Leben Die verbotenen Deals mit den begehrten FIFA-Tickets

WM-Ticket-Verkauf auf dem Schwarzmarkt

WM-Ticket-Verkauf auf dem Schwarzmarkt© dpa

Die Geschichte klingt wie ein Wirtschaftskrimi: In einem Luxus-Hotel an der Copacabana werden von einem Topmanager angeblich Schwarzmarkt-Deals gemacht. Doch das Drehbuch ist real. Kurz vor dem WM-Finale gibt es rund um die FIFA wieder einen Skandal.

Vor dem Copacabana Palace herrschte eine merkwürdige Stimmung. Mitten in den nahenden Sonnenuntergang hinein zogen vom Atlantik Nebelschwaden über die berühmteste Strandmeile Rio de Janeiros. Die Luft war stickig. In dem Nobelhotel begann sich hingegen genau zu dieser Zeit ein Schleier zu lüften. Mit der Festnahme eines Topmanagers des FIFA-Vertragspartners Match Services kommt Licht ins Dunkel um den groß angelegten Schwarzmarkthandel mit WM-Tickets auch der allerbesten Kategorie.

Keine dem Fußball-Weltverband unbekannten dunklen Mächte haben begehrte Eintrittskarten für das Spektakel am Zuckerhut meistbietend weiterverkauft, sondern mindestens ein honoriges Mitglied der viel beschworenen FIFA-Family mit einer eigenen Suite im WM-Hauptquartier der Spitzenfunktionäre – so lautet der akute Verdacht. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen wurde der 64-jährige Brite Raymond Whelan vor dem Luxus-Hotel direkt an der Prachtstraße Avenida Atlântica abgeführt.

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Operation „Jules Rimet“

Es sei im Rahmen der Operation „Jules Rimet“ ein vorläufiger Haftbefehl ausgeführt worden, teilte die Kriminalpolizei (Polícia Civil) mit. Whelan ist langjähriger Direktor der Match Services AG, dem Vertragspartner der FIFA für den Ticketvertrieb. Grundlage für die Festnahme ist Artikel 41-G der brasilianischen Fan-Statuten, der die Besorgung, Abzweigung und Verkauf von Eintrittskarten für einen höheren Preis als dem aufgedruckten ahndet.

Mehrere Tage hatte die FIFA jeden Verdacht gegen einen eigenen Mitarbeiter abgestritten. Whelan ist auch kein Angestellter des Fußball-Weltverbandes, aber ein Spitzenmann eines ökonomisch enorm wichtigen Partners. Die Verbindungen sind eng zwischen der Match Services AG und Match Hospitality, dem Vertriebspartner für die lukrativen VIP-Pakete. Hier führen familiäre Verbindungen direkt in die FIFA-Spitze. Phillippe Blatter, Neffe von FIFA-Boss Joseph Blatter, ist Geschäftsführer die Infront Sports & Media, einem Anteilseigner an Match Hospitality.

Inhaber von Match Services und Match Hospitality sind die Gebrüder Jaime und Enrique Byrom aus Mexiko, die 2007 mit der FIFA einen Deal über 240 Millionen Dollar zur Vermarktung der WM-Turniere 2010 und 2014 abschlossen hatten. Vor vier Jahren in Südafrika beschwerten sich zahlreiche Hotelbesitzer über die aggressive Strategie und Knebelverträge der FIFA-Partner, die auch den prestigeträchtigen Ryder Cup der Golfer im Portfolio haben. Für die WM vermarktete Match AG mit 445.000 Tickets fast ein Sechstel aller Turnierkarten.

Frühere PR-Desaster

Enrique Byrom sagte der Nachrichtenagentur AP in der vergangenen Woche als Verdachtsmomente aufkamen, er werde jeden an illegalen Machenschaften beteiligten Mitarbeiter „an die Wand nageln“. Nun ist einer seiner Topleute unter dringendem Verdacht.

Auch die Hospitality-Rechte der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 sind für eine unbekannte Summe an die Match AG gegangen. Ob die FIFA diesen Vertrag nun im Lichte des Ticketskandals wirklich aufrechterhalten will oder einfach muss, war vorerst unklar. Man werde mit den Behörden weiter eng zusammenarbeiten, hieß es in einer Pressemitteilung. Und: „Die FIFA möchte ihre klare Haltung gegen jede Form des Bruchs von Gesetzen oder Ticketregeln betonen.“

Schon der Vertrag mit einem vorigen Vertriebspartner endete für die FIFA in einem PR-Desaster. Die ISL ging pleite, Schmiergeldzahlungen an Spitzenfunktionäre von mehr als 100 Millionen Euro wurden Jahre später von einem Schweizer Gericht bestätigt. Ex-FIFA-Chef João Havelange gab seinen Titel als Ehrenpräsident auf.

Wie eng die Verbindungen mit den Byrom-Brüdern heute sind, belegt ein Interview von FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke auf der Homepage deren Firma vom 20. Mai. Auf die Frage, wie viele Karten es noch gibt, antwortet der Franzose: „Für die Fans sind nur noch wenige übrig, weil es die finale Phase des Verkaufs ist. Man kann immer versuchen ein Ticket zu bekommen, aber [die Versorgung] ist sehr gering. Die Nachfrage ist überwältigend. Ich glaube, wir hatten noch nie so viele Anfragen für Tickets.“

Über 80 WM-Karten beschlagnahmt

Mindestens 82 WM-Karten wurden in der Suite von Whelan bei den jüngsten Ermittlungen beschlagnahmt. Dazu ein Computer, ein Handy und Dokumente, hieß es in einer E-Mail der Polícia Civil. Dieses Material werde nun untersucht. Laut des ermittelnden Polizeibeamten Fábio Barucke war Whelan ein Mittelsmann. Er soll der Schieberbande Zugang zu den Tickets verschafft haben.

Whelan sei während der Ermittlungen bei einer gerichtlich genehmigten Abhöraktion ertappt worden. Die FIFA habe am Montag auf Polizeiwunsch eine Liste mit Telefonnummern zur Verfügung gestellt. Die Ermittlungen liefen weiter. Whelan steht im Verdacht, mit dem bereits festgenommenen Algerier Lamine Fofana die WM-Tickets veräußert zu haben. Whelan war schon seit längerem in Brasilien und unter anderem für die Suche und Auswahl von Hotels zuständig, die dann im Rahmen von Ticket-Paketen angeboten wurden.

Das Netz an Sublizenznehmern ist weit verzweigt. Match Hospitality teilte am Montag mit, dass WM-Tickets der Agentur Atlanta Sportif gesperrt worden seien, deren Geschäftsführer Fofana ist. Geprüft werden entsprechende Vorwürfe auch gegen den Kunden Reliance Industries Limited, der 304 Ticket-Pakete inklusive Zugang zu einer Privat-Loge für alle Spiele in Belo Horizonte, Rio de Janeiro und São Paulo im Gesamtwert von 1,2 Millionen Dollar kaufte. Ein Verdacht auf illegalen Weiterverkauf besteht auch gegen den weiteren Partner Jet Set Sports und die Agentur Pamodzi Sports.

Als eines seiner Hauptziele beschreibt Match Services auf seiner Homepage eine „effiziente und service-orientierte“ Organisation zur „Umsetzung eines transparenten, fairen und gleichberechtigten Ticketverkaufsprozesses“. Nach Polizeiangaben sollen durch das illegale Ticketschiebersystem pro Spiel bis zu zwei Millionen Reais (666.000 Euro) umgesetzt worden sein.

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