Leben 25 Jahre Mauerfall: Die DDR-Wirtschaft im Herbst 1989

Die wirtschaftliche Schieflage und fehlende Devisen schwächten das angeschlagene SED-Regime.

Die wirtschaftliche Schieflage und fehlende Devisen schwächten das angeschlagene SED-Regime.© visitBerlin/ Tanja Koch

Am Wochenende wurde dem Mauerfall vor 25 Jahren gedacht. Nicht nur politisch ist das SED-Regime im Herbst 1989 kurz vor dem Ende - auch die Wirtschaft liegt am Boden. Die DDR hat über ihre Verhältnisse gelebt.

In den Läden herrscht Mangel – in der Bevölkerung Spott.“ Kommt eine Frau in ein Geschäft und fragt den Verkäufer: „Haben Sie Bettwäsche?“ – Der Verkäufer antwortet gelangweilt: „Wir haben keine Handtücher, keine Bettwäsche gibt es nebenan.“

Die DDR-Wirtschaft hat aber noch ganz andere Probleme. Viele Industrieanlagen sind im Jahr 1989 veraltet, die Arbeitsproduktivität sinkt seit Jahren. Viele Betriebe arbeiten nicht effizient genug, Produkte etwa aus dem Maschinenbau oder der Elektrotechnik sind auf dem Weltmarkt immer weniger konkurrenzfähig. Die DDR ist hoch verschuldet, es droht die Zahlungsunfähigkeit.

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„Der politische Zusammenbruch hat den wirtschaftlichen Zusammenbruch vorweggenommen“, sagt der Historiker Matthias Judt vom Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam. „Es kam beides zusammen: der Freiheitswillen der Bürger und die schwierige wirtschaftliche Lage.“ Die DDR habe über ihre Verhältnisse gelebt, so der Volkswirt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

18. Oktober 1989: Honecker tritt zurück

Nur: die greise DDR-Führung um Erich Honecker will die Realität offensichtlich lange nicht wahrhaben. Am 18. Oktober 1989 wird Honecker zum Rücktritt gezwungen, Egon Krenz wird Staats- und Parteichef. Kurz nach seinem Amtsantritt verlangt Krenz ein „ungeschminktes Bild“ der wirtschaftlichen Lage. Am 31. Oktober 1989 befasst sich das Politbüro mit einer Analyse, ausgearbeitet von führenden Wirtschaftsexperten um Gerhard Schürer, Chef der staatlichen Plankommission.

Das Papier gleicht einem Offenbarungseid: Das gesamte System der Planwirtschaft sei gescheitert. Viele Produktionsanlagen seien marode, es sei viel zu wenig investiert worden. Bei der Arbeitsproduktivität liege die DDR um 40 Prozent hinter der Bundesrepublik zurück. Die devisenbringenden Exportüberschüsse seien in den vergangenen Jahren gesunken.

Notwendig sei eine grundlegende Reform der Wirtschaftspolitik. Dazu zähle auch eine engere Kooperation mit westlichen Konzernen. Und: die DDR solle die Bundesrepublik erneut um Milliardenkredite bitten – wie bereits 1982, als der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß zwei Milliardenkredite für die DDR einfädelte.

DDR: Nicht pleite aber hoch verschuldet

Denn die DDR ist zwar nicht pleite, sie steht im Westen aber mit Milliarden in der Kreide. Die Verschuldung sei „auf eine Höhe gestiegen, die die Zahlungsfähigkeit der DDR in Frage stellt“, heißt es im „Schürer-Papier“. „Allein ein Stoppen der Verschuldung würde im Jahre 1990 eine Senkung des Lebensstandards um 25-30 Prozent erfordern und die DDR unregierbar machen.“

Besonders seit dem Amtsantritt Honeckers nimmt der Staat Milliarden in die Hand, um weite Bereiche des DDR-Alltags zu subventionieren und damit das politische System zu stärken. Mieten, Lebensmittelpreise und Tarife für öffentliche Verkehrsmittel bleiben dadurch niedrig. Der Brötchenpreis liegt konstant bei 5 Pfennig, obwohl die Getreidepreise drastisch stiegen. Eine einfache Fahrt mit dem Bus kostet 20 Pfennig.

Es ist ein Fass ohne Boden. Die Subventionen klettern von 8 Milliarden Mark der DDR im Jahr 1970 auf die gigantische Größe von 58 Milliarden im Jahr 1989 – das ist etwa ein Sechstel der Wirtschaftsleistung. Und: die DDR musste sich dafür mehr und mehr nach innen und außen verschulden, schreibt der Historiker André Steiner vom ZZF.

Der Devisenbringer Wirtschaft schwächelt

Auf der anderen Seite bleiben viele hochwertige Produkte für viele unerschwinglich – ein Farbfernseher etwa kostet Tausende von Mark. Auf ein Auto oder einen Telefonanschluss müssen viele DDR-Bürger lange warten. Erschwerend kommt für die DDR-Wirtschaft dazu, dass einer ihrer wichtigsten Devisenbringer schwächelt: der Export von Erdölprodukten.

1985 bricht der Erdölpreis auf dem Weltmarkt ein. Die Importpreise für Rohöl aus der UdSSR steigen für die DDR rasant an. Die Erlöse für veredelte Erdölprodukte, die die DDR exportiert, dagegen fallen in den Keller. „Dadurch wandelte sich der Mineralölexport in ein Zuschussgeschäft, welches maßgeblich den finalen Sinkflug der DDR beschleunigte“, so der Historiker Peter Fäßler.

Krenz reist am 1. November 1989 zum „großen Bruder“ nach Moskau – mit den Zahlen des „Schürer“-Papiers im Gepäck. Der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow aber stellt klar: von der ebenfalls klammen Sowjetunion ist keine Hilfe zu erwarten. Wenig später fällt die Mauer.

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