Leben Bauboom statt Kolonialhistorie: Daressalams Altstadt steht vor dem Abriss

Daressalam ist die größte Stadt Tansanias

Daressalam ist die größte Stadt Tansanias© Martijn Munneke/ flickr/ Creative Commons BY 2.0

Gläserne Wolkenkratzer statt denkmalgeschützte Altstädte: Viele Länder Afrikas jagen mit ungezügeltem Bauboom den asiatischen Vorbildern Singapur und Dubai hinterher. Besonders betroffen ist Tansanias größte Stadt Daressalam. Wer kann die Altstadt noch retten?

„Hafen des Friedens“ bedeutet der arabische Begriff Dar es Salaam. Friedlich ging es in der turbulenten Geschichte der tansanischen Metropole aber nur selten zu. Ob Araber, Deutsche oder Briten – viele Länder und Kulturen haben die Stadt am Indischen Ozean über die Jahrhunderte vereinnahmt und ihr immer neue Stempel aufgedrückt.

Heute zeugt die historische Altstadt mit ihren prächtigen, wenn auch häufig von den Spuren der Zeit gezeichneten Gebäuden von den verschiedenen Einflüssen. Die „New York Times“ hat Daressalam Anfang des Jahres in ihre Liste der „Top 50 must visit places“ (50 Orte, die man unbedingt besucht muss) aufgenommen. Ausschlaggebend waren hierfür sicher nicht zuletzt die charmanten Straßen der Altstadt.

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Wie auch in anderen Ländern Afrikas droht die vor allem in kultureller Hinsicht wertvolle Architektur vergangener Zeiten im Strudel der Modernisierung zu versinken. „Offiziell stehen lediglich 25 Gebäude in der gesamten Stadt unter Denkmalschutz, und die meisten stammen aus der Zeit, als Daressalam die Hauptstadt der Kolonie Deutsch-Ostafrika war.

Vorbild Singapur und Dubai

Die Zahl schrumpft jedoch zusehends“, sagt die Architektin Annika Seifert von der TU Berlin, die seit über vier Jahren in Tansania lebt und den Schutz historischer Strukturen vorantreibt. Die Kolonie, zu der auch Burundi und Ruanda gehörten, bestand von 1885 bis 1918.

Zu den schützenswerten Bauten in „Dar“, wie die Stadt kurz genannt wird, gehören vor allem frühere Regierungsgebäude auf der ehemaligen „Kaiserallee“. Auch das deutsche Postamt, der Bahnhof sowie die zwischen 1897 and 1902 gebaute katholische St.-Josephs-Kathedrale und die evangelische Azania-Kirche stehen noch – ebenso wie verschiedene Moscheen und Hindu-Tempel, Gebäude aus den Gründungstagen des sansibarischen Sultanats und solche, die unter der britischen Herrschaft errichtet oder ausgebaut wurden. Aber ihre Zeit könnte bald ablaufen.

„Die zuständige Antiquities Division ist unterbesetzt und ihr politischer Einfluss wird im Spannungsfeld stärkerer Interessen zerrieben“, sagt Seifert. Denn die Regierung und finanzkräftige Investoren würden die Drei-Millionen-Stadt gerne in eine gläserne Wolkenkratzermetropole nach dem Vorbild von Singapur oder Dubai verwandeln.

Die Elite der Stadt würde gerne alles abreißen und neu bauen

„Skrupellose und unkontrollierte Entwicklung“ nennt die Denkmalschutzinitiative World Monuments Watch die städtebauliche Katastrophe, die sich seit Jahren in Daressalam abspielt. Um „das reiche Erbe und die geschichtlichen Zeugnisse der vibrierenden und multikulturellen Vergangenheit“ der Stadt zu bewahren, wurde das historische Zentrum 2014 in die Liste der bedrohten Kulturstätten der gemeinnützigen Organisation aufgenommen.

„Vor allem in den vergangenen zehn Jahren wurde unglaublich viel zerstört“, sagt Adolfo Mascarenhas, Experte für Stadtplanung. Er lehrte viele Jahre an der Universtität in Dar. „Die tansanische Elite würde unter dem Vorwand, alle kolonialen Spuren auslöschen zu wollen, gerne die ganze Stadt dem Erdboden gleichmachen und alles noch mal neu bauen.“

Der ganze Planungs- und Entscheidungsprozess sei dabei aber völlig undurchsichtig, von Machtmissbrauch der zuständigen Behörden spricht Mascarenhas. „Es ist nicht möglich, andere Boomstädte etwa in Asien oder in den Arabischen Emiraten einfach so zu imitieren“, warnt er.

Historische Gebäude verschwinden von der Liste geschützter Denkmäler

Um Dars Historie besser zu schützen, wurde vor wenigen Monaten mit Unterstützung der Europäischen Union das „Daressalam Zentrum für Architekturerbe“ (DARCH) ins Leben gerufen. An dem Projekt ist auch die TU Berlin beteiligt.

Ihren Sitz hat die Initiative in der alten Boma. Die Festung, die gerade renoviert wird, ist eines der ältesten Gebäude der Stadt. Sie soll später für Kulturevents und Ausstellungen genutzt werden und auch Touristen anziehen.

Interessenten sollten sich beeilen, denn niemand weiß, wann das nächste geschichtsträchtige Gebäude dem kaum mehr aufzuhaltenden Fortschritt zum Opfer fallen wird. „Der heutige Court of Appeal, ehemals der „Deutsche Club“, ist erst kürzlich unbemerkt von der Liste der geschützten Gebäude verschwunden. Nun soll er abgerissen werden, weil das benachbarte Hotel mehr Parkplätze braucht“, sagt Seifert.

Wenn der Trend anhalte, dann riskiere Tansania nicht nur ein Stück seiner Identität, sondern auch seiner Geschichte zu verlieren, warnt World Monuments Watch. „Wir können nur hoffen und weiter für den Erhalt arbeiten“, meint Mascarenhas. „Irgendwann müssen zügellose Korruption, Gier und die pure Ausbeutung der Menschen ja einmal zu einem Ende kommen. Wir können jetzt nur noch beten, dass die derzeitige Entwicklung noch gestoppt wird.“

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