Leben Ende der Vorstellung: Das Handwerk der Filmvorführer stirbt aus

Aussterbender Beruf: Ein Filmvorführer in einem Berliner Kino.

Aussterbender Beruf: Ein Filmvorführer in einem Berliner Kino.© picture alliance/Keystone

Mehr als 100 Jahre haben sie für ein scharfes Bild und einen rundum gelungenen Kinoabend gesorgt: die Filmvorführer. Mit der Digitalisierung stirbt dieses Handwerk - und damit auch ein Teil der Filmgeschichte.

Wenn Uschi Seifried über ihre Arbeit spricht, taucht ein Wort immer wieder auf: Präzision. Die ist der 65-Jährigen wichtig. Schließlich hängt es von ihrer Fingerfertigkeit, ihrem kritischen Blick und auch ihrem Gehör ab, damit die Kinobesucher im Berliner Arsenal ein ungetrübtes Filmerlebnis haben. Seifried hat den Beruf der Filmvorführerin von der Pike auf gelernt. Als junge Studentin hat sie Anfang der 70er Jahre in dem Kino zunächst Eintrittskarten verkauft, bevor sie vom Kassenhäuschen in den Vorführraum wechselte. „Das ist ein Job, der wird nicht von einer Frau erwartet“, sagt sie und erzählt, dass ihre Mutter sie damals am liebsten als Sekretärin gesehen hätte. „Ich wollte das auf keinen Fall.“

Seitdem sind mehr als 40 Jahre vergangen und Uschi Seifried steht kurz vor der Rente. Wie es der Zufall will, fällt das Ende ihres Arbeitslebens mehr oder weniger mit dem ihres Berufes zusammen. Das Arsenal ist eines der wenigen Kinos, die überhaupt noch Filme auf herkömmliche Art und Weise zeigen – auf Filmrollen, die ein Vorführer eigens dafür in einen Projektor einlegt.

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In der Regel besteht ein normaler Spielfilm von 90 Minuten Länge aus fünf Rollen. Ist eine zu Ende, muss der Filmvorführer rechtzeitig überblenden auf die nächste Rolle, die er zuvor auf einem weiteren Projektor eingelegt hat. Wann es soweit ist, verrät ihm ein kleines Zeichen am Bildrand, das nur für Sekundenbruchteile auf der Leinwand sichtbar ist und das die meisten Zuschauer im Saal kaum wahrnehmen. Für Seifried bedeutet das jedes Mal – auch nach all den Jahrzehnten – noch immer Stress. „Bei jeder Überblendung geht das Adrenalin nach oben“, sagt sie.

Umstellen auf digital? Den Kinos blieb keine andere Wahl

Schon vor ein paar Jahren hat der Einzug des digitalen Zeitalters in die deutschen Kinos begonnen. Analoge Projektoren wurden durch digitale ausgetauscht. Eine Wahl hatten die Kinos nicht. „Die Verleiher liefern keine 35-mm-Kopien mehr“, sagt Andreas Kramer, stellvertretender Vorstand des Hauptverbands deutscher Filmtheater (HDF) in Berlin. Stattdessen kommen neue Filme heute in aller Regel als Datenpaket auf einer Festplatte in die Kinos, wo sie auf einen Server geladen und kontrolliert werden. Zwischen 97 und 98 Prozent aller Kinos hierzulande haben die Umstellung bereits hinter sich, sagt Kramer. Kinos wie das Arsenal verfügen zwar auch über einen Digitalprojektor, weil hier aber die Filmgeschichte das Programm dominiert, werden auch weiterhin die alten Projektoren rattern.

„Den klassischen Beruf des Filmvorführers, den gibt es in dieser Form nicht mehr, der entfällt“, sagt Kramer. Es ist auffällig, dass in der Branche vergleichsweise nüchtern über das Aussterben eines ganzen Berufszweiges gesprochen wird. Selbst Seifried, die mit so viel Stolz jeden ihrer Handgriffe erläutern kann, sorgt sich um etwas ganz anderes. Es sei schlimm genug, dass mit der Digitalisierung Menschen ihren Job verlören, aber „viel schlimmer ist, dass ganz viel Filmgeschichte verloren geht“. Nämlich all jene Filme der vergangenen Jahrzehnte, die nicht genügend kommerzielle Aufmerksamkeit erhalten und somit auch nicht für wert erachtet werden, dass sie digital kopiert werden.

Tatsächlich ist die Gesamtzahl der Filmvorführer im Vergleich zu anderen Berufen überschaubar. Die Gewerkschaft Verdi geht davon aus, dass noch vor Beginn der Digitalisierung vor wenigen Jahren 3000 bis 4000 Menschen als Vorführer ihr Geld verdienten. Nur ein Bruchteil davon übte den Beruf allerdings auch in Vollzeit aus.

Technischer Wandel „demokratisiert die Filmwelt“

Ausgerechnet ein langjähriger Kollege von Seifried outet sich als Befürworter des technischen Wandels. „Ich persönlich find’s gut. Es demokratisiert die Filmwelt“, sagt Bodo Pagels. Schließlich erhöhten die einfacheren Produktionsmöglichkeiten die Chance für Filmemacher mit kleinem Geldbeutel, ihre Werke ins Kino zu bekommen. Zudem würden viele Kinofilme ohnehin schon seit 20 Jahren auf Video gedreht, am Computer bearbeitet und dann erst auf Film kopiert, berichtet der 52-Jährige. Digital sei da schlicht „viel ehrlicher“, findet er.

Pagels weiß, wovon er spricht, schließlich hat er selbst in der DDR als Amateurfilmer angefangen, bevor er Ende der 80er Jahre seine Ausbildung zum Filmvorführer an der Zentralen Berufsschule des Lichtbildwesens in der Nähe von Karl-Marx-Stadt absolvierte. Normalerweise endete eine solche Ausbildung mit einer Meisterprüfung, doch die Wende bereitete dem ein abruptes Ende.

Heute weiß Pagels beides zu bedienen, die alten analogen wie auch die neuen digitalen Projektoren. Natürlich seien deren Server – auf die die Filmkopien zuvor geladen werden müssen – weniger reparaturanfällig, räumt auch Seifried ein, aber „ansonsten wird da nur aufs Knöpfchen gedrückt“.

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