IT+Technik Industrie 4.0: Frau Merkels wirre Schelte

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Bundeskanzlerin Angela Merkel beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos.

Bundeskanzlerin Angela Merkel beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos.© dpa

Es war ein Rüffel an die versammelte deutsche Wirtschaftselite: Deutschland liege bei der Verschmelzung von Industrie und Digitalisierung gefährlich weit zurück, sagte Angela Merkel während des Weltwirtschaftsforums in Davos. Unternehmer und impulse-Blogger Sebastian von Bomhard erklärt, warum die Industrie gut daran tut, nichts zu überstürzen.

Eltern, die sich über die unaufgeräumten Zimmer ihrer Kinder ärgern, haben verschiedene Möglichkeiten. Belohnungsversprechen, das berühmte „ernste Wort“, Sanktionen. Oder aber, besonders gemein, sie gehen auf Facebook, achten durch geeignete Tags drauf, dass alle Klassenkameraden der Kinder zuhören, und lesen ihnen dann die Leviten. Öffentlich, mitten in ihrer Peergroup.

Würden Sie nie machen? Richtig, ich auch nicht. So etwas macht nur Angela Merkel, die in Davos die versammelte deutsche Wirtschaftselite düpierte, zumindest laut eines Kommentars im Managermagazin: „Die digitalen Dämmerer“. Wir verlören den Anschluß an die digitale Entwicklung, die deutsche Industrie falle gefährlich zurück, da sie sich nicht ausreichend um „Industrie 4.0“ kümmere.

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Muss man das ernstnehmen? Seit wann sind typischerweise Politiker im Allgemeinen und Frau Merkel im Speziellen anerkannte Spezialisten, wenn es um Digitalisierung geht? Unvergessen Frau Merkels Aussage beim Besuch des amerikanischen Präsidenten am 19. Juni 2013. Die Bundes­kanz­lerin konstatierte vor nicht einmal zwei Jahren, das Internet sei für „uns alle“ Neuland. Mich kann sie da nicht gemeint haben und genauso wenig alle Menschen, die ich persönlich kenne. Eineinhalb Jahre später ist sie sich nun sicher, dass sie in dem von ihr entdeckten Neuland für weitere Siedler zu sorgen hat.

Warum es vernünftig sein kann abzuwarten

Worum es genau geht, wird sie im Zweifel nicht sagen können. Industrie 4.0 ist ein Denkansatz, mehr nicht, aus dem vielleicht irgendwann etwas Revolutionäres werden wird. Es geht um selbstorganisierende IT und selbstlernende Software, ultraflexible Produktionsprozesse, bei denen nicht langsame Menschen, sondern leistungsfähige Computer die Steuerung übernehmen. Ein spannender Ansatz, zumindest aus technischer Sicht. Heute verbergen sich hinter dem Begriff lediglich einige Forschungsprojekte. Konkrete einsatzfähige Lösungen gibt es höchstens an einzelnen Stellen. Gehen wir davon aus, dass die Wirtschaft in diesen Forschungs­projekten gut vertreten ist. Vielleicht ist dann aber genau das der Grund, wieso eben nicht gewaltsam alle Fabriken über Nacht umgerüstet werden. Weil die ach so mutlose deutsche Wirtschaft vielleicht einfach sieht, dass es nichts zu sehen gibt? Noch nicht, von mir aus?

Ich halte das schlicht für vernünftig. Bekanntlich beißen die Hunde nur die Letzten, nicht die Vorletzten. Die (schlimmstenfalls) Vorletzten haben noch ihre Ersparnisse und können investieren, was sie von den Ersten unterscheidet. Die Ersten sind die, die sich die blutigen Nasen holen. War Google die erste Suchmaschine? Sicher nicht, das war auch nicht Altavista, was manche meinen, nein, wenn ich nicht irre, war es Archie. Oder wer erinnert sich noch an orkut? Facebook kam viel später aus seiner Nische, auch wenn es ungefähr gleichzeitig programmiert worden war. Orkut gibt es nicht mehr. War mal Marktführer in einem überschaubaren Markt. Meine erste Internetquelle für Bücher war übrigens Book Stacks Unlimited (books.com). Da gab es Amazon noch nicht. Wenn Amazons Erfolg die „Strafe“ dafür ist, erst einmal abgewartet zu haben, wie es den echten Pionieren ergeht, dann halte ich die Strafe für ebenso erträglich wie einträglich.

Wer will basierend auf diese Erkenntnis BMW raten, alle Werke so umzubauen, dass man sie per App steuert und alles, was einen gewissen Komplexitätsgrad übersteigt, künftig nicht mehr Menschen, sondern direkt der EDV anvertraut? Nur weil man schneller sein will als die Japaner? Oder, schlimmer, nur weil Frau Merkel sonst beim nächsten Davosgipfel zetern könnte? Das sind keine ausreichenden Motive. Ein echtes Angebot gibt es ohnehin noch nicht, auch wenn der Telekomvertrieb, der Frau Merkel berät, ihr da vielleicht einen anderen Floh ins Ohr setzen will.

Warum ein weniger aufgeregtes Herangehen sinnvoll wäre

Aber wenn wir gerade bei Hausaufgaben sind: Was genau bekommt man als Antwort, wenn man nach dem Digitalisierungskonzept der Bundesregierung fragt? Was sind die Schlagwörter, die die Bundesregierung anbietet zum Thema? Da geht es immer zuerst um den Breitbandausbau in der Fläche. Es ermöglicht zwar der Unterhaltungsindustrie, auch in strukturschwachen Gebieten die einzelnen Haushalte mit ihrem Angebot auch in HDTV zu erreichen. Das hat jedoch nichts mit Industrie 4.0 zu tun.

Oder die gern leicht inhaltsleer diskutierte Netzneutralität, zu der ich schon Stellung bezogen habe, die eher dazu geeignet ist, von den eigentlichen Problemen abzulenken.

Nicht zu vergessen die Aktivitäten zum Thema Sicherheitstechnik. Hier werden amtlich vorgeschriebene Hintertüren bei den Providern in die Telekommunikationsüberwachungsverordnung (TKÜV) geschrieben, da werden für viel Geld Listen von IT-Schwachstellen gekauft, dann aber werden den Bürgern die Erkenntnisse vorenthalten. Anstatt Verschlüsselungstechnik zu fördern, den wirksamsten Schutz vor Hackerangriffen und Datenspionage, denkt man lieber drüber nach, zuverlässige Verschlüsselung zu verbieten. Dafür diskutiert man eine Veröffentlichungspflicht für Cyberangriffe. Und dann beklagt man, dass so viel zum Thema IT im Ausland passiert, weigert sich aber, Rechenzentren bei den Stromsteuern entgegenzukommen. Die Liste der Aktivitäten der Regierung, die die Arbeit der Digitalbranche behindert, lässt sich beliebig fortsetzen.

Kritisieren ist einfach. Was also kann man tun? Auf jeden Fall wäre ein weniger aufgeregtes Herangehen an dieses und alle verwandten Themen sinnvoll. Es gibt genügend kreative Köpfe bei uns in Deutschland. Die muss man nicht mal speziell fördern. Es genügt, sie einfach in Ruhe arbeiten zu lassen.

1 Kommentar
  • Dr. Böhm 21. Mai 2015 07:31

    Was soll denn Industrie 4.0 sein? Und wieso glaubt die dümmliche Frau Merkel, daß sie der Industrie Ratschläge geben muß?
    In unserem Kleinunternehmen laufen seit 1986 CNC-Maschinen, seit Anfang der 90er Jahre (des vorigen Jahrtausends) werden die Programme über CAM-Software erstellt, Kundendaten kommen per Mail (oder per Datenträger, da unsere Regierung ja nicht Willens oder in der Lage ist ausländiche Spione auszuschalten) usw. Die Möglichkeit unsere Daten in die „Cloud“ zu schicken kennen wir, wollen diese aber nicht nutzen. Maschinenüberwachung durch das Internet? Kennen wir, halten wir aber für Wahnsinn (Unsere Werkzeugmaschinen werden bisher nicht durch Viren aus dem Internet lahmgelegt). Nur weil sie modern genannt wird, machen wir nicht jede Dummheit mit. Technischer Fortschritt wird genutzt wo er einen Vorteil bringt oder wir glauben, daß er einen Vorteil bringen würde. Bloß weil ein paar Clowns meinen ein neues Schlagwort erfunden zu haben, ändern wir nichts.

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