Leben 25 Jahre besetzte „Rote Flora“ in Hamburg: „Der Olaf wird das schon machen“

Seit 25 Jahren besetzt: Die "Rote Flora" im Hamburger Schanzenviertel.

Seit 25 Jahren besetzt: Die "Rote Flora" im Hamburger Schanzenviertel.© Carsten Frenzl/Flickr/Lizenz: CC BY 2.0

Konzerte und Veranstaltungen in der "Roten Flora" locken in diesen Wochen Tausende Besucher ins Hamburger Schanzenviertel. Das linksautonome Zentrum feiert ein Jubiläum, ganz friedlich. Kommt nach zahlreichen Krawallen eine Lösung für das umstrittene Gebäude?

Trendige Bars, Cafés mit spanischen Namen, türkische Läden und mittendrin ein brüchiges Theatergebäude aus dem 19. Jahrhundert, völlig zugesprüht. Von der Ästhetik her könnte die „Rote Flora“ für das Hamburger Szeneviertel an der Sternschanze das i-Tüpfelchen sein: Wer hier wohnt oder ausgeht, will anders sein, nicht spießig, sondern irgendwie revolutionär. Und das linksautonome Kulturzentrum mit Graffiti und Politparolen demonstriert genau das. „Wir wollen keinen Frieden mit dieser Gesellschaft, mit diesem Staat“, sagt Flora-Aktivist Klaus Waltke.

In diesen Wochen feiern die bis zu 400 „Floristen“ das 25. Jubiläum der Besetzung des Gebäudes, mit zahlreichen Veranstaltungen und Konzerten. Zu Auftritten von Jan Delay oder Tocotronic kamen Tausende. Dann sind an einem Abend bis zu 60 Leute ehrenamtlich im Einsatz, von der „Tür-Crew“ (Ordner) bis zum Kloputzteam. Geld dafür gibt es nicht. Die Selbstverwaltung und das Engagement könnten als vorbildlich gelten. „Ich sehe es so: Objektiv machen wir die Kulturpolitik der CDU“, meint Flora-Veteran Andreas Blechschmidt schmunzelnd.

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Treffpunkt der linksautonomen Szene

Doch für die Sicherheitsbehörden ist die „Rote Flora“ ein Problem. Immer wieder kam es am Rande von Demonstrationen zu schweren Ausschreitungen. „Die Rote Flora ist seit 1989 bis heute der bedeutendste politische Treffpunkt und Veranstaltungsort der linksautonomen Szene in Hamburg“, sagt der Sprecher des Verfassungsschutzes, Marco Haase.

„Brandanschläge und Sachbeschädigungen sind für weite Teile der autonomen Szene ein wesentlicher Bestandteil des Widerstandes gegen die Demokratie in Deutschland.“ Ende vergangenen Jahres waren bei Ausschreitungen rund um das Gebäude nach offiziellen Angaben fast 170 Polizisten durch Linksextremisten verletzt worden.

Von Gewalt wollen sich die „Floristen“ nicht distanzieren. Sie machen zwar in erster Linie die Polizei für die Krawalle im Dezember 2013 verantwortlich. Blechschmidt fügt aber hinzu: „Es ging um das Signal, dass, wenn man nach 25 Jahren die Rote Flora plattmachen will, das nicht an einem Tag erledigt sein wird.“

Öl ins Feuer gegossen hatte der Besitzer des Gebäudes, der Immobilien-Unternehmer Klausmartin Kretschmer. Der hatte die linke Szene mit Umbauplänen und der Drohung, das Gebäude räumen zu lassen, in Aufruhr versetzt. 2001 hatte Kretschmer die Flora von der Stadt für umgerechnet 190.000 Euro gekauft und mit seiner jahrelangen Duldung der „Besetzer“ für eine Befriedung gesorgt. Seit dem Sinneswandel von Kretschmer will die Stadt das Gebäude zurückkaufen. Die Verhandlungen darüber kamen zunächst nicht voran, weil man sich nicht über den Kaufpreis einigen konnte.

„Flora“-Inhaber ist insolvent

Seit dem Frühjahr ist Kretschmer aber insolvent. Die Stadt verhandelt inzwischen mit dem Insolvenzverwalter Nils Weiland, und seitdem geht es offenbar voran. Während sich die Finanzbehörde nicht zum Stand der Verhandlungen äußern will, sagt Weiland: „Ich bin ganz guten Mutes, dass die Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen werden können.“

Dass die sozialdemokratisch regierte Stadt als alter und neuer Eigentümer der „Flora“ eine friedliche Lösung anstreben wird, gilt als ausgemacht. Schließlich hatte einst ein Bezirksamtsleiter der SPD, Hans-Peter Strenge, den Besetzern einen legalen Anfang ermöglicht.

Nachdem Proteste den Neubau eines Musical-Theaters verhindert hatten, bekamen die Aktivisten die Chance, aus dem noch erhaltenen Teil des ehemaligen Floratheaters ein „Haus für alle“ mit 30.000 D-Mark (15.000 Euro) aufzubauen, wie sich Blechschmidt erinnert. Dass die anfangs rund 80 Aktivisten nach dem Ablauf einer sechswöchigen Frist am 1. November 1989 bleiben konnten, verdankten sie auch der Furcht des damaligen SPD-Senats vor Gewalt.

Verzicht auf die Räumung der „Flora“

Ihm steckten noch die schweren Krawalle rund um die besetzten Häuser an der Hafenstraße in den Knochen. Der damalige Bürgermeister Klaus von Dohnanyi hatte 1987 nachgegeben und einen Kompromiss mit den dortigen Besetzern geschlossen. Sein Nachfolger Henning Voscherau verzichtete auf die Räumung der „Flora“.

Rückblickend sagt Voscherau: „Es ist immer ein Balanceakt für eine Stadtregierung, die Rechtsstaatlichkeit und Verhältnismäßigkeit zu gewährleisten hat, ob sie Recht und Ordnung mit Gewalt durchsetzen kann, wenn sie befürchten muss, dass es dabei Tote geben könnte, das war bei der Hafenstraße damals auch so.“ Zu den Rückkauf-Verhandlungen des Senats unter seinem Nachfolger Olaf Scholz sagt er nur: „Der Olaf wird das schon richtig machen.“

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