Leben 24 Stunden „formen“: Wie Elite-Internate von der Wirtschaftslage profitieren

"Wir haben nothing to worry about": die Klosterschule Roßleben von außen.

"Wir haben nothing to worry about": die Klosterschule Roßleben von außen.© „Klosterschule Roßleben“ von Michael Sander. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

Auf welche Schule schicken wir unser Kind? Vor dieser Entscheidung stehen viele Eltern - und suchen sich immer öfter Privatschulen aus. Teure Internate profitieren von der Wirtschaftslage. Ein Ortstermin.

Wenn David Lucius-Clarke – ein Mann in Tweed-Sacko und Cordhose – spricht, könnte man glatt meinen, man befände sich in Gesellschaft des britischen Adels. Mit einer Mischung aus Deutsch und Oxford-Englisch redet der Internatsleiter über seine Schule, die wie ein Schloss über der thüringischen Kleinstadt Roßleben thront. Sie ist eine der elitärsten privaten Lehranstalten Deutschlands. Lucius-Clarke sagt das so: „Wir sind unter den besten Schulen. Wir haben nothing to worry about.“ Keinen Grund zur Sorge also.

Privatschulen in Deutschland boomen seit Jahren. Im Schuljahr 2013/2014 gab es laut statistischem Bundesamt knapp 5700 davon – 76 Prozent mehr als 1992/93. Trotz gesunkener Geburtenraten wuchs ihre Zahl in den vergangenen Jahren stetig. Und auch die wenigen teuren Internate unter ihnen, die es normalerweise deutlich schwerer auf dem Markt haben, profitieren von der guten Ökonomie.

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„Es kommt uns Internaten zugute, dass die wirtschaftliche Lage ganz ordentlich ist“, sagt Hartmut Ferenschild, Sprecher der Schule Schloss Salem in der Nähe des Bodensees. „Das Interesse ist da“, bestätigt auch der Vorsitzende des Stiftungsrats der Klosterschule Roßleben, Christian von Witzleben. Seine Familie führt die Lehranstalt seit 460 Jahren und mit ihm in der 31. Generation.

„Schüler-Aktiengesellschaft“ als Wirtschaftstraining

In von Witzlebens Schule wird der Tagesablauf nicht dem Zufall überlassen. Um 6.30 Uhr werden die Kinder und Jugendlichen geweckt, 7.35 Uhr beginnt der Unterricht nach einem gemeinsamen Frühstück. Natürlich in überschaubarer Klassengröße. Nach der Schule geht es in den sogenannten Gilden weiter: Unter anderem mit Modellbau, Chor, Theater oder Schulgeschichte. Eine „Schüler-Aktiengesellschaft“ soll das erfolgreiche Wirtschaften trainieren.

Mehr als ein Dutzend Sportarten werden angeboten – darunter Fußball und Basketball, aber auch Hockey, Ballett oder Lacrosse, eine aus Amerika stammende Ballsportart. Neben dem von Bäumen gesäumten Weg zum Eingang erstreckt sich das Rugbyfeld. Rugby hat der Brite Lucius-Clarke hierher gebracht. Natürlich aber nicht „just for fun“. Es gehe um Durchsetzungskraft bei gleichzeitigem Fair Play.

Die Verantwortlichen wissen, dass ein englischer Internatsleiter ein Pfund ist, mit dem man in Deutschland wuchern kann. Experten sehen im Bereich der Elitebildung einen „Englandrun“ auf britische Qualitätsschulen. Der Düsseldorfer Bildungsforscher Heiner Barz führt den anhaltenden Trend zu Privatschulen auf eine „Bildungspanik“ der Eltern zurück. Diese hätten zunehmend Sorgen, dass ihr Kind auf einer normalen Schule nicht ausreichend gefördert werde.

Dagegen soll alles, was in Roßleben geschieht, die Schüler prägen: „24 Stunden am Tag werden sie geformt“, sagt von Witzleben. „Die Schüler kriegen hier ein Selbstbewusstsein.“ So wie Lasse-Arvid: „Ich befasse mich gerade spezifisch mit der Zeit der Klosterschule bei Napoleon“, erzählt der Achtklässler, der später Arzt werden will. Vielleicht Pulmologe, vielleicht auch Kardiologe. Sein Pullunder mit Schullogo verrät: überzeugter Privatschüler.

Bis zu 22.000 Euro jährlich

Diese Zugehörigkeit hat ihren Preis: Bis zu 22.000 Euro kostet der Internatsbeitrag im Jahr. Das Geld wird nicht nur in Schulessen und Schlosspflege investiert – sondern vor allem in ein Netzwerk. Die Schule lädt regelmäßig Größen aus Kultur, Politik und Wirtschaft ein. Zum Schuljubiläum war Siemens-Boss Joe Kaeser zu Besuch. Roßleben ist Partnerschule des Konzerns.

Der Wert dieser Förderung ist auch Lasse-Arvid bewusst. Er finde deshalb „staatliche Schulen nicht so toll“, sagt er. Ein Satz, der Lucius-Clarke nicht wirklich gefällt: „I wouldn’t say so“, wirft der Internatsleiter ein. Privatschulen – vor allem Internate – haben mit dem Ruf zu kämpfen, eine Brutstätte des Snobismus zu sein.

„Wir sind normal“, sagt von Witzleben deshalb mit Nachdruck. Ganz unrecht hat er damit nicht. Auf dem Flur vor dem Musiksaal tummeln sich Schüler – das wirkt wie in jeder anderen Schule auch.

Für den Geschmack von Lucius-Clarke sind sie dabei ein wenig zu wild. Er bleibt stehen. Die Sechstklässler erstarren. Sie blicken auf. Lucius-Clarke hebt seine Stimme schneidend: „You don’t mess around in my school“, bellt er mit der Inbrunst eines Armee-Ausbilders. Dann dreht sich der Internatsleiter schmunzelnd um: „Man muss immer aufpassen, dass sie sich benehmen.“

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