Eiswein Wie stehen die Chancen beim Eisweinpoker?

Ohne Schnee auf den Trauben sieht es schlecht aus für Eiswein: Er braucht über einen längeren Zeitraum Temperaturen von minus acht bis minus zehn Grad.

Ohne Schnee auf den Trauben sieht es schlecht aus für Eiswein: Er braucht über einen längeren Zeitraum Temperaturen von minus acht bis minus zehn Grad.© picture alliance / chromorange

Die Weinlese ist vorbei. Oder? Moment mal, es gibt doch noch eine Nachspielzeit für die Winzer - den Eiswein. Doch ob Winzer die Spezialität keltern können, ist jedes Jahr ein Glücksspiel.

Für Winzer ist es ein Glücksspiel. Der Einsatz: Trauben am Rebstock. Der Gewinn: ein hoher Preis für kleine Flaschen. Die Rede ist vom Eiswein, einer Spezialität, die bei Minusgraden geerntet wird – die gefrorenen Beeren werden ruckzuck verpresst und ergeben dann einen süßen Saft. Insgesamt gilt die Qualität des Weinjahrgangs 2015 als sehr gut, entsprechend hoch sind die Erwartungen an den Eiswein, der häufig zum Dessert genommen wird. „Aus dem Jahrgang 2015 muss man alles rausholen – also auch Eiswein“, sagt der württembergische Winzer Ulrich Maile. Eiswein sei „das i-Tüpfelchen eines Jahrgangs“, so der Moselwinzer Markus Molitor.

Das Wetter ist der Joker beim Eisweinpoker

Doch das Glücksspiel hat ein Risiko, und das heißt Totalausfall. Wenn es bis Anfang Januar nicht sehr kalt wird, sind die hängengelassenen Trauben reif für den Kompost. „Die werden dann runtergeschnitten, mit denen können wir nichts mehr machen“, sagt Winzer Maile.

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Zugegeben: Wenn Maile den Eisweinpoker verliert, halten sich die finanziellen Einbußen in Grenzen – nur etwa 0,3 Hektar hat der Chef der Lauffener Weingärtner stehen lassen in der Hoffnung auf langanhaltenden Frost. Wenn alles gutgeht, könnten es 500 Flaschen Eiswein à 0,375 Liter werden. Geschätzter Preis: 40 Euro pro Flasche. Die Eiswein-Umsatzerwartungen liegen bei Maile also zwischen 20.000 Euro und – bei Totalausfall – null Euro.

Beim Eiswein geht es ums Prestige

Um große Mengen geht es nicht beim Eiswein, wie Zahlen des Deutschen Weininstituts belegen. In Rheinland-Pfalz – mit zwei Dritteln der deutschen Rebfläche Stammland des deutschen Weins – sind es in diesem Jahr 110 Hektar Eiswein-Fläche, in allen anderen Bundesländern mit Weinanbau dürften es bis zu 90 Hektar sein. Es geht also um maximal 0,2 Prozent der deutschen Anbaufläche. Unter Winzern ist der Eiswein eher die Kür. „Es geht ums Prestige“, sagt Maile.

Der Einsatz des Württembergers beim Eiswein-Glücksspiel war schon mal höher – vor einigen Jahren habe er noch bis zu drei Hektar für die Eisweinlese übrig gelassen, berichtet der Weingärtner. Aber: „Der Klimawandel spielt ein bisschen gegen uns beim Eiswein.“ Denn durch die höheren Durchschnittstemperaturen bei trockenem, sonnigem Wetter werden Trauben früher reif – dieses Jahr im Falle von Mailes Betrieb Mitte Oktober. Sonst war das Anfang November. Früher also war der Abstand zwischen Hauptlese und winterlicher Eisweinernte geringer, dadurch waren die Chancen höher.

Das Risiko wächst

„Die Reifeentwicklung war in diesem Jahr sehr früh“, sagt auch der Präsident des Verbands der Deutschen Prädikatsweingüter, Steffen Christmann. „Insofern ist die Phase, bis es dann wirklich kalt wird, einfach ein bisschen lang.“ Wenn in dieser Zeit Regen falle – wie unlängst geschehen -, mache das die Trauben nicht besser. „Große Mengen wird es wahrscheinlich nicht geben.“

Generell würden die Bedingungen für den Eiswein immer schwieriger, da seltener Temperaturen von minus acht bis minus zehn Grad über einen längeren Zeitraum erreicht werden. Eiswein werde „ein immer selteneres Produkt werden“, sagt Christmann.

Mit der Verschiebung im Klima werde die Eiswein-Erzeugung sehr viel schwieriger, bestätigt auch die Weinexpertin Ruth Fleuchaus von der Hochschule Heilbronn. „Dieses Risiko gehen weit weniger Betriebe ein als noch vor zehn Jahren“, sagt Fleuchaus. Es sei für Winzer eine „Lotterie“ – mit geringeren Aussichten auf Erfolg.

Seit fünf Jahren kein Eiswein

Beim Badischen Winzerkeller in Breisach ist man etwas dünnhäutig. „Eine Eiswein-Lese, die erst unter minus 7 Grad möglich ist, zeichnet sich derzeit nicht ab“, urteilt Sprecher Henning Johanßen. Zwei Winzer aus dem Großverbund hätten dieses Jahr Trauben zur Eisweinlese hängengelassen. „Je länger die Zeit voranschreitet, desto unwahrscheinlicher wird es“, sagt Johanßen. „Im Extremfall gehen wir leer aus.“ Die letzte Pressemitteilung zur Eisweinlese habe er 2010 versandt – der Extremfall scheint eher Normalität zu sein.

Misserfolge musste auch Moselwinzer Molitor hinnehmen. In den Jahren 2013 und 2014 habe er keinen Eiswein abfüllen können, berichtet er. Es sei zu warm oder zu nass gewesen. „Ich hoffe, dass es jetzt schnell eiskalt wird“, sagt der Winzer aus Bernkastel-Wehlen. Leider seien die Temperaturen derzeit ungewöhnlich warm für die Jahreszeit.

Gut möglich, dass das Thema Eisweinjahrgang 2015 einen leisen Tod stirbt. Denn, wie der Württemberger Winzer Maile verrät: „Wenn es nicht klappt, spricht niemand gern drüber.“

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