Leben Der millionste Gastarbeiter: Warum Senhor Rodrigues vor 50 Jahren nach Deutschland kam

Der millionste Gastarbeiter Armando Rodrigues: zur Begrüßung erhielt er am Bahnhof in Köln-Deutz ein Moped.

Der millionste Gastarbeiter Armando Rodrigues: zur Begrüßung erhielt er am Bahnhof in Köln-Deutz ein Moped.© dpa

Am 10. September 1964 kam der millionste Gastarbeiter in Deutschland an: der schüchterne Portugiese Armando Rodrigues de Sá. Er wollte sich und seiner Familie ein besseres Leben ermöglichen. Heute sind die Gründe, die ihn damals zur Auswanderung zwangen, in Portugal aktueller denn je.

Eine Kapelle spielte, „Viva Portugal“-Rufe ertönten und ein Blitzlichtgewitter startete: Dutzende Reporter und ein großes Festkomitee warteten vor 50 Jahren – am 10. September 1964 – im Bahnhof Köln-Deutz auf die Einfahrt des Zuges mit dem millionsten Gastarbeiter. Der Portugiese Armando Rodrigues de Sá wusste nicht, wie ihm geschah, als sein Name über Lautsprecher ausgerufen wurde. Als Willkommensgeschenk erhielt der 38 Jahre alte Zimmermann Blumen und ein Moped der Marke Zündapp.

Dabei hatte sich der hagere Mann aus dem Dorf Vale de Madeiros an jenem Vormittag zunächst gar nicht zu erkennen geben wollen. Als ein Dolmetscher sich auf dem Bahnsteig durch die Menge der gerade eingetroffenen 933 Spanier und 173 Portugiesen kämpfte und „Armando Rodrigues, Armando Rodrigues“ schrie, machte er sich klein. „Nach zweitägiger Reise auf einer harten Holzbank war mein Vater total erschöpft und auch erschrocken. Er dachte, die Polizei wolle ihn aus irgendeinem Grund festnehmen oder zurückschicken“, erinnert sich sein Sohn João Pais de Sá.

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Von Kollegen ermuntert, die zudem „hier ist er, hier ist er“ riefen, trat der für einen Auswanderer der 1960er mit Jacke und Hut gut gekleidete Mann dann doch vor. Schüchtern lächelnd sagte er, der tolle Empfang erleichtere ihm die Trennung von seinen Lieben ein bisschen. Die daheimgebliebene Familie habe von der Geschichte erst nach einigen Tagen beim ersten Anruf des Vaters erfahren, erzählt der 65-jährige Sohn, der wie Witwe Maria (84) und Tochter Rosa (61) immer noch in Vale de Madeiros 250 Kilometer nordöstlich von Lissabon wohnt. „Damals gab es ja noch kein Internet und kein E-Mail.“

500 Mark in Deutschland statt bisher umgerechnet 4 Mark in Portugal

Ende 1955 hatte die Bundesrepublik Deutschland mit Italien das erste Abkommen zur Anwerbung ausländischer Arbeiter geschlossen. In Deutschland wurden damals händeringend Arbeitskräfte gesucht. Es folgten Anwerbeverträge mit weiteren Ländern, darunter die Türkei, Spanien und Portugal. Zur Zeit des Anwerbestopps arbeiteten etwa 2,6 Millionen Ausländer in Westdeutschland. Es kamen junge Männer, die in der Ferne ihren Lebensunterhalt aufbessern wollten. Sonderzüge brachten sie unter anderem nach Köln, von wo aus sie zu ihren Arbeitsstätten weiterfuhren. Das Geld, das sie hier verdienten, schickten sie zumeist nach Hause zu ihren Familien.

Auch Armando Rodrigues de Sá hatte die Familie in der Heimat zurückgelassen. „Während er in Portugal rund vier D-Mark pro Tag verdiente, konnte er aus Deutschland in manchen Monaten 500 DM nach Hause schicken“, erläutert Arnd Kolb, Geschäftsführer des Dokumentationszentrums und Museums über die Migration in Deutschland (Domid). Armando war nicht der einzige aus seiner Heimat, der damals nach Deutschland ging. „Es waren viele, sehr viele“, blickt Witwe Maria zurück.

Seine erste Arbeitsstelle hatte Rodrigues de Sá bei einer Stuttgarter Baufirma. Später arbeitete er in Blaubeuren, Sindelfingen, Mainz und Wiesbaden. Wie viele Gastarbeiter wohnte er zunächst in Baracken, lebte sparsam und verbrachte die Freizeit mit seinen Landsleuten. Aus einem Heimaturlaub 1970 kehrte er nach einem Arbeitsunfall aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr nach Deutschland zurück. 1979 starb er in Portugal an Krebs. Seine Zündapp steht jetzt im Bonner „Haus der Geschichte“.

„Die Lage in Portugal ist immer noch sehr schlecht“

Die Stimme seines Sohnes João bebt am Telefon, als er sagt: „Ich bin stolz auf meinen Vater. Er war ein guter Mann. Er hatte in Portugal Arbeit, hat sich aber geopfert, um uns ein besseres Leben zu ermöglichen. Es war auch für uns hart, mein Vater hat mir damals sehr gefehlt.“ Dass Rodrigues de Sá in Deutschland in Medien und Schulbüchern erwähnt wird, in Portugal aber ein Nobody geblieben ist, stört die Familie schon ein bisschen. „Hier habe ich in den vergangenen 25 Jahren sehr viele Journalisten und Historiker aus Deutschland empfangen, aber Portugiesen waren kaum hier“, sagt die Witwe. Verstehen kann sie das nicht.

Das Magazin „Sábado“ brachte im Februar zwar einen ersten Bericht, eine vom Historiker Antonio Muñoz Sánchez angeregte Gedenkfeier ließ sich mangels Interesse und Geld aber nicht verwirklichen. Dafür wird in Köln am 13. September mit einer feierlichen Veranstaltung an den millionsten Gastarbeiter erinnert. Unter anderem wollen Künstler die Ankunft von Rodrigues de Sá am Bahnhof Deutz nachspielen. Die Deutsche Migrationsexpertin Svenja Länder, die in Porto ihre Doktorarbeit schrieb, organisiert eine Rekonstruktion der Zugfahrt, an der Rodrigues-Enkel Antonio und ein portugiesischer Liedermacher aus der Zeit der Diktatur, Francisco Fanhais, teilnehmen.

Auch João will bei den Feiern in Köln dabei sein. Mit einem lachenden, aber auch mit einem weinenden Auge: „Die Lage in Portugal ist immer noch sehr schlecht, es gibt keine Arbeit, die jungen Menschen wollen alle weg“. Das beobachtet auch Migrationsexpertin Svenja Länder: „Rodrigues verließ Portugal aus wirtschaftlichen Gründen. Diese sind heute aktueller denn je. Meiner Meinung nach tut die Politik gar nichts dagegen.“ Die Statistikbehörde INE teilte jüngst mit, im vergangenen Jahrzehnt hätten im Zuge der Krise 500.000 junge Menschen das Zehn-Millionen-Einwohner Land verlassen.

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