IT+Technik Zug ohne Lokführer: Wie fahrerlose Bahnen die Metropolen erobern

In einigen Städten - im Bild São Paulo - gibt es bereits U-Bahnen und Metrozüge ohne Fahrer.

In einigen Städten - im Bild São Paulo - gibt es bereits U-Bahnen und Metrozüge ohne Fahrer.© Bombardier

In einer Reihe von Städten steuern Computer schon die Züge, die Industrie preist neue Modelle ohne Führerstand an. Doch in Deutschland will die Bahn davon nichts wissen. Und Streiks lassen sich damit auch nicht verhindern.

In der ersten Reihe ist es am unheimlichsten: Blick in die düstere Röhre, Schienen blitzen im Scheinwerferlicht, die Fahrt schneller und schneller. So beginnen Geisterbahnfahrten – und so sieht es für Fahrgäste aus, die in fahrerlosen U-Bahnen ganz vorn sitzen. Züge ohne Zugführer sind längst keine Vision mehr, weltweit hat eine Reihe von Metropolen sie eingeführt. Mit neuen Modellen hoffen die Hersteller nun auf den Durchbruch – natürlich auch überirdisch. Doch die Skepsis ist groß.

„Das hier ist ein vollwertiges S-Bahn-Fahrzeug“, betont Bombardier-Produktmanager Marco Krönke. Die Hand streicht über glatten Kunststoff unterhalb der Frontscheibe des Wagens. Keine Knöpfe, Hebel, Monitore, kein Mikro, kein Fahrersitz. Wo andere ihr Zugführerabteil haben, stehen im neuesten fahrerlosen Zug aus dem Hause Bombardier Transportation die Passagiere und sehen, der Wagen auf der einspurigen Trasse in die Kurve gleitet. Aufsehen erregte der Zug jetzt auf der Bahntechnik-Messe Innotrans in Berlin.

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Intervalle von 75 Sekunden

Freien Blick haben Fahrgäste darin bald auch auf die saudi-arabische Hauptstadt Riad, wo der Zug künftig fährt. In Sao Paulo in Brasilien ist er schon unterwegs, 17 Bahnhöfe soll die neue Metro-Linie 15 dort im Endausbau anfahren. „Wir können Intervalle von 75 Sekunden gewährleisten“, betont Produktmanager Krönke. Züge mit Lokführer müssten größere Abstände halten – und könnten deshalb insgesamt nicht so viele Fahrgäste befördern.

Auch die Transportsparte des Siemens-Rivalen General Electric arbeitet an Lösungen ohne Lokführer, für Rangierbahnhöfe. „Wir glauben, dass das Zukunft hat“, sagt Bereichs-Vorstandschef Russel Stokes. Er zeigt auf einen schreibtischgroßen Bildschirm, auf dem farbige Balken verschränkte Linien entlanggleiten – das Schema eines Schienennetzes. „Unser Bewegungsplaner kann die Netzgeschwindigkeit um 20 Prozent erhöhen“, ist Stokes überzeugt.

Deutsche Bahn winkt ab

Dubai, Kopenhagen, Rom, Paris – das sind nur einige Städte, wo die U-Bahn zumindest auf einzelnen Abschnitten ohne Fahrer unterwegs ist. In Deutschland erregte Nürnberg Aufsehen, das 2008 auf diesen Zug aufsprang, jedoch eine Pannenserie verkraften musste, als zwei Jahre später eine zweite Linie auf Automatik umgestellt wurde. Dichtere Taktzeiten, flexibler Zugeinsatz ohne Rücksicht auf Schichtzeiten, Kostenersparnis – das sind die wichtigsten Argumente der Nürnberger.

Deutschlands größte U-Bahn in Berlin fährt dennoch weiter mit Fahrern. „Es ist wahnsinnig teuer“, sagt Petra Reetz, die Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe, bei denen vor bald 20 Jahren mal ein Test lief. In den meist 100 Jahre alten Tunneln wären gewaltige Umbauten erforderlich, sagt Reetz, zudem leide ohne Fahrer das Sicherheitsgefühl der Kunden. „Der Faktor Mensch muss bleiben.“

Auch die Deutsche Bahn, die im laufenden Tarifkonflikt viel Ärger mit der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hat, winkt ab. „Die Präsenz eines Lokführers ist für das Sicherheitsempfinden und den Betriebsablauf derzeit unerlässlich“, wird Personalchef Ulrich Weber zitiert, der damit rechnen muss, dass die Lokführer schon in Kürze eben diesen Betriebsablauf mit einem Streik zum Erliegen bringen.

Gewerkschaft: Ohne Lokführer geht es nicht

Weber sagt auch: „Technologische Entwicklung können wir nicht ignorieren.“ Theoretisch vorstellbar ist der Fahrerverzicht für das Unternehmen etwa beim Rangieren oder im Güterverkehr. Derzeit sei das im Konzern aber kein Thema.

Ohne Lokführer gehe es eh nicht, betont ihre Standesvertretung. „Spätestens wenn ein Zug liegen bleibt: Wer übernimmt die Evakuierung?“, fragt GDL-Chef Claus Weselsky. „Was ist, wenn es brennt? Muss sofort angehalten werden, kann ich noch in den nächsten Bahnhof fahren?“ Wegen unterschiedlicher Signalsysteme komme auch der Regelbetrieb in Deutschland nicht ohne Fahrer aus. Was Weselsky nicht dazu sagen muss: Auch Lokführer, die in Leitstellen umziehen, können natürlich streiken.

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