Generation "Y" Verlieren sie sich alle realitätsfern in der Sinnsuche?

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Ein Job, der Geld bringt oder lieber eine Aufgabe mit sozialer Verantwortung? Die Generation "Y" versucht, die einstigen Gegensätze zu vereinen.

Ein Job, der Geld bringt oder lieber eine Aufgabe mit sozialer Verantwortung? Die Generation "Y" versucht, die einstigen Gegensätze zu vereinen.© Getty Images

Eine sinnvolle Tätigkeit ist für Mitarbeiter aus der Generation "Y" wichtig. Finanzielle Sicherheit aber auch. Und immer öfter verbinden sie beides miteinander. Ein Trend, der auch mittelständischen Unternehmen nutzt: Arbeitgeber, die sich jetzt flexibel zeigen, gewinnen enorm an Attraktivität.

Früher waren die Fronten klar: Geld oder Gutes. Die einen studierten BWL um später Porsche zu fahren – und wenn sie dafür Waffen verkaufen mussten. Die anderen vertieften sich in Philosophie oder Geschichte. Und erklärten, dass das der einzige Weg sei, das zu tun, was sie wirklich erfüllt.

Fragt man Yannick Sonnenberg, dann ist dieser Widerspruch Geschichte. „Ich bin Kapitalist“, sagt er. „Aber genauso begeistert mich Charity.“ Der 25-jährige ist ein „Social Entrepreneur“, ein Sozialunternehmer. Gemeinsam mit vier Mitstreitern hat er im Februar 2012 das Unternehmen Elefunds gegründet. Die Geschäftsidee: Online-Shopping-Kunden sollen beim Einkauf den Preis aufrunden und an gemeinnützige Organisationen zu spenden. Damit wollen die Gründer „die Spendenkultur nachhaltig verändern“ und so die Gesellschaft ein bisschen besser machen. Aber sie wollen auch möglichst viel Geld verdienen. Die Spendenbeträge gehen zwar komplett an den vom Kunden ausgewählten Empfänger – aber die Shops, die das System verwenden, zahlen Lizenzgebühr an Elefunds.

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„Wieso auch nicht“, sagt Sonnenberg. „Unternehmertum bedeutet, den Gewinn zu maximieren.“ Er hat Wirtschaft studiert, Philosophie und Sozialwissenschaften, vor der Gründung arbeitete er für eine Unternehmensberatung. „Gleichzeitig schöpfe ich große Motivation aus dem Wissen, dass für jeden Euro Umsatz, den wir machen, ein Vielfaches davon gespendet wird.“

Entweder NGO oder gutes Geld war gestern

Viele Menschen könnten sich nur das eine oder das andere vorstellen: „Entweder in einem großen Konzern arbeiten und viel Geld verdienen, oder in einer NGO Sinnvolles bewirken, dafür dann aber nur ganz wenig Geld haben.“ Sonnenberg findet: Auch ein guter Spendensammler kann doch einen Sportwagen fahren.

Dennis Hoenig-Ohnsorg arbeitet für Ashoka, eine Organisation, die Sozialunternehmen unterstützt, berät und beobachtet. Er kennt viele junge Menschen wie Sonnenberg. „Sie wollen wissen, was sie tun, und sie wollen sehen, wie ihr Tun wirkt“, sagt Hoenig-Ohnsorg. Das müsse nicht bedeuten, gleich Spenden zu sammeln oder sich um sozial Schwache zu kümmern. „Es kann auch darum gehen, nur zu sehen: Was bewirkt meine Arbeit innerhalb meines Unternehmens.“

Besonders junge Menschen trauen sich immer öfter, diesen Wunsch auch zu äußern. „Die Generation Y ist die erste Generation, die nicht nach dem Motto lebt: Meine Kinder sollen es mal besser haben als ich“, sagt Hoenig-Ohnsorg. Wenn es dem Nachwuchs nur genauso gut geht, genügt den „Millennials“ das. Sie wollen ein anständiges Gehalt, aber sie wissen auch, dass mehr Geld ab einem gewissen Punkt nicht mehr glücklicher macht. Die Glücksforschung sagt, diese Grenze liegt bei 60.000 Euro brutto pro Person und Jahr. Danach werden andere Dinge wichtig. „Bezahlung wird nicht mehr nur in Geld ausgedrückt“, sagt Hoenig-Ohnsorg. „Sondern zum Beispiel auch in Sinn oder unternehmerischer Freiheit.“

Angestellte mit Unternehmergeist

Das kann bedeuten, freiberuflich zu arbeiten. Oder im Beruf frei handeln zu können. Ashoka hat Studien gemacht, die zeigen, dass in Zukunft nicht nur die Karrieren flexibler werden, sondern dass auch Angestellte stärker wie Unternehmer handeln. Experten nennen das „Intrapreneurship“. Das Unternehmen gibt dem Mitarbeiter große Freiheiten, Raum zur Selbstorganisation, ein Budget zur freien Verfügung. „Gerade familiengeführte Mittelständler erkennen derzeit, wie gut ihre Strukturen zu diesem Trend passen.“

Vorreiter sind indes die Großen. Zum Beispiel der Telekom-Konzern Telefonica: Mit dem Projekt „Think Big“ werden Jugendliche ab 16 Jahren gefördert, die Ideen haben und Projekte starten wollen. Die jungen Unternehmer bauen Internetradiosender auf oder entwickeln Apps, auf denen angezeigt wird, auf welchem Bolzplatz gerade Mitspieler warten. Angestellte von Telefonica begleiten die Projekte und werden dafür speziell geschult. „So können wir gleichzeitig Jugendlichen und unseren Mitarbeitern die Möglichkeit geben, unternehmerisch tätig zu sein“, sagt Claudia von Bothmer, die bei Telefonica für das Projekt zuständig ist. Bisher haben 60 ihrer Kollegen mitgemacht. Die meisten gehören zur Generation „Y“.

Wer Blut leckt, kann den Unternehmergedanken weiter verfolgen – und trotzdem bei Telefonica bleiben. Der Konzern bietet Gründern aus den eigenen Reihen an, quasi im Haus neue Ideen für Telefonica zu entwickeln. Auf eigene Rechnung. Was das Unternehmen davon hat? „Einerseits bleiben wir als Arbeitgeber attraktiv“, sagt von Bothmer. „Gleichzeitig schauen Mitarbeiter über den Tellerrand und lernen vieles, was später in die alltäglichen Arbeitsprozesse einfließt.“

Flexible Arbeitgeber werden attraktiver

Viele Mitglieder der Generation „Y“ rufen während des Studiums soziale Projekte ins Leben, weiß Ashoka-Experte Hoenig-Ohnsorg. Sie stünden dann vor der Frage, ob sie das Projekt weiter ausbauen oder Karriere in einem Unternehmen machen. „Wenn mir dann jemand die Chance bietet, zwei Jahre bei ihm zu arbeiten und dann noch mal für das soziale Projekt freigestellt zu werden – das ist doch perfekt.“ So könnten gerade Mittelständler, die in solchen Entscheidungen flexibler seien als Konzerne, sehr attraktiv für gut ausgebildete, leistungsbreite Absolventen werden. Und gleichzeitig vom unternehmerischen Wissen profitieren, das die Kandidaten aus der Sozialbranche mitbringen.

Denn so sinnsuchend sie auch sein mögen – Berührungsängste haben die engagierten „Young Professionals“ nicht. Sozial-Unternehmer Sonnenberg betont, dass seine Mitstreiter allesamt fleißig, zielstrebig und erstklassig ausgebildet seien. Klar, er selbst würde niemals für einen Rüstungskonzern arbeiten. „Aber wir sind ja nicht irgendwelche Öko-Rastas, die Wirtschaft böse finden.“

 

Die Geburtsjahrgänge 1985-1990 kommen auf den Arbeitsmarkt – und über die „Millennials“, auch „Generation Y“ genannt, geistern verschiedene Vorurteile durch die Medien und Personalabteilungen. Doch sind die Y-Jahrgänge wirklich nicht mehr belastbar, besonders empfindlich, wenn es um Stress im Job geht – und lassen sie sich ständig von Facebook und ihrem Smartphone ablenken? In einer neuen Serie klären die auf, die es am besten wissen müssen: Nachwuchstalente der Kölner Journalistenschule, die selbst zur Generation „Y“ zählen. Zur Serienübersicht

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