verloren. Es ist nicht der Mann der gegen die Frau kämpft oder umgekehrt, sondern wir allem kämpfen gegen einander für das Kapital!!
    Es wäre einfacher, wenn die Aufgaben in der Gesellschaft so verteilt wären, dass der am besten qualifizierte den Job erledigt. Ohne Quoten!

    2. Die meisten Frauen wollen nichts mit Technik zu tun haben, genausowenig wie die meisten Männer Erzieher werden wollen. Wer es dennoch will, dem stehen alle Chancen offen, man muss eben nur damit klarkommen dass man dann die Ausnahme ist. Wem das nichts ist, der kann dann schlecht mit Ausgrenzung argumentieren.

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