Leben Das Milliardengrab: Wie das DDR-Geld unter der Erde verschwand

Ein Schaufelbagger transportiert in einem unterirdischen Stollen bei Halberstadt altes DDR-Geld.

Ein Schaufelbagger transportiert in einem unterirdischen Stollen bei Halberstadt altes DDR-Geld.© ZB - Fotoreport

Die DDR-Staatsbank hatte einen Plan. Als das Papiergeld vor 25 Jahren wertlos wurde, raffte sie die Scheine zusammen. Unter Tage sollten sie verrotten. Doch daraus wurde nichts.

Der 1. Juli ist ein besonderer Tag. Da wird Hans-Joachim Büttner 70 Jahre alt. Und was noch? „Der Tag der Volkspolizei“, sagt er und schmunzelt. Und? Büttner überlegt. Am 1. Juli 1990 trat die Währungsunion zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland in Kraft. Die Scheine mit den Konterfeis von Müntzer, Zetkin und Co. wurden wertlos, die Münzen auch. Büttner war Teil dieser Maßnahme – und ist es irgendwie immer noch. Der ehemalige Nationale Volksarmist war der letzte Kommandant jenes Bunkers bei Halberstadt in Sachsen-Anhalt, in den die Staatsbank der DDR das Papiergeld bringen ließ. Tonnen, Milliarden – keiner weiß es genau. Büttner sagt: „Das sollte da unten vergammeln. Wir wussten, das wird nie was.“

Der Rentner steht mit Mütze und Handlampe unter Tage. Häftlinge des Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge mussten das insgesamt 13 Kilometer lange Tunnelsystem einst graben. Im Scheinwerferlicht seines Autos lässt er den Lichtstrahl über riesige Sandberge wandern. „Man hat von oben Löcher in die Decken gebohrt und Wasser und Sand reingekippt“, sagt der ehemalige Oberstleutnant, der aus Genthin stammt. „Das war wohl zur Abdeckung des Geldes gedacht und damit es besser verrotten soll.“

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100 Milliarden DDR-Mark lagerten unter Tage

Der Sand ist immer noch da, die Scheine nicht. 2002 reagierte die Kreditanstalt für Wiederaufbau, nachdem das düstere Geldversteck immer wieder Begehrlichkeiten bei Kriminellen geweckt hatte. Die Rechtsnachfolgerin der DDR-Staatsbank schaffte die grob geschätzt 100 Milliarden DDR-Mark aus den insgesamt 400 Meter langen Kammern in eine Müllverbrennungsanlage.

Der Reiz des Unterirdischen ist geblieben. Davon zeugen Schmierereien an den Wänden und Flaschen auf dem Boden. „Die steigen hier ein, immer wieder“, ärgert sich Büttner, der in einem Häuschen in Halberstadt wohnt und das oberirdische Areal seit 1997 als Jagdpächter bewirtschaftet.

Anderthalb Jahre lang schaffte die Staatsbank Geld in den Bunker

„Das Geld kam 1990 in Jutesäcken.“ Der 69-Jährige kennt die Maße noch so genau wie die Fahrwege durch das Stollensystem. „Die waren 60 Zentimeter hoch, 30 Zentimeter breit und 20 Zentimeter tief.“ Drin war, was der DDR-Bürger bis dato im Portemonnaie hatte. Und noch viel mehr. Auch die nie in Umlauf gebrachten 200- und 500-Mark-Scheine waren dabei. Bevor das erste Geld im ehemaligen „Komplexlager 12“ ankam, saß der damals 44-Jährige öfter mit den Leuten der DDR-Staatsbank zusammen. Es ging um Logistikfragen und Sicherheit. „Fakt war, dass alles schnell gehen sollte. In den Tresoren musste Platz für die D-Mark gemacht werden.“

Büttner holt einen Plan hervor. Er zeigt das ober- und unterirdische Gelände der Thekenberge. Früher hing er in seinem Dienstzimmer, heute dient er als Gedankenstütze. „Das erste Geld war die Notreserve der DDR“, sagt er. „Das kam mit der Bahn.“ Büttner zeichnet mit einem Kugelschreiber jenen Weg nach, den der Zug genommen hat. „Der fuhr komplett unter Tage an die Rampe und wurde entladen.“ Dann rollten Tatra-Sattelauflieger heran. Wieder wandert der Stift über den Geländeplan. „So, wie das draußen zusammengesammelt wurde, kam das hier an.“ Geheim sollte es sein, blieb es aber nicht. Fast anderthalb Jahre lang wanderte DDR-Geld in den Bunker.

Erst kam der Sand, später die Diebe

Die Holzpaletten mit den Geldsäcken wurden mit Gabelstaplern von den Lkw-Ladeflächen geholt und per Hand auf 20 Förderbänder verfrachtet. „Es waren immer Banker dabei“, sagt Büttner. „Zur Kontrolle.“ Das Geld lagerte an zwei Stellen des Stollens, dessen eine Hälfte die Nationale Volksarmee (NVA) seit 1975 als Munitionslager nutzte. Auch ein Stück Altstollen von 1945 wird zum Milliardengrab. Bis kurz unter die neun Meter hohe, gewölbte Decke wurden die Säcke gestapelt. Dann kam der Sand, später die Diebe.

Aktuell präsentiert sich das oberirdische Areal weitgehend trostlos. Die Prognosen sind schwierig. „Natürlich wünschen wir uns eine künftige Nutzung, die sich mit der umliegenden Natur arrangiert“, sagt Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke (Linke). „Dazu müssen wir aber erst einmal den Ausgang eines Zwangsversteigerungsverfahrens abwarten. Da wird noch etwas Zeit ins Land gehen.“

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