Leben Grundeinkommen auf Zeit

Michael Bohmeyer gründete das Crowdfunding-Projekt "Mein Grundeinkommen".

Michael Bohmeyer gründete das Crowdfunding-Projekt "Mein Grundeinkommen".© dpa

Wie wäre Arbeit, wenn sie komplett freiwillig wäre? Der Berliner Michael Bohmeyer finanziert über Crowdfunding bedingungslose Grundeinkommen und probiert diese Utopie aus. Unternehmen sieht er dabei in einer Schlüsselrolle.

Michael Bohmeyer hat den Verein „Mein Grundeinkommen“ für ein Experiment gegründet: Was machen Menschen, die für ein Jahr ein Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat zur Verfügung gestellt bekommen? Über eine Crowdfunding-Kampagne sammelt der 29-jährige Berliner Geld für das Projekt. Immer wenn 12.000 Euro zusammen sind, werden sie verlost. Die ersten vier Gewinner wurden Mitte September ermittelt. Am 15. November entscheidet wieder das Los über den nächsten Glücklichen.

26.056 Menschen sind auf der Homepage von Michael Bohmeyer registriert und erzählen, wie ein Grundeinkommen ihr Leben verändern würde. Jann würde sich „von Geldsorgen nicht mehr stressen lassen“, Marion würde ihr „Leben ganz neu denken müssen“ und Kai würde „entspannter arbeiten“. 63.296 Ideen und Wünsche äußern die Nutzer. 4464 Menschen haben die bisherigen vier Grundeinkommen finanziert und 10.579 Euro für ein fünftes zusammengetragen. Über 26.000 wollen das nächste im November gewinnen.

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Die Idee des Grundeinkommens ist simpel: Jeder Bürger bekommt, unabhängig von seiner wirtschaftlichen Situation, jeden Monat eine bestimmte Summe an Geld, ohne dafür einen Gegenleistung erbringen zu müssen. Die Diskussionen über das Konzept und die Finanzierung haben Michael Bohmeyer zu seiner Idee inspiriert, es einfach auszuprobieren und einigen Menschen für ein Jahr ein monatliches Einkommen zur Verfügung zu stellen. impulse.de hat mit ihm über die Gewinner, die Verlosung und seine nächsten Pläne gesprochen.

Herr Bohmeyer, wie waren die Reaktionen auf die erste Verlosung eines bedingungslosen Grundeinkommens in Deutschland?

Die Verlosung war der Wahnsinn und es gab sehr viele Medienanfragen. Aber den Journalisten konnte ich gar nicht so viel sagen. Es waren ja nur vier Daueraufträge ab Anfang Oktober, ziemlich unspektakulär. Spannend wird es zu sehen, was nach dem Jahr mit den Menschen passiert ist. Jetzt wird für ein fünftes Grundeinkommen gesammelt und ich bereite mit Hochdruck gerade die nächste Verlosung vor.

Wer sind die vier Gewinner und was planen sie mit ihrem einjährigen bedingungslosen Grundeinkommen?

Die vier Gewinner der ersten deutschen Grundeinkommen wurden im September in Berlin ausgelost. Am 15. November findet die nächste Verlosung statt.  © Screenshot Mein Grundeinkommen

Die vier Gewinner der ersten deutschen Grundeinkommen wurden im September in Berlin ausgelost. Am 15. November findet die nächste Verlosung statt. © Screenshot Mein Grundeinkommen© Screenshot von Mein Grundeinkommen

Die Gewinner sind Jan, Christoph, Stephontour und Chrissi, also zwei Männer und zwei Frauen. Alle vier sind relativ jung, zwischen 1986 und 1975 geboren. Ich weiß selbst nur sehr wenig von ihnen, obwohl mich ihre Geschichten und Pläne sehr interessieren. Gerade beschütze ich sie. Ich möchte ihnen die Chance geben, ohne sozialen Druck das Leben jenseits der klassischen Lohnarbeit zu entdecken. Ein Leben ohne finanzielle Hintergedanken und mit mehr Raum für Kreativität. Auf der Homepage haben die vier Gewinner geschrieben, was sie mit einem Grundeinkommen machen möchten. Aber ob Jan seine Dissertation schreiben wird, Christoph seinen Callcenter-Job kündigt und Erzieher wird, Stephontour bewußter leben wird oder Chrissi mit ihren Kids in den Urlaub fährt, wird sich zeigen.

Wie wäre Arbeit, wenn sie komplett freiwillig wäre?

Genau das möchte ich mit der Verlosung zeigen. Ich glaube, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen das Leben nicht nur leicht macht. Es bedeutet, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und braucht Entscheidungsfähigkeit. Es ist nicht leicht, mal „nichts“ zu tun und die neue Freiheit zu nutzen. Diese Erfahrung habe ich selbst gemacht, seitdem ich von den Gewinnanteilen meiner Firma lebe. Ich wollte eigentlich faul sein und die Füße hochlegen, aber stattdessen setzte ein unerwarteter Kreativitätsschub ein. Alles, was ich tue, mache ich freiwillig und bin dabei erfolgreicher, kreativer und trage gleichzeitig mehr zur Gesellschaft bei als früher. Jetzt habe ich das Gefühl, unendliche Möglichkeiten zu haben. Seitdem ich 16 bin, habe ich eigene Firmen und dachte, dass man sich als Chef nicht freier fühlen könnte, aber jetzt bin ich noch freier. Die Chance vom bedingungslosen Grundeinkommen ist, dass man das Geldliche vom Inhaltlichen und das Einkommen von der Arbeit trennen kann.

Am 15. November wird das nächste Grundeinkommen verlost. Was unterscheidet dein Grundeinkommen-Projekt von einem Gewinnspiel?

Das Projekt „Mein Grundeinkommen“ ist ein Gewinnspiel. Aber es ist keine Lotterie. Man muss kein Geld einzahlen, um gewinnen zu können. Bei der Verlosung haben alle die gleichen Chancen und jeder kann mitmachen. Der Gewinn ist übrigens auch steuerfrei. Allerdings gibt es bei der November-Verlosung zum ersten Mal eine kleine Einschränkung. Denn für die Teilnahme muss man die Crowdbar installiert haben, die ist aber kostenlos. Mit dem Browserplugin Crowdbar wird der Großteil der 12.000 Euro für das 5. Grundeinkommen finanziert. Aktuell werden durchschnittlich 90 Euro am Tag über die Crowdbar erwirtschaftet und 30 Euro am Tag gespendet.

Welche Pläne hast du für das Konzept „Mein Grundeinkommen“?

Ich betrachte das Ganze als großes Experiment und habe keine Konzepte für die nächsten fünf Jahre. Sehr gerne möchte ich so vielen Menschen wie möglich, aber mindestens 100 Menschen, ein bedingungsloses Grundeinkommen mit der Verlosung ermöglichen. Ich könnte mir auch andere Finanzierungsarten als bisher vorstellen.

Glaubst Du, dass das bedingungslose Grundeinkommen verwirklicht werden kann?

Es ist eine Utopie, aber von allen Utopien ist sie die realistischste. Ich glaube, dass eine große Chance besteht, das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen. Studien zeigen, dass es finanzierbar ist. Das Problem ist in unseren Köpfen, weil wir nicht Umdenken, es anderen und uns selbst vielleicht nicht gönnen. Das ist eigentlich der Ausdruck der tagtäglichen Konkurrenz und zeigt, wie sehr wir die Knappheit der Ressourcen verinnerlicht haben.

Bei einigen Unternehmen gibt es schon indirekte Grundeinkommen. Zum Beispiel bietet Google seinen Mitarbeitern jeden Freitag Zeit, um eigene Projekte zu verwirklichen. Durch diese Freiheit gegenüber den Mitarbeitern entsteht eine große Innovationskraft. Auch der britische Unternehmer Richard Branson hat den Virgin-Mitarbeitern erlaubt, so viel Urlaub zu nehmen, wie sie wollen. Bei Microsoft hat jeder die Freiheit im Büro oder zu Hause zu arbeiten, wann er möchte. Ich halte es für gut, Menschen die Entscheidung über ihr Leben selbst zu überlassen.

Was könnte das bedingungslose Grundeinkommen bewirken?

Das Grundeinkommen lässt einen Arbeitsmarkt entstehen. Jetzt ist das Verhältnis nicht auf Augenhöhe, die Arbeit ist schlecht verteilt, der Niedriglohnsektor groß. Mit einem Grundeinkommen bekommen Arbeitnehmer eine bessere Verhandlungsposition und mehr Eigenverantwortung. Vielleicht wollen sie mehr Geld, vielleicht gar keins, vielleicht wollen sie nur 15 Stunden die Woche arbeiten oder gar nicht. Das Entscheidende ist, dass sie nicht mehr arbeiten wollen müssen – und dadurch kann ein besseres Arbeitsergebnis entstehen.

Wie und wie hoch sollte es sein. Sind 1000 Euro genug?

Ich habe die 1000 Euro ausgewählt, weil der dm-Gründer Götz Werner diese Größe häufig nennt und sie einfach zu rechnen ist. Ich weiß nicht, ob es eine gute Summe ist, das müsste die Politik diskutieren. Ich könnte von 1000 Euro in Berlin leben, aber man könnte das Grundeinkommen auch niedriger ansetzen. Wichtig ist, dass es bedingungslos ist.

Michael Bohmeyer, 29, lebt mit seiner Familie in Berlin. Er studierte Kommunikationsmanagement und Sozialwissenschaften und gründete mehrere Firmen. 2006 baute er die Bohmeyer und Schuster GmbH mit dem Onlineshop schilder-versand.com auf. Heute lebt er von den Gewinnanteilen seiner Firma und zahlt sich monatlich ein „Grundeinkommen“ von weniger als 1000 Euro aus.

2 Kommentare
  • himmelhupf 16. Oktober 2014 23:34

    Was sind die Merkmale einer zivilisierten und intelligenten menschlichen Gesellschaftsform?

    1. Jedem ist bewußt, dass nur die friedliche Kooperation auf globaler Ebene den Wohlstand Aller sichert. Alles ist erlaubt, solange es weder der Natur noch anderen Wesen Schaden zufügt.
    2. Es findet kein Streben mehr nach Profit statt, Nachhaltigkeit und Langlebigkeit der hergestellten Produkte sind globaler Konsens.
    3. Da die Menscheit weltweit in friedlicher Kooperation nach dem Credo „Zum Wohle Aller“ lebt und handelt, ist Militär und sind Waffen jeglicher Art überflüssig, sie existieren nicht.
    4.Sämtliche Entscheidungen werden von den gesamten Menschen getroffen, dies geschieht unmittelbar durch direkte weltweite Abstimmung via Internet. Parlamente bzw. eine Legislative der alten Form existiert nicht mehr, es gibt keine Politiker mehr.
    5. Jeder Mensch hat eine kostenlose und menschenwürdige Wohnung, dazu zählt ebenfalls die Versorgung dieser Wohnung mit jeder nötigen Energieform.
    6. Jeder Mensch weltweit bezieht ein bedingungsloses Grundeinkommen, dieses Grundeinkommen ist weltweit gleich. Verschiedene Währungen sind dieser Regel reel angepaßt. In Europa beträgt dieses Grundeinkommen derzeit EUR 1500,- pro Monat.

    Tja, von der oben beschriebenen Vision sind wir sehr sehr weit entfernt. Und weil das so ist, sieht unsere Welt aus, wie sie ist.

    Nun zum Thema „Grundeinkommen“.

    Wie würde ein bedingungsloses Grundeinkommen die Menschen verändern, sagen wir von aktuell EUR 1500,- pro Monat? Zunächst einmal müsste es lebenslang gezahlt werden, beginndend mit der Geburt und endend mit dem pysischen Tod. Nur durch die lebenslange Zahlung wäre der Mensch wirklich frei von Existenzängsten. Nur wenn der Mensch von Ängsten befreit wäre; und hier ist die Ausmerzung der Existenzangst am wichtigsten, würde er sich auf die Suche nach seinen wirklichen Talenten machen können. Er würde somit zu einem wirklich produktiven Teilhaber der menschlichen Gesellschaft, weil er glücklich wäre. Alle würden davon provitieren, denn dieser Mensch könnte ausschliesslich nur die Dinge tun, die er tun möchte. Er wäre nicht mehr gezwungen Dinge zu tun, die er nicht tun möchte. Damit würden viele negativen Verhaltensweisen, geboren aus Frustration, Depression und dem Gefühl der Minderwertigkeit nicht existieren. Dies würde uns zu der oben beschriebenen Gesellschaft führen können.
    Ein bedingungsloses Grundeinkommen in Höhe von EUR 1500,- wäre in der Tat finanzierbar. Wir verplempern eine Menge Geld. Malt euch selber aus wo und wie. Natürlich ist die sogenannte Elite nicht an dieser Idee interessiert. Die Macht über die Menschen würde wegbrechen, absolut und total. Deswegen wird die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens als nicht umsetzbar diffamiert.

    Die oben beschriebene Vision wäre möglich, doch wir sind sehr sehr weit davon entfernt.

  • Hartzer 16. Oktober 2014 16:04

    Was sind schon €1000,- Grundeinkommen. Mit Hartz IV und den ganzen Nebenleistungen bzw. Zuschüssen komme ich auf €1200,-!

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