Leben Flüchtlinge: Deutschlands große Verantwortung

  • Nikolaus Förster
In Erstaufnahmeeinrichtungen - hier in Hamburg - suchen derzeit tausende Flüchtlinge nach Sicherheit.

In Erstaufnahmeeinrichtungen - hier in Hamburg - suchen derzeit tausende Flüchtlinge nach Sicherheit.© dpa/picture-alliance

Die Flüchtlinge, die nach Deutschland strömen, halten uns einen Spiegel vor - und wir geben kein gutes Bild ab. Höchste Zeit für Vernunft und Barmherzigkeit, fordert impulse-Chefredakteur Nikolaus Förster. Auch Unternehmer sind gefragt.

Einfache Lösungen gibt es nicht, so sehr sich dies einige auch wünschen mögen: Deutschland lässt sich nicht abschotten. Nicht mit Mauern. Nicht mit Stacheldrahtzäunen. Nicht mit Notverordnungen und Gesetzen. Und erst recht nicht mit billigen Parolen, so wie es braune Demagogen seit jeher versuchen.

Die Wahrheit ist, dass uns die unzähligen Flüchtlinge, die aus Syrien, Afghanistan und anderen Krisenländern zu uns drängen, einen Spiegel vorhalten. Und wir geben kein gutes Bild ab. Zu lange haben wir die Augen davor verschlossen, was tatsächlich passiert. Vom Wohlstand verwöhnt haben wir uns vorgegaukelt, die Krisen dieser Welt seien nicht unsere Krisen – sie seien weit genug weg.

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Wir haben uns getäuscht.

Auf dem Spiel steht die Stabilität ganzer Staaten

Der berühmt gewordenen Satz des ehemaligen Verteidigungsministers Peter Struck aus dem Jahr 2002 – „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“ – klingt heute sehr weitsichtig. Längst geht es nicht mehr nur noch um Terrorabwehr, auf dem Spiel steht die Stabilität ganzer Staaten. Dutzende Länder stehen auf der Liste der „gescheiterten Staaten“, die ihren Bürgern keine Sicherheit mehr bieten und im Chaos zu versinken drohen. Wie viele Länder vor massiven Problemen stehen, ruft der Index der „fragilen Staaten“ Jahr für Jahr in Erinnerung.

So weit, so schlecht. Neu ist, dass diese Krisen nun Gesichter erhalten, die im Gedächtnis bleiben: Flüchtlinge in Schlepperbooten, Zügen, Lkws oder in Unterkünften gleich nebenan. Das Thema lässt sich nicht mehr verdrängen. Jeder Flüchtling, der auf dem Weg in den Westen zu Tode kommt, gleicht einer unausgesprochenen Anklage – gegen uns, den Westen, dem es ökonomisch besser geht.

Abschotten hilft nicht

In einer akuten Notsituation, wie in diesen Wochen und Monaten, ist es höchste Zeit, dass denjenigen, die mit dumpfen, fremdenfeindlichen Parolen auf die Straße gehen und Gewalt anwenden, Stimmen und Aktionen der Vernunft, Weltoffenheit und Barmherzigkeit entgegengesetzt werden – und natürlich ist auch der Staat gefordert, wenn das Leben von Flüchtlingen in Gefahr ist: Artikel 1 unseres Grundgesetzes garantiert die Unantastbarkeit der Menschenwürde, unabhängig von der Nationalität. Gerade Flüchtlinge, die Leib und Leben aufs Spiel gesetzt haben, bedürfen eines besonderen Schutzes.

Und dennoch sollte man sich nichts vormachen: Selbst wenn es uns – durch das Handeln staatlicher Stellen und das humanitäre Engagement unzähliger Bürger – gelingt, die Flüchtlinge würdevoll und fair zu behandeln und möglichst vielen von ihnen eine neue Perspektive zu bieten, so ändert dies nichts an der Grundkonstellation: Das Ungleichgewicht zwischen den Staaten ist so groß geworden, dass diese spannungsreiche Situation auf Dauer nicht haltbar ist. Wir leben in einer globalisierten Welt. Grenzen sind durchlässig. Abschotten hilft nicht.

Jeder kann dazu einen Beitrag leisten

In Deutschland haben wir, nach dem Modell der Sozialen Marktwirtschaft, gute Erfahrungen damit gemacht, für einen fairen Ausgleich auch materieller Interessen zu sorgen. Dies hebelt nicht das Leistungsprinzip aus, sorgt aber dafür, dass möglichst viele am Wohlstand teilhaben – ein wichtiger Garant für gesellschaftliche Stabilität. Dies taugt auch als Blaupause für das Verhältnis von Regionen und Staaten untereinander.

Ein ökonomisches Gefälle wird es immer geben – und dies ist auch sinnvoll; gefährlich wird es allerdings, wenn die Unterschiede zu groß werden. Wer Stabilität auf Dauer sichern möchte, muss ein Interesse daran haben, dass der Wohlstand möglichst vielen zugute kommt – gemäß dem Grundrecht „Eigentum verpflichtet“ im Grundgesetz.

Gerade aufgrund des wirtschaftlichen Erfolgs und auch angesichts der Lehren aus der eigenen Geschichte trägt Deutschland eine große Verantwortung, nicht nur humanitäre Hilfe zu leisten, sondern auch die Ursachen von Krisenherden zu bekämpfen. Jeder kann dazu als Bürger einen Beitrag leisten, ob als Politiker, Unternehmer oder Konsument.


 

Wie Unternehmer Flüchtlingen helfen

Viele Unternehmer haben Initiativen gestartet, um Flüchtlingen zu helfen: Händler sammeln Sachspenden in ihren Geschäften, Agenturen geben Mitarbeitern frei, damit diese in den Flüchtlingsunterkünften helfen können, Bäcker stiften Brot und Kuchen. Auch Sie sind Unternehmer und engagieren sich, um Flüchtlingen einen guten Start in Deutschland zu ermöglichen? Schreiben Sie uns und erzählen Sie uns von Ihrer Idee: online@impulse.de

1 Kommentar
  • Dr. Böhm 4. September 2015 13:50

    Abschotten hilft nicht? Was hilft dann? Afrika hat eine Bevölkerung von über 1 Milliarde Menschen und gerade in den armen Staaten Geburtenraten über 3%, dabei ist die Bevölkerung aktuell nicht in der Lage sich selbst zu ernähren oder medizinisch zu versorgen. Potentiell werden in Afrika jährlich mindestens 20 Milionen Emigranten geboren, dazu kommen Teile Asiens wie Syrien, (Bürgerkrieg), Türkei (kurdische Minderheit), Iran (Bürgerkrieg oder so ähnlich), Afghanistan, Pakistan etc. und Teile Europas wie der Balkanraum und die Ukraine. Wir versprechen all den Bewohnern dieser Länder eine Komplettversorgung mit Nahrung, Wohnung, medizinischer Versorgung, dazu Weiterbildung etc. Wie soll das funktionieren? Hätte man dem ersten afghanischen Asylsucher/Wirtschaftsflüchtling mitgeteilt, daß sein Land nun durch den großartigen Einsatz der USA unter Beteiligung anderer Nato-Staaten vom Bösen befreit ist, er daher kein Asylrecht hat und ihn nach kurzem Aufenthalt in einem Arbeitslager zurückgebracht, hätte die ersten Asyslsucher/Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika sofort wieder auf ein Schiff geladen und mit gleicher Argumentation wieder vor die afrikanische Küste verbracht, gäbe es das Problem in der heutigen Dimension nicht. Die Lösung ist nicht, weiter unhaltbare Versprechen zu machen und die eigene Bevölkerung um ihre geleistete Arbeit zu betrügen, sondern jetzt sofort Maßnahmen zu ergreifen, die Europa für Asyslsucher/Wirtschaftsflüchtlinge unattraktiv machen.

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