Leben Frühjahrsputz in Russland: Saubermachen im Kollektiv

Mit Pinseln und Farbe, Besen und Müllsäcken rücken Millionen von Russen traditionell im Frühjahr zur Arbeit aus. Der unentgeltliche Einsatz hat kommunistische Wurzeln - ihn gab es einst auch in der DDR. Entziehen kann sich dem kollektiven Saubermachen kaum jemand.

In ihren hellblauen Schutzanzügen sehen sie aus wie bei einem Einsatz gegen eine Chemiekatastrophe. Doch für die Mitarbeiter des Moskauer Stadtbetriebs Gormost geht es nur um den Frühjahrsputz in Europas größter Stadt: den Subbotnik. Hier im zentralen Park am Ukrainski-Boulevard streichen sie mit schwarzer Farbe Zäune und Laternen, andere stopfen Unrat in Müllsäcke, wiederum andere schrubben den Brunnen.

Subbotnik – benannt nach dem russischen Wort Subbota für Samstag – heißt dieser freiwillige Arbeitseinsatz, der wohl größte dieser Art mit langer Geschichte. Auch in der DDR gab es einst Subbotniks, damals sogar in einem Arbeiterlied auf Deutsch besungen. In diesem Jahr erinnert die frühere Welthauptstadt des Proletariats an den 95. Jahrestag des ersten Subbotniks.

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1919, in der Nacht zum 12. April, reparierten Eisenbahner in einer unbezahlten Sonderschicht Dampfloks. Sie schrieben damit Geschichte, denn Revolutionsführer Lenin lobte die Initiative in einer Schrift als Zeichen des „Heldentums der Arbeiterklasse“. Ein Jahr später – am 1. Mai 1920 – gab es den ersten allrussischen Subbotnik.

Kaum jemand konnte sich entziehen

Auch wenn offiziell von freiwilligen und unentgeltlichen Arbeitseinsätzen in der Freizeit für den Aufbau des Kommunismus die Rede war: Entziehen konnte sich dem kollektiven Druck kaum jemand. Wer heute in Moskau die Spuren des Winters beseitigt, gehört freilich nicht zu den „Drückebergern“. Gerade in Staatsbetrieben, aber auch in privaten Unternehmen will niemand Nachteile durch Wegbleiben.

„Subbotnik ist für alle, denen ihre Umgebung nicht gleichgültig ist“, sagt Julia vom Stadtbetrieb Gormost. Ihre Kolleginnen, die sich auf einer Bank am Ukrainski-Boulevard ausruhen, nicken zustimmend. „Unsere Stadt soll sauberer werden – für die Gäste, für das Gemeinwohl“, sagen viele von ihnen fast wie im Chor. Und sie beteuern: Es gebe keinen Zwang.

Alle seien seit neun Uhr morgens im Einsatz, sagen die Frauen im Alter zwischen 35 und 55 Jahren. Bis gegen Mittag dauert die Aktion, dann wollen sie bei McDonald’s am Ende des Parks einkehren, um den Kollektivgeist zu stärken. Geändert seit Sowjetzeiten habe sich am Subbotnik nichts, meinen die älteren unter ihnen – auch wenn jetzt Kapitalismus herrsche und niemand etwas zu verschenken habe: weder Zeit noch Geld.

Sowjetnostalgie liegt schwer im Trend

Schwer im Trend liegt Sowjetnostalgie im Reich von Kremlchef Wladimir Putin allemal. Vom Subbotnik zeigt das vom Kreml gesteuerte Fernsehen den ganzen Tag Moskauer, die mit großer Freude harken und fegen und sich später an der Gulaschkanone stärken. Utensilien wie Handschuhe und Arbeitsgeräte für das „Massenputzen“ gebe es gratis von der Stadt, schwärmt der Moderator.

Die Zeitung „Argumenti i Fakty“ ruft auf, sich verstärkt über soziale Netzwerke wie Facebook oder das russische Pendant Vkontakte zu verabreden. Das sei auch eine gute Chance, Leute kennenzulernen.

Für die Einsätze an den Samstagen würden vielerorts auch Konzerte organisiert, sagt Vizebürgermeister Pjotr Birjukow. „Musik hebt die Stimmung“, meint er. In diesem Jahr erwartet er wieder mehr als zwei Millionen Menschen in der russischen Hauptstadt bei den Subbotniks. Nächster Termin ist der 26. April, vier Tage nach Lenins Geburtstag, der 90 Jahre nach seinem Tod immer noch einbalsamiert im Mausoleum am Roten Platz liegt.

„Die moderne russische Wirklichkeit ist ein wundersames Gemisch aus Epochen, wo zaristische Symbole sich mit sowjetischen verweben und es selbst in kapitalistischen Verhältnissen Elemente gibt, die eigentlich ausschließlich zu einer sozialistischen Gesellschaft gehören“, meint „Argumenti i Fakty“ über den Subbotnik.

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