Leben Der Schock der leeren Wand: 20 Jahre Schirn-Kunstraub

Ein Kameramann und ein Fotografen nehmen 1994 in der Frankfurter Schirn die leere Wand auf, an der zwei Gemälde von William Turner hingen.

Ein Kameramann und ein Fotografen nehmen 1994 in der Frankfurter Schirn die leere Wand auf, an der zwei Gemälde von William Turner hingen. © dpa/picturealliance

Vor 20 Jahren verschwanden drei millionenschwere Gemälde aus einer Frankfurter Ausstellung. Die Hintermänner wurden nie gefunden. Die Bilder tauchten später wieder auf. Die Geschichte ihrer Wiederbeschaffung ist ebenso spannend wie der Raubüberfall selbst.

Donnerstagabend vor 20 Jahren. Zwei Männer besuchen die Frankfurter Schirn. Als die Kunsthalle schließt, lassen sie sich im Gebäude einsperren. Nachts überwältigen sie den Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes. Sie knebeln und fesseln ihn, stülpen ihm eine Sturmhaube über den Kopf und sperren ihn in eine Besenkammer. Dann schrauben sie drei Bilder von den Wänden: „Schatten und Dunkelheit“ und „Licht und Farbe“ von William Turner (1775-1851) und „Nebelschwaden“ von Caspar David Friedrich (1774-1840). Versicherungswert 70 Millionen Mark.

„Den Tag werd‘ ich mein Leben lang nicht vergessen“, sagt Sabine Schulze über den 28. Juli 1994. Die heutige Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg war Kuratorin der Ausstellung „Goethe und die Kunst“, aus der in jener Nacht die Bilder entführt wurden. Der technische Leiter der Schirn klingelte sie aus dem Bett: „Es ist was passiert, komm sofort.“ Was passiert ist, erfuhr sie erst vor Ort. „Ich konnte es überhaupt nicht fassen. Man meint, man ist in einem Alptraum und hofft, bald aufzuwachen.“

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„No, I’m sorry for you!“

Noch in der Nacht rief Schulze die beiden Leihgeber an: die Tate Gallery in London wegen der Turners und die Hamburger Kunsthalle wegen des Friedrichs. In der Vor-Handy-Zeit keine leichte Aufgabe: In Hamburg sprach sie statt dem Direktors einem Zahnarzt gleichen Namens auf den Anrufbeantworter. Die Tate habe mehr als verständnisvoll reagiert: „I’m so sorry for you, Sabine“, sagte der zuständige Kurator in London. „No, I’m sorry for you!“, entgegnete die zerknirschte Schirn-Mitarbeiterin, der der Fall „jahrelang wie ein Stein auf dem Herzen lag“.

Niemand habe der Kunsthalle damals einen Vorwurf gemacht, sagt Schulze. Das Haus war neu und technisch gut gesichert. Die Alarm- und Überwachungstechnik habe sich seither noch mal enorm weiterentwickelt, sagt Manfred Müller, Vorstand des Verbands der deutschen Registrare, einer Vereinigung von Museumsexperten, die sich um Transport- und Versicherungsfragen bei Kunstausstellungen kümmern. „Aber 100-prozentige Sicherheit gibt es nie. Gegen einen Überfall mit Waffengewalt ist man weitgehend machtlos.“

Angst vor einer neuen Welle von Kunstkriminalität

Damals sei die Angst umgegangen vor einer neuen Welle von Kunstkriminalität, erinnert sich Schulze. Aber es blieb bei spektakulären Einzelfällen: 2004 rauben Bewaffnete eine Version des „Schreis“ aus dem Munch-Museum in Oslo. Auch 2007 in Nizza und 2008 in Zürich waren Waffen im Spiel. 2010 in Paris kamen die Diebe wie in der Schirn in der Nacht. Relativ viele der in den vergangenen zehn Jahren aus Museen oder Ausstellungen geraubten Bilder von Picasso, Matisse, Monet und van Gogh tauchten später wieder auf.

Auch die Turners und der Friedrich aus der Schirn kehrten später nach Hamburg und London zurück. Die Geschichte ihrer Wiederbeschaffung ist mindestens so spektakulär wie ihr Raub, nachzulesen in dem Tatsachenreport „Die leere Wand“ von Tate-Mitarbeiter Sandy Nairne. Eine der Schlüsselfiguren war der Frankfurter Anwalt Edgar Liebrucks. Er hatte Kontakte auf die „andere Seite“ und vermittelte zwischen Räubern und Gendarmen.

„Schatten und Dunkelheit“ neben konfiszierten Pornos

Fünf Jahre nach dem Schirn-Überfall hat der Anwalt tatsächlich „Schatten und Dunkelheit“ in seiner Wohnung. Einmal quer über die Straße und das Bild ist in Sicherheit – in einem Kabuff bei der Staatsanwaltschaft, in dem sich konfiszierte Pornos stapeln. Auch der Friedrich kehrte 2000 mit Liebrucks‘ Hilfe nach Hamburg zurück.

2002 übergab ein Mittelsmann den zweiten Turner einem Scotland Yard-Agenten in einem Frankfurter Hotel, verpackt in einem Stoffbeutel. „Wie guter Sex oder der beste Champagne“ sei dieser Moment gewesen, erinnerte Agent „Rocky“, als er 2008 als Zeuge vor Gericht aussagte. Angeklagt waren zwei Kleinganoven, die im Auftrag unbekannter Hintermänner zwei Millionen Euro für die Rückgabe des Bildes kassierten und ihren Anteil in Brasilien auf den Kopf hauten. Sie wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Rätsel um die Auftraggeber

Die Auftragsdiebe saßen zu diesem Zeitpunkt schon hinter Gitter. Zur Freude der Polizei hatten sie beim Abtransport der Beute am Hinterausgang der Schirn ihre Fingerabdrücke hinterlassen. 1995 wurden sie in Frankfurt verhaftet, 1999 zu elf und acht Jahren Haft verurteilt. Wer die Auftraggeber waren, ist auch 20 Jahre nach der Tat noch ein Rätsel. Scotland Yard zufolge dienen geraubte Gemälde häufig in Unterweltkreisen als Pfand bei Drogengeschäften.

Seit 2003 hängen die Turners wieder in London. Die Versicherungssumme – laut Sandy Nairne je 12 Millionen Pfund (14,8 Mio Euro) – war inzwischen ausbezahlt worden. Als „Honorar für die erfolgreiche Wiederbeschaffung“ gab die Tate offiziell 3,5 Millionen Pfund aus (4,3 Mio Euro). Die Differenz, schreibt der Tate-Mitarbeiter in seinem Buch, habe beim Aufbau der Tate Modern geholfen.

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