Auto-Hi-Fi So wird Ihr Auto zum rollenden Konzertsaal

Im Auto geht guter Klang oft verloren. Dabei braucht es nicht viel für besseren Sound, mehr Dezibel und tiefe Bässe. Wie Sie Ihr Auto aufrüsten können - für eine Klangqualität wie die einer Hi-Fi-Anlage.

 

In Denis Hennings’ Werkstatt steht eine alte S-Klasse. Den ganzen Winter schon bastelte er immer mal wieder an dem Youngtimer, den sich ein Taxiunternehmer als Sommerauto geleistet hat. Nicht, weil die Nobelkarosse nicht mehr fährt. Nein, Hennings ist Inhaber von Planet-Car Audio, einer auf Auto-Hi-Fi spezialisierten Werkstatt in Hamburg. Die S-Klasse bekommt einen ganzen Satz neuer Lautsprecher: Hochtöner fürs Armaturenbrett, Mitteltöner in die Tür und in den Kofferraum das Herzstück der Musikanlage, der Subwoofer – ein wuchtiger Basslautsprecher, ohne den auch bei klassischer Musik ein ganzer Frequenzbereich zu kurz kommt. Die Herausforderung, an der Hennings noch arbeitet: Der Subwoofer braucht eine Verbindung zur Fahrgastzelle.

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3500 Euro kostet die Sound-Aufwertung inklusive Verstärker, Dämm- und Bastelarbeiten. „Solche Autos bekomme ich jede Woche rein“, sagt Hennings, „meistens von Unternehmern, immer nur am Schuften.“ Und die gönnen sich jetzt ein Auto nach Maß – auch beim Klang.

Viele namhafte Hi-Fi-Hersteller machen heute einen Großteil ihres Umsatzes als Zulieferer für die Autobranche und lassen ihr Equipment schon ab Werk einbauen. In den 80ern bastelten die Kunden oft noch selbst für den Wunsch-Sound. Wer sich aber heute ein Luxusauto gönnt, erwartet auch Luxus beim Klang.

Teuer heißt nicht automatisch gut

Vor allem Premiummarken wie Bugatti, Porsche, Jaguar oder Daimler haben das erkannt und maßgeschneiderte Systeme von Hi-Fi-Herstellern wie Bose, Bang & Olufsen oder Burmester im Programm – zu Preisen, für die man teilweise ein ganzes Auto bekäme. Klangempfinden ist aber subjektiv. „Mir zum Beispiel ist Bose zu basslastig, den Bang-&-Olufsen-Sound im Audi finde ich aber ganz ordentlich“, sagt der Hamburger Auto-Hi-Fi-Experte Guido Pötter. Nicht jedem gefällt automatisch die Premiumanlage in seinem neuen Mercedes. Deshalb haben sich ganze Werkstätten auf den individuell abgestimmten Klang im Auto spezialisiert.

Viel auszugeben kann sogar schaden, sagt Hennings von Planet-Car Audio. „Gerade kam jemand mit seinem neuen Ford Focus, der extra ein gutes Sound-Paket gebucht hatte – und dann war er mit dem Klang unglücklich.“ Das Problem beim Nachjustieren: In modernen Autos kann das Radio selten einfach ausgewechselt werden, da es zu eng mit dem Bordsystem verbunden ist. Um Lautsprecher einzusetzen und Bleche zu dämmen, müssen Türverkleidung, Knöpfe und Kabel ausgebaut werden. Kein leichtes Unterfangen, wenn die Originaloptik bleiben soll. Hinzu kommt: Das Auto ist ein akustischer Albtraum. Fahrgeräusche, vibrierende Bleche, Plastik und jede Menge schallreflektierendes Glas schmälern die Klangqualität. Am besten sei es, sagt Werkstattinhaber Hennings, der Kunde käme schon vor dem Autokauf zum Hi-Fi-Experten: Je umfangreicher die Werkausstattung, desto schwieriger könne es werden, den Klang individuell hinzubiegen.

Aber wenn der erst mal gefunden ist, kann eine gute Anlage den Kunden lange begleiten. „Schauen Sie mal in den Jeep hier“, sagt Hennings und hebt den Kofferraumboden an. „Diese Alpine-Endstufe baue ich für den Kunden schon ins dritte Auto ein.“ Jeder Wagen ist eine neue Herausforderung: Die Türen wollen gedämmt, Nischen und Lücken für Verstärker und Kabel gefunden werde. Die Lautsprecher brauchen einen Platz, an dem sie gut klingen, ohne die Optik zu stören. Für den Jeep hat Hennings kleine Hochtöner-Halterungen fürs Armaturenbrett geschreinert und im passenden Leder beziehen lassen. Und unter dem Kofferraumboden sitzt nun dezent der Subwoofer.

Gute Lautsprecher machen viel aus

Bei echten Auto-Hi-Fi-Fans nimmt der Basslautsprecher schon mal die ganze Ladefläche ein – gern auch für alle sichtbar. Die Klangkammer von Sören Beißbarth belegt zwei Drittel seines Audi A6. Dreht er am Regler, scheint die Welt unterzugehen. Was aus den Boxen kommt, ist nicht laut, es ist ein Urzeitgrollen. Die Bässe wabern durch den Körper, dabei hat der junge Bäcker noch gar nicht aufgedreht.

An seiner Heckklappe diskutiert ein Grüppchen fachkundig die Sound-Installation, bevor es auf dem Bremer Parkplatz zum nächsten Wagen geht – ebenfalls ausgestattet mit Klangtechnik im Wert von mehreren Tausend Euro. „SQPL Society“ nennt sich die Gruppe aus Bremen. Junge Männer, Studenten, Handwerker, technische Berufe. Keine Dorfproleten, die beim McDrive mit Technobeats dröhnen, sondern Bastler, die nie zufrieden sind mit dem, was aus ihrer Auto-Hi-Fi-Anlage schallt. Deutschlandweit gibt es etliche Gruppen der Hobby- und Profi-Klangschrauber. Sie treffen sich auf Regional-, Landes- und Europameisterschaften, um in zwei Disziplinen anzutreten: Die „Sound Pressure League“ fordert maximalen Schalldruck, der auf vorgegebener Frequenz und aus sicherer Entfernung gemessen wird. Bei der „Sound Quality“ hingegen prüfen feinohrige Juroren das Auto auf Konzertsaal-Qualitäten.

In dieser Disziplin war Guido Pötter mehrfach Europa-Meister. „Damals haben wir beim Wettbewerb richtig Ballett gemacht: Wir haben Technik für 15.000 Euro verbaut, davon waren 3000 Euro nur für die Kabel.“ Gute Werbung für Pötters Familienbetrieb, der seit den 90ern hochwertige Anlagen in die Wagen von Hamburger Kunden einpasst. Wer will, kann auch heute noch viel Geld in sein Auto stecken, 5000 bis 10.000 Euro rechnet Pötter für eine Anlage, mit der man eine große Klangbühne erlebt wie im heimischen Wohnzimmer. Doch solche Aufträge seien selten geworden. Für die meisten Ansprüche kommt der Kunde heute schon mit einem Budget von 1000 Euro aus.

Die Anpassung des Klangprofils – ein aufwändiger Prozess

Das weiß auch Pötters Branchenkollege Hennings. „Die meisten Kunden sind mit 90 Prozent zufrieden. Denen baue ich vorn Lautsprecher für 200 Euro ein“, sagt er. „Wenn sie 95 Prozent wollen, sind wir bei 500 Euro. Jedes weitere Prozent kostet richtig.“ Lohnt das? „Nicht, wenn man MP3s vom USB-Stick hört. Aber ich habe auch Kunden mit Pink-Floyd-CDs, die werden in dieser Qualität gar nicht mehr hergestellt.“

Wie ein Maßschneider lässt Hennings seine Kunden zur Anprobe, dann zum Fitting kommen. Die Lautsprecher brauchen Zeit, um sich einzuspielen, und der Kunde soll sich in das Klangprofil reinhören, bevor Hennings die letzten Feinabstimmungen vornimmt. Die trifft er meist mit dem Laptop und digitalen Klangprozessoren, kurz DSP. Sie sind heute Standard bei besseren Hi-Fi-Einbauten und wichtig, um die über den Innenraum verteilten Lautsprecher zu einem harmonischen Chor zu vereinen.

Eine Qualität, die sich vor allem der jüngeren Generation nicht mehr erschließt, beobachtet Guido Pötter. „Wissen Sie, wie mein Sohn Musik hört? So!“, sagt er und lässt den Lautsprecher seines iPhones quäken. Es wird wohl mal wieder Zeit für ein bisschen Ballett.

Mit welchen Auto-Hifi-Komponenten Sie den Klang Ihres Autos veredeln können, sehen Sie oben in unserer Bildergalerie.

 

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