IT+Technik „Es gibt noch immer Unternehmen, die mit Papierbelegen arbeiten“

Lagerstrukturen weltweit verändern sich – und der deutsche Mittelstand hinkt in Sachen technischer Anpassung hinterher. Dabei ist es gar nicht so schwierig, das richtige Lagerverwaltungssystem für sich zu finden, sagt Detlef Spee, Materialfluss- und Logistikexperte am Fraunhofer-Institut in Dortmund.

Herr Spee, wie sieht das „Lager der Zukunft“ aus?

Es gibt seit Jahren die Tendenz, dass es immer mehr automatische Kommissionierautomaten und Kommissioniersysteme gibt. Das heißt, das Zusammenstellen und Packen bestimmter Artikel wird immer weniger von Menschenhand geschehen. Und das wird in dem Maße weiter zunehmen, indem Roboter mobiler werden und besser mit Menschen zusammenarbeiten können.

Noch sind wir aber nicht soweit.

Das stimmt, aber die Entwicklung ist mit Blick auf den demografischen Wandel unausweichlich: Es wird immer weniger Leute geben, die im Lager arbeiten können. Laut einiger Expertenmeinungen, werden wir 2025 zehn Prozent weniger Menschen haben, die in einem arbeitsfähigen Alter sind. Und weil Lagerarbeit körperlich anspruchsvolle Arbeit ist, wird man versuchen, die Leute durch Automatisierung und Roboter immer stärker zu entlasten.

Werden dort dann bald keine Menschen mehr arbeiten?

Maschinen und Roboter werden immer mehr können und die Menschen aus den Lagern drängen. Vor allem im Bereich Kommissionieren, dem personalintensivsten Bereich im Bereich Lagerung. Kurzfristig, also in absehbarer Zukunft wird es jedoch weiterhin Lagermitarbeiter geben, aber die werden mit Sicherheit anders arbeiten.

Was bedeutet das?

Wir haben bereits die letzten 20 Jahre einen Paradigmenwechsel beobachtet: Sie brauchen heute Leute, die gut ausgebildet und fähig sind, komplexe Dinge zu tun. Vor 20-25 Jahren waren viele Lager, salopp gesagt, eher Abschiebeorte für Zurückgebliebene. Früher konnten sich die Unternehmen ihre Auszubildenden aussuchen, heute ist es umgekehrt. Das Gleiche könnte auch bald für die Lagerarbeiter gelten. In der Folge werden die Leute teurer und die Arbeitsbedingungen besser, weil die weniger werdenden Arbeiter durch ihre bessere Bildung in einer besseren Verhandlungsposition sind.

Also mehr Technik. Was sind dabei die Herausforderungen?

Die Unternehmen, bei denen sich die Strukturen schnell ändern können, tun sich bei der Automatisierung schwerer. Man muss sich genau klar machen: Welche Entwicklungen bei meinen Aufträgen, Artikeln oder Mengen kommen auf mich zu? Wie werden sich beispielsweise die Auftragsstrukturen entwickeln? Ändern sich die Artikel zum Beispiel auf Grund des technischen Wandels? Werden große Artikel irgendwann zu kleinen? Ändern sich die Randbedingungen, werden die Artikel auch anders gelagert werden müssen. Wenn die Technik diese Änderungen nicht verarbeiten kann oder ich meine Technik dieser Entwicklung nicht anpassen kann, dann wird es schwierig, zu begründen, warum ich automatisiere.

Das heißt, man braucht flexible Systeme.

Das kommt drauf an, was man macht. Bei einem Schuhhändler, der Schuhhändler bleiben will, ist das Automatisierungspotential verhältnismäßig groß. Denn Schuhe in ihren Kartons, sind leicht zu handhaben, weil quadratisch, praktisch, gut. Er muss sich lediglich fragen, ob er die Ware in großen Mengen versendet, weil Schuhhäuser im Push-Prinzip versorgt werden sollen, oder ob er einzelne Artikel verschickt, wie im E-Commerce oder weil die Läden einzeln nachbestellen. Wenn die Frage beantwortet ist, kann man für sich entscheiden, ob man ein statisches Automatisierungssystem braucht oder mobile Roboter. Generell gilt aber: Eine Investition ist nur solange gut, wie sie die Funktionalitäten erfüllt, die ich brauche. Und das Geschäft ändert sich. Deswegen werden flexible, anpassungsfähige Systeme immer bedeutsamer.

Wie weit ist der deutsche Mittelstand im Hinblick auf die Automatisierung?

Dort besteht noch Optimierungsbedarf. Denn es gibt sogar noch Unternehmen, die beispielsweise ohne WMS, also ohne elektronisches Lagerverwaltungssystem, arbeiten. Ebenso gibt es immer noch Unternehmen, die mit Papierbelegen arbeiten und teilweise keine Barcodeunterstützung – und damit auch kaum Transparenz in ihren Prozessen haben. Auch passende Technik, die mehr kostet, aber auch einen höheren Nutzen bringt wird den Universalgeräten häufig nicht vorgezogen. Viele schrecken die Investitionskosten ab. Dabei rechnen sie oft schlicht nicht ordentlich, um etwa zu erkennen, dass man zum Beispiel mit einem Kommissionierfahrzeug wesentlich mehr Leistung schaffen kann. Gerade im Mittelstand sehen manche Lager im Großen und Ganzen noch so aus wie vor 15 Jahren.

 

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