Leben Keller-Dokumentation: „Meine Filme sind ein Spiegel der Gesellschaft“

In der Dokumentation "Im Keller" schaut der Österreicher Ulrich Seidl in die Keller seiner Landsleute und offenbart dabei Humorvolles und Verstörendes. Im Interview erzählt der Regisseur von menschlichen Abgründen, Urängsten und was er selbst im Keller hat.

In Ihrem Film zeigen Sie viele unterschiedliche Menschen und was die in ihren Kellern machen. Was ist das Besondere an den Österreichern und ihren Kellern?

Wenn man „Keller“ hört, denkt man natürlich sofort an die Verbrechen, die stattgefunden haben und wahrscheinlich überall auf dieser Welt immer wieder stattfinden und stattfinden werden. Es war klar, dass ich nichts drehen kann, was ein Verbrechen ist. Der Film ist ein Bruchteil der Wirklichkeit. Ich glaube, man erahnt, dass es noch vieles gibt, was noch schlimmer ist. Die Wirklichkeit ist immer ärger als der Film sie zeigt.

Anzeige

Außerdem soll man sich als Zuschauer dabei auch selber sehen. Wir haben alle unsere Abgründe. Wir sind nicht vor Machtfantasien gefeit, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus, sexuellen Abgründen. All das steckt auch in jedem von uns. Der Film ist also auch ein Anlass, sich selber zu sehen.

Was hat Sie an dieser Thematik der Keller gereizt?

Keller sind ein Ort der Freizeit. Viele Menschen gehen in den Keller, wenn sie so sein wollen wie sie sind. Sie betreiben dort alle Möglichkeiten von Liebeleien und Obsessionen. Das war für mich der Ausgangspunkt: Man geht für das, was man gerne tut, in den Keller.

Auf der anderen Seite ist der Keller in unser aller Bewusstsein und Unterbewusstsein ein Ort der Angst. Ein Ort der Dunkelheit, des Schreckens. Schon von Kindheit an geht man nicht gern in den Keller, das ist eine Urangst. Wir wissen ja auch, dass Missbrauch und Gewalt oft im Keller stattfinden. Das ist also ein sehr ambivalentes Thema.

Wie haben Sie die Protagonisten gefunden?

Ich habe mir viel Zeit genommen. Außerdem hatte ich mehrere Mitarbeiter, die ausgeströmt sind und im wahrsten Sinne des Wortes an Türen geklopft haben. Wir haben auch Inserate geschaltet. Auf diese Weise haben wir die richtigen Menschen kennengelernt. Das ist ein langer Prozess – der Film wurde über Jahre gedreht. Ich könnte den Film aber auch ewig fortsetzen. Man würde immer wieder fündig werden.

Viele Ihrer Protagonisten gewähren sehr private Einblicke in ihr Leben. Wie haben Sie deren Vertrauen gewonnen?

Indem ich mich für die Menschen interessiere und sie ernst nehme. Ich nehme auch an ihren Lebensentwürfen und Obsessionen teil. Bevor ich drehe, kenne ich sie gut. So stelle ich Vertrauen her und gebe ihnen auch die Möglichkeit, mich kennenzulernen. Ich spiele immer mit offenen Karten. Ich suche Menschen, von denen ich glaube, dass sie interessant sind für einen Film.

Was hat Sie beim Dreh am meisten überrascht?

Ich habe natürlich bestimmte Vorstellungen. Gleichzeitig bin ich aber auch offen für Zufälle; das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Mich hat aber zum Beispiel überrascht, wie schnell die Frau, die unter anderem Bondage (Fesselspiele) mag, über ihre Männer und sexuellen Fantasien gesprochen hat. Mich hat erstaunt, dass jemand imstande ist, in Kürze von so viel Schrecklichkeiten zu erzählen.

Wie ist es mit der Frau, die in den Keller geht und dort eine sehr echt aussehende Babypuppe hat?

Der Film leistet sich auch immer wieder, in die Fiktion zu gehen. Nicht alles, was Sie sehen, ist abgefilmt. Die Menschen sind alle authentisch. Die Frau zum Beispiel hat so ein Baby in ihrer Wohnung. Alles andere daran ist aber Filmfiktion.

Wie viel in dem Film ist noch Fiktion?

Alles werde ich nicht verraten!

In Ihren Filmen tauchen Sie immer wieder in die Welt des Kleinbürgerlichen und des Spießbürgerlichen ein. Warum?

Ich interessiere mich für Menschen, die zu sich ehrlich sind. Die nicht versuchen, sich anders darzustellen. Es geht mir auch um das Normale, das Durchschnittliche. Meine Filme sind immer ein Spiegel der Gesellschaft, insofern geht es mir auch um Menschen, die das irgendwie repräsentieren.

Wie nutzen Sie Ihren Keller?

Ich habe Wein in meinem Keller. Ich habe einen sehr alten Felsenkeller. Das ist ein ehemaliges Stadt-Bauernhaus. Da hat man früher auch schon viel im Keller gelagert. So wie ich jetzt.

ZUR PERSON: Ulrich Seidl, 62, ist einer der renommiertesten österreichischen Regisseure seiner Generation. Mit seinen Dokumentationen wie „Tierische Liebe“ machte er sich einen Namen und legte 2001 mit dem lakonisch erzählten „Hundstage“ seinen ersten Spielfilm vor. Dafür gab es beim Festival in Venedig den Großen Preis der Jury. Zuletzt war Seidl mit seiner mehrfach ausgezeichneten „Paradies“-Trilogie im Kino zu sehen („Paradies: Liebe“, „Paradies:
Glaube“ und „Paradies: Hoffnung“).

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.