Digitalisierung Dem deutschen Mittelstand droht eine digitale Zweiklassengesellschaft 

Alles wird digital - und wer als kleiner Mittelständler hier nicht mithalten kann, muss Angst haben, abgehängt zu werden.

Alles wird digital - und wer als kleiner Mittelständler hier nicht mithalten kann, muss Angst haben, abgehängt zu werden.© seraph / photocase.de

Gerade kleine Mittelständler in Deutschland würden ihre Geschäftsmodelle gerne digitaler machen und sich damit für die Zukunft rüsten. Doch eine Analyse zeigt: Sie können nicht so, wie sie wollen.

Jeder dritte Mittelständler hierzulande scheitert laut einer Studie bei dem Versuch, stärker auf den Trend der Digitalisierung zu setzen. Die größten Hemmschuhe sind demnach zu kleine Budgets, Fachkräftemangel oder fehlendes Wissen im eigenen Betrieb. Ausgerechnet kleine Mittelständler gerieten so oft in die Bredouille: Sie fielen im Vergleich zu den Branchengrößen zurück, obwohl gerade sie von den Früchten der Digitalisierung profitieren könnten.

Industrie, Bau- und Energiebranche laufen hinterher

Diese Warnung vor einer Zweiklassengesellschaft bei der Digitalisierung des Mittelstandes ist ein Ergebnis einer Analyse des Beratungskonzerns EY aus Stuttgart. Die Studie umfasst 3000 Betriebe und ist laut EY repräsentativ für den gesamten deutschen Mittelstand. Der gilt als Rückgrat der Wirtschaft. Seit Montag macht auch die Weltleitmesse CeBIT die Chancen und Risiken des Mittelstands beim digitalen Wandel zum Thema. Es geht dabei etwa um Online-Bezahlsysteme, die Kundenbetreuung per Smartphone-App oder intelligente Logistik und Produktion, aber auch automatische Verschleiß- und Wartungshinweise.

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Die gute Konjunktur in den Betrieben überdecke das Problem derzeit noch, sagte EY-Partner und Studienleiter Peter Englisch. Er warnte: „Wenn die Zeiten schlechter werden, wird sich die Spreu vom Weizen trennen und Unternehmen mit konsequenter Digitalisierungsstrategie werden einen Vorteil im Wettbewerb haben.“ Während Dienstleister und Handel schon heute verstärkt auf die Digitalisierung setzten, liefen die Industrie sowie der Bau- und Energiebereich meist noch hinterher.

Bedeutung digitaler Technologien wächst weiter

Generell scheint der Einzug digitaler Technologien in den deutschen Mittelstand nicht mehr aufzuhalten. Bei gut jedem zweiten Unternehmen (54 Prozent) spielen digitale Technologien bereits eine große oder mittelgroße Rolle für das Geschäftsmodell. Jedoch gibt immerhin noch jedes fünfte Unternehmen an, dass sie gar keine Rolle spielten.

Das wird sich ändern. „Deutschland ist ein Hochtechnologie-Standort, der von der Innovation lebt“, sagt Englisch. Beispiele für digitale Revolution gibt es längst: Uber mischt die Taxibranche auf, AirBnB lehrt Hoteliers das Fürchten und Fließbänder vernetzen sich mit den Bauteilen. Aber auch die Analyse von gegnerischen Mannschaften per Software ist für die deutsche Fußballnationalmannschaft schon Alltag.

Gut jedes dritte Unternehmen (35 Prozent) geht laut der EY-Studie davon aus, dass die Bedeutung der Digitalisierung in den nächsten fünf Jahren deutlich zunehmen wird. 39 Prozent erwarten immerhin noch ein leichtes Plus. Laut Fachmann Englisch hat es die Energiebranche derzeit besonders schwer, die sich nach dem Atomausstieg und dem Rückbau von Kraftwerken neu sortiert. Durch die Restrukturierungen fehle vielerorts das Geld für Investitionen in neue Technologien.

Neue Produkte durch Digitalisierung

Die Umwälzungen durch die Digitalisierung sind bereits in der gesamten deutschen Wirtschaft spürbar. Vier von zehn Unternehmen brachten im Zuge des Wandels neue Produkte oder Dienste auf den Markt und 57 Prozent passten bestehende Angebote an, erklärte der Branchenverband Bitkom am Montag auf der CeBIT. Zugleich musste jede achte Firma deswegen Angebote vom Markt nehmen.

„Die Digitalisierung der Wirtschaft nimmt Fahrt auf“, sagte Bitkom-Präsident Thorsten Dirks in Hannover. Fast zwei Drittel der gut 500 befragten Unternehmen aller Branchen gaben an, dass sich als Folge der Digitalisierung ihr Geschäftsmodell verändert. „79 Prozent aller deutschen Unternehmen wollen noch in diesem Jahr einen hohen Digitalisierungsgrad erreichen“, sagte Deutsche-Telekom-Chef Timotheus Höttges. Zur Digitalisierung gehören unter anderem die Vernetzung von Maschinen und Alltagsgegenständen, die Auswertung ihrer Daten und daraus entstehende neue Geschäftsmodelle.

Es fehlt an Fachkräften

Deutlich mehr Unternehmen in Deutschland lagern IT-Projekte aus, weil sie keine passenden Fachleute dafür finden. In einer Umfrage des Branchenverbandes VDI gaben in diesem Jahr gut 52 Prozent das Outsourcing als Lösung für das Problem an. In der Vorjahresumfrage lag der Anteil noch knapp unter 40 Prozent.

„Das muss uns zu denken geben“, warnte der VDI-Bereichsleiter Technik und Wissenschaft, Dieter Westerkamp. Denn so werde gerade das Know-how „über die Dinge, die die digitale Transformation ausmachen“, ausgelagert. Der VDI (Verein Deutscher Ingenieure) befragte für die Untersuchung über 1000 Fachleute. Dabei kam auch heraus, dass sich die Einschätzung der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland deutlich verschlechterte. So schätzten sie zuletzt noch 39,7 Prozent als „gut“ ein – 2012 lag der Anteil bei fast 60 Prozent.

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