IT+Technik Zwanglose Gemeinschaft – das Internet und die EU

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Die Flagge der EU und der MItgliedsländer der Union.

Die Flagge der EU und der MItgliedsländer der Union.© European Commission

Wieso ist ausgerechnet das Internet so erfolgreich? Und was ist nur aus der EU geworden? Während sich die Netzgemeinde im Laufe der Jahre zwanglos auf Normen geeinigt hat, werden in der Union selbst Gurkenstandards diktiert. Die EU könnte einiges vom Internet lernen, schreibt Unternehmer und impulse-Blogger Sebastian v. Bomhard. Ein Denkanstoß.

Wieso hat sich das Internet eigentlich durchgesetzt? Lustige Frage. Man kann sich die heutige Welt ohne Internet kaum noch vorstellen – kein Internet ist wie Rauchen in Meetings oder Telegramme schicken, wie Zeppelin fahren oder eine Telefonzelle suchen. Wenn es das Internet nicht gäbe, würde man es eben erfinden.

Das ist genau so einfach, wie es sich anhört. Genau genommen war die Idee eines großen Datennetzes so überfällig, dass es durchaus Alternativen zum Internet gab. Inhaltlich waren das Mailboxverbünde wie Compuserve oder AOL aus Amerika, bei uns der relativ erfolglose Bildschirmtext (BTX), aber auch dessen Bruder, das damals sehr erfolgreiche Minitel in Frankreich.

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Da es von Anfang an eine der Stärken des Internet war, Daten unterschiedlichster Anwendungen und aus diversesten Quellen zu transportieren, ist es durchaus nachvollziehbar, dass mit der Zeit sämtliche alternativen Anbieter das Internet zumindest als Transportmittel und als Gateway nutzten. Somit war der Compuserve-Nutzer 4711,0815 von jedem im Internet als 4711.0815@compuserve.com erreichbar.

Aber wie sah das technisch aus? 1977 hatte sich die CCITT, heute bekannt unter dem Namen ITU, International Telecommunication Union, des Themas angenommen. Nachdem die ITU eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen ist, kann man einschätzen, wie wichtig das Thema bereits damals genommen wurde. Heraus kam das Open Systems Interconnection Model, vielleicht besser bekannt heute als das „ISO/OSI 7-Schichtenmodell für Netzwerkprotokolle“.

Die normative Kraft des Faktischen

Basierend auf diesem Modell X.200/X.207 entstanden nun Schlag auf Schlag weitere Normen. X.400 beschreibt E-Mail und X.500 einen umfassenden Verzeichnisdienst. Somit konnte man bis in die neunziger Jahre oft hören, das Internet sei nicht ernstzunehmen. Es gebe keine verbindlichen Normen, und das was man als Norm ansehen könne, sei nicht ansatzweise vollständig.

Um diesen Konflikt zu verstehen, muss man sich einmal ansehen, wie verpflichtende Normen im Internet definiert werden. Die vielleicht überraschende Antwort: Gar nicht. Jemand hat eine Idee, beschreibt diese möglichst genau, schreibt einen Software-Prototypen dazu und legt das alles zur Diskussion vor. Genauer genommen bittet er um Kommentierungen seines Vorschlags. Auf Englisch heißt das „Request for Comment“, kurz „RfC“. Gut, unterschlagen wir den Punkt des peer review, nicht alles wird gleich auf dieser Ebene diskutiert, und es gibt auch Spielregeln. Ein RfC, der nicht sofort die Rechte an den enthaltenen Ideen an alle abtritt und damit die weltweite Nutzung ohne Lizensierungsprobleme ermöglicht, wird nicht angenommen. Wozu auch? Große Softwareunternehmen waren daher bis in dieses Jahrtausend erklärte Feinde des Internet. Wer nicht bereit war, seine Quellcodes offenzulegen, konnte keine Normen definieren.

Dann gab es also doch Normen? Ja, durchaus, aber niemand wurde dazu gezwungen. Wer sich im Internet nicht an die Regeln, wie sie in den RfC beschrieben werden, hält, muss keine Strafe bezahlen. Er kann auch deshalb nicht abgemahnt werden. Er hat lediglich das Risiko, dass für ihn das Leben komplizierter ist als für andere. Nichts ist trostloser als ein hübsches EMail-Interface, das nur ein Mensch im ganzen Internet benutzt. Das ist so sinnvoll wie der Besitz des ersten Telefons der Welt. Wir sind daher dankbar, dass es solche Normen gibt. Und wenn jemandem die Norm nicht gefällt? Dann schreibt er eben eine neue und versucht, Anhänger dafür zu gewinnen.

Vom Internet lernen

Daraus lässt sich doch eine prima Handlungsempfehlung an die EU ableiten. Was eine gute Gurke ist oder eine gute Glühbirne, wie man Sojamilch oder Erdbeermarmelade zu nennen hat – darüber lässt sich trefflich debattieren und selbstverständlich darf jeder Normen vorschlagen. Aber wenn ich ein Din/A4-Blatt verwende, dann eher ungern, weil das amerikanische Papierformat hier verboten wäre (ist es nicht), sondern viel lieber, weil ich gut finde, dass das Blatt in einen typischen Aktenordner passt und in einen Briefumschlag und in das Papierfach meines Druckers.

Und was beim metrischen Schraubengewinde anfängt, hört bei der Weltanschauung nicht auf. Nicht die EU sollte festlegen, welche Werte in allen Mitgliedsländern gelten sollten, sondern jedes Land, oder sogar besser, jede Region für sich. Es werden sich viele Übereinstimmungen finden. Über manche Themen wird man sich nicht einigen, aber Überzeugungen schweißen am Ende doch viel besser zusammen als verhandelte Verträge.

Eine „Kultur des Abendlandes“ lässt sich so nicht vereinheitlichen, aber wozu auch? Und ginge es auf Dauer überhaupt mit Druck? Aber ohne Zwang werden sich immer wieder Sachen durchsetzen, deren Sinn jeder einsieht und Normen, die jeder freiwillig befolgt. Und so entstünde endlich ein vorbildliches Europa, eines, das sich alle Menschen wünschen können – auch die Briten und am Ende sogar die Schweizer. Wer weiß?

1 Kommentar
  • Dr. Böhm 26. Juni 2014 20:38

    Das Internet und die EU

    Ich bin beindruckt! Eine Idee die funktionieren könnte. Allerdings werden die Eurokraten wohl dagegen sein…

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