Leben Ex-Unternehmensberater will sich ins Guinness-Buch der Rekorde stricken

Der in Japan lebende Deutsche Bernd Kestler zusammen mit drei Helferinnen in Yokohama.

Der in Japan lebende Deutsche Bernd Kestler zusammen mit drei Helferinnen in Yokohama.© dpa

Stricken und Häkeln gilt vielen als Hobby für Frauen. Von wegen. Der Deutsche Bernd Kestler hat daraus in Japan nicht nur ein Business gemacht. Mit seiner Passion will er auch ins Guinness-Buch der Rekorde - und dabei den Opfern der Tsunami-Katastrophe helfen.

Er strickt und strickt und strickt. Wenn Bernd Kestler morgens in seiner Wohnung im japanischen Yokohama aufwacht, sieht er als erstes Berge an Wolle. Denn der Deutsche ist Japans exotischer Strickkönig. „Es gibt hier kaum einen Mann, der strickt“, erzählt der 50-Jährige aus der Nähe von Bad Nauheim in Hessen. Vor 16 Jahren kam er als Unternehmensberater ins Land der aufgehenden Sonne und machte bald aus seinem Hobby einen Beruf. Ein Ausländer, der strickt? Noch dazu ein Mann und obendrein auch noch Motorradfahrer? „Ich habe mit dem Stricken hier eine echte Nische gefunden“, erzählt Kestler. Die Japaner, vor allem Japanerinnen, sind von seinem künstlerischen Können begeistert. Regelmäßig gibt er auf Japanisch Strickkurse, tritt im japanischen Fernsehen auf und veranstaltet Strick-Workshops.

Und weil er seiner Wahl-Heimat eine einzigartige Karriere zu verdanken hat, will der Deutsche dem Land nun etwas zurückgeben, was am Ende sogar ins Guinness-Buch der Rekorde gelangen könnte: Für die Opfer der Tsunami-Katastrophe vom 11. März 2011 fertigt er zusammen mit unzähligen Helfern aus aller Welt eine sage und schreibe über 400 Quadratmeter große Wolldecke, bestehend aus rund 10.000 kleinen Quadraten. An diesem Samstag (20.9.) wird Kestler sie in der von der Katastrophe mit am schwersten getroffenen Stadt Ishinomaki feierlich überreichen. Es ist der vorläufige Höhepunkt seiner Initiative „Knit for Japan“, Stricken für Japan. Die Idee dazu kam Kestler kurz nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami, bei dem etwa 19.000 Menschen getötet wurden und es im Atomkraftwerk Fukushima zum Super-GAU kam.

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LKW-Ladungen voller „granny squares“

Er selbst erlebte das Horror-Beben in Yokohama. Beim Anblick der Schreckensmeldungen im Fernsehen sei ihm jedoch nie der Gedanke gekommen, Japan zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren, so Kestler. Im Gegenteil, er wollte den vielen Menschen in den Notunterkünften der Unglücksregion helfen. „Anfangs schickte ich selbstgestrickte Mützen, Schals und Handschuhe, denn es war ja kalt dort oben“, erinnert sich der Deutsche. Er mobilisierte Schüler seiner Strickkurse, Bekannte und andere Helfer für weitere Spenden. Dann begann er, den Bewohnern in den Notlagern, Wolle und Stricknadeln zu schicken, damit sie selber stricken konnten. „Viele der alten Menschen fühlten sich so nutzlos, sie hatten alles verloren und nichts mehr zu tun“, schildert Kestler und fügt hinzu: „Es muss nicht immer was Großes sein, man kann auch mit kleinen Dingen Menschen eine große Hilfe sein“.

Im Zuge seiner Spenden-Initiative kamen so viele Helfer und so viel Wolle zusammen, dass eines Tages die Idee mit der weltgrößten Decke entstand. Auch, um die Leute bei der Stange zu halten. Zu diesem Zweck bediente sich Kestler auch sozialer Medien wie Facebook und Twitter, um für seine Initiative „Knit for Japan“ zu werben. Jeder sollte ihm 20 mal 20 Zentimeter große „granny squares“, (Großmutterquadrate) häkeln. „Die Reaktionen übertrafen meine Erwartungen“, schildert Kestler. Menschen aus aller Welt, von Japan bis Deutschland, von Amerika bis Taiwan schickten ihm Deckchen zu. Ganze LKW-Ladungen trudelten bei ihm in Yokohama ein. „Ich schlafe inzwischen auf den Wollbergen, da kaum noch Platz in meinem Haus ist. Darunter sind wahre Kunstwerke“, schwärmt der deutsche Strickmeister.

Da er die Berge an Wolle nicht alleine verarbeiten kann, verteilt er Tausende Quadrate an andere Strickclubs in Japan. Die Quadrate werden zunächst zu größeren Decken zusammengehäkelt. In wenigen Tagen ist es dann so weit. „Dann werden wir die ganze Welt zusammenhäkeln“, freut sich Kestler auf das Abschlussprojekt in Ishinomaki. Dort entsteht dann aus den mehr als 200 Einzeldecken eine gigantische große Decke. Kestler hat nun die Hoffnung, damit ins Guinness-Buch der Rekorde zu kommen. Anschließend wird die Decke wieder in 200 kleinere Decken zerteilt und an interessierte Bewohner von Notunterkünften verschenkt. Noch immer müssen Zehntausende von Opfern in Behelfsunterkünften hausen, und schon bald bricht der nächste Winter ein. Kestler hofft denn auch, dass seine Aktion dazu beitragen wird, „dass das Schicksal der Menschen dort nicht in Vergessenheit gerät“.

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