Interaktives Kino Wenn die Zuschauer die Filmhandlung bestimmen

Sich berieseln lassen im Kino? Von wegen. Beim interaktiven Kino ist  aktive Teilnahme gefragt.

Sich berieseln lassen im Kino? Von wegen. Beim interaktiven Kino ist aktive Teilnahme gefragt.© Uwe Dettmar / Deutsches Filminstitut

Wenn sich der Film in ein Computerspiel verwandelt, bestimmen die Zuschauer die Handlung mit. Klingt lustig - doch wie viel Potenzial hat das interaktive Kino wirklich?

Die Kinobesucher sitzen, die Limoflasche steht griffbereit und der Film startet. Dort hat Lukas Stress mit seiner Freundin, fühlt sich noch nicht bereit für eine Familie. Aber jetzt muss er kühlen Kopf bewahren, denn ein Bewerbungsgespräch steht an. Spätestens hier merkt der Zuschauer, dass im Cottbuser Kino Weltspiegel kein gewöhnlicher Spielfilm läuft. Denn er hat sich gerade in ein Computerspiel verwandelt.

Direkt vor der Kinoleinwand steht eine Couch, davor ein Tisch mit einem Laptop. Ein Spiele-Designer und ein Programmierer sitzen dort mit einem Zuschauer, der den Film noch nie gesehen hat. Per Mausklick manövrieren die drei den Protagonisten Lukas durch das Bewerbungsgespräch. Das Ganze ist als Quiz aufgebaut. Der Zuschauer rätselt, der Spiele-Designer erläutert für alle das Prinzip des Projekts.

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Auf der Leinwand erscheinen pro Frage mehrere Antwortmöglichkeiten. Wenn die Wahl falsch ist, gibt es witzige Einspieler: Zum Beispiel zerreißt der Personaler vor Lukas die Bewerbungsunterlagen. Oder die Sekretärin kommt rein und sagt, sie habe gerade gehört, dass die Welt untergehe. Erst wenn die richtige Antwort angeklickt ist, geht das Spiel – und damit auch der Film – weiter.

Miträtseln bei Quizsequenzen

Hinter dem Cottbuser Filmprojekt „Auf der Suche“ steckt der freischaffende Filmemacher Erik Schiesko. Der 30-Jährige hat schon ein paar Filme gemacht, aber noch nie die Kombination aus Film und Computerspiel.

Film- und Spielsequenzen wechseln sich bei der Premiere am Freitag ab. Vom Publikum kommen Zwischenrufe – es rätselt bei Quizsequenzen mit. Als das Spiel wieder zum Film wird, lehnen sich alle wieder zurück.

Der Film dreht sich um eine Liebesgeschichte zu DDR-Zeiten. Ein junges Pärchen schmiedet Pläne für eine Flucht in den Westen. Der Protagonist stößt Jahrzehnte später auf die Geschichte, als er in seinem neuen Job als Journalist in einem Archiv ein Foto eines Menschen entdeckt, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht.

Schauplätze sind unter anderem die Redaktionsräume der „Lausitzer Rundschau“, die das Projekt auch unterstützt hat, der Braunkohletagebau und ein Cottbuser Friedhof – viel regionale Farbe also.

Wie sich digitale Spiele und das Kino gegenseitig beeinflussen

Für die Computer- und Videospiel-Industrie sind solche Projekte interessant, wie der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware mitteilt. „Durch die Digitalisierung verschmelzen Medieninhalte ja zunehmend und auch der gegenseitige ästhetische Einfluss wächst“, sagt Geschäftsführer Maximilian Schenk.

„Zu Beginn waren es oft die digitalen Spiele, die als junges Medium stark von etablierten Medien wie Film beeinflusst wurden. Ein interaktives Film-Spiel wie „Auf der Suche“ ist ein schönes Beispiel dafür, dass dieser Einfluss jetzt auch zunehmend in die andere Richtung zu spüren ist“, so Schenk.

Schiesko und sein Team haben für die Premiere das Film-Spiel auf etwas mehr als zwei Stunden gekürzt. Normalerweise dauert das Ganze mehr als doppelt so lange. Das könnte auch der Stolperstein fürs Kino sein. Nur zweimal soll der Film dort laufen. In Kürze soll „Auf der Suche“ dann kostenlos im Internet gespielt werden können – auf Spendenbasis, wie die Macher sagen.

Gibt es einen Markt für interaktives Kino?

Die Wechselwirkung von Computerspiel und Film ist schon länger ein Thema. Bis Ende Januar befasst sich zum Beispiel eine Schau im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main damit. „Film und Games. Ein Wechselspiel“ lotet aus, was beide Medien verbindet, was sie trennt und wie sie sich gegenseitig beeinflussen.

Der Verband der Filmverleiher ist nach eigenen Angaben offen für solche interaktiven Filmprojekte, sieht aber momentan keinen Trend. „Die Resonanz wird zeigen, ob es einen Bedarf gibt oder nicht“, sagt Geschäftsführer Johannes Klingsporn.

Und wie war es fürs Publikum? Es gibt am Freitagabend viel Applaus. „Fetzt, kann man nicht meckern“, sagt ein junger Mann. Auch zwei Frauen, die sonst nichts mit „Daddeln“ am Hut haben, wollen das Spiel auf jeden Fall noch einmal selbst spielen, wie sie sagen.

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