Leben „Der Geldhahn ist aufgedreht“: Wofür Kunstliebhaber Millionen ausgeben

Bei Kunstauktionen wechseln Werke für Millionen den Besitzer: Im Bild: ein Gemälde des französischen Künstlers Camille Pissarro im Londoner Auktionshaus Sotheby's.

Bei Kunstauktionen wechseln Werke für Millionen den Besitzer: Im Bild: ein Gemälde des französischen Künstlers Camille Pissarro im Londoner Auktionshaus Sotheby's.© dpa/picture-alliance

Der internationale Kunstmarkt überbietet sich mit Rekorden. Die Preise klettern in schwindelerregende Höhen. Selbst Brancheninsider sprechen inzwischen von teils “grotesken Preisübertreibungen." Wer von dem Hype auf dem Kunstmarkt profitiert - und warum Kunstliebhaber manchmal lieber vorsichtig sein sollten.

Sotheby’s setzt auf seiner neuntägigen Herbstauktion mehr als eine Milliarde Dollar (846 Millionen Euro) um. Konkurrent Christie’s stellt mit einem Gesamtumsatz von knapp 853 Millionen Dollar an einem einzigen Abend einen Rekord auf. Die Preise auf dem überhitzten Kunstmarkt werden in schwindelnde Höhen katapultiert. 100 Millionen Dollar für eine filigrane Bronze von Alberto Giacometti, 84 Millionen für ein Ölbild von Barnett Newman – niedrige Zinsen und ein Überfluss an Geld befeuern den Ansturm auf die wie Aktien an der Börse genannten „Blue Chips“ der Kunst.

Zu den Rekorderlösen haben 2014 nicht unerheblich auch zwei Werke von Andy Warhol beigetragen, die jahrzehntelang im Spielcasino Aachen hingen. Der nordrhein-westfälische Casino-Betreiber Westspiel brauchte Geld zur Sanierung und warf gleich zwei kapitale Warhol-Siebdrucke zur richtigen Zeit auf den Markt. „Triple Elvis“ spielte fast 82 Millionen Dollar ein und erklomm Platz 3 der höchsten Auktionserlöse 2014; „Four Marlons“ kam mit fast 70 Millionen Dollar Erlös auf Platz 7.

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„Das wird so weitergehen, der Geldhahn ist voll aufgedreht“, sagt Hans Neuendorf, Gründer des Online-Kunstdienstleisters artnet. „Das Geld findet keinen anderen Weg. Welche Anlageklasse gibt es noch, die interessant ist und mit der man sich wichtig tun kann?“ Neuendorf prognostiziert für 2015 einen weiteren Anstieg der Preise im obersten Kunstsegment, zumal es viele neue Kunstsammler gebe, etwa in den ölreichen Golfstaaten.

„Groteske Preisübertreibungen“ und Spekulation

„Das Geld schwappt herum auf der Welt, und es gibt immer mehr davon“, sagt Neuendorf. Dies führe auch zu „grotesken Preisübertreibungen“ und Spekulation auf dem Kunstmarkt. „Wenn ein Künstler eine Marke geworden ist, dann gehen die Preise hoch in Regionen, wo sie nie vorher gewesen sind.“

Auch deutsche Auktionshäuser freuen sich 2014 wieder über ein Rekordjahr, wobei der Umsatz allerdings im Vergleich zu den internationalen Schwergewichten Christie’s und Sotheby’s eher bescheiden ist. So erlöste das Münchner Auktionshaus Ketterer 2013 rund 38 Millionen Euro. „Wir werden aber dieses Jahr unser Höchstergebnis vom letzten Jahr wieder toppen“, sagt Inhaber Robert Ketterer. Auch Markus Eisenbeis vom Kölner Auktionshaus Van Ham sagt: „Wir werden mit Sicherheit mit einem deutlichen Rekordjahr abschließen.“

Beide Auktionshäuser verzeichnen einen Trend zur zeitgenössischen Kunst ab 1960. Vor allem die deutsche Zero-Kunst mit Werken von Günter Uecker, Heinz Mack und dem im Sommer gestorbenen Otto Piene profitiert derzeit von dem Hype auf dem Kunstmarkt. Als Preistreiber erweisen sich dabei Museumsausstellungen wie die spektakuläre Zero-Schau im New Yorker Guggenheim. 2015 wandert die Schau nach Berlin, zeitgleich wird eine große Uecker-Schau in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf gezeigt.

Schwankungen auf dem Markt

„Als die erste Ausstellung angekündigt wurde, sprang Uecker schon über eine Million“, sagt Ketterer. Früher habe man Zero „für ’nen Appel und ’nen Ei“ kaufen können. Im ablaufenden Jahr konnte Ketterer schon den Weltrekord für ein Uecker-Nagelbild melden. „Hommage à Fontana“ brachte im Juni knapp 1,3 Millionen Euro mit Aufschlag. Sogar ein kleines Aquarell von Wassili Kandinsky wurde bei Ketterer im Juni für rund 1,3 Millionen Euro versteigert.

Innerhalb der zeitgenössischen Kunst kommt es aber auch zu Schwankungen. „Ein Künstler kann schnell hochschießen, aber auch schnell wieder runterkommen“, sagt Eisenbeis.

Auch alte Kunst ist gefragt. „Gute schöne Landschaftsmalerei oder französische Spätimpressionisten, da geht die Reise hin“, sagt Eisenbeis. Eine „enorm starke Aufwertung“ hätten die deutschen Romantiker aus dem Kreis um Caspar David Friedrich erfahren. Auch Landschaftsskizzen sind gefragt. Kleine Arbeiten, die früher um 1500 Euro gebracht hätten, würden heute zwischen 5000 bis 7000 Euro erlösen.

Nach wie vor aber übersteigt die Nachfrage auf dem Kunstmarkt das Angebot. Eisenbeis sagt: „Man muss suchen, jagen, das ist der Reiz des Marktes.“

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