Smartphone-Knigge Gutes Benehmen trotz Handy – so geht’s

Im Meeting mit dem Smartphone herumspielen? Höflich ist das nicht. Aber beim Umgang mit Handy lauern noch andere Knigge-Fallen.

Im Meeting mit dem Smartphone herumspielen? Höflich ist das nicht. Aber beim Umgang mit Handy lauern noch andere Knigge-Fallen.© ty / Fotolia.com

Darf man im Restaurant sein Essen fotografieren? Darf man im Zug telefonieren? Ein Smartphone-Knigge über den stilvollen Umgang mit moderner Technik.

Mit all den technischen Wunderdingen, die uns begleiten, den Smartphones, Tabloids und Laptops, können wir überall mailen, telefonieren, SMS schreiben. Minikino, Musik und Kamera sind immer dabei. Natürlich auch das Büro – ob auf dem Flughafen, im Restaurant oder in der Bahn. Das ist praktisch, sorgt aber immer häufiger für Streit. Etwa wenn Reisende ihr Zugabteil zum Besprechungsraum umfunktionieren und die gesamte Fahrt dazu nutzen, Kunden zurückzurufen, Termine zu vereinbaren oder sich mit ihren Mitarbeitern zu beraten. Selbst in den Ruheabteilen, die die Bahn mit Piktogrammen kennzeichnet, wird hemmungslos gequatscht.

Ist das vielleicht schon gar nicht mehr unhöflich? „Es gibt eine sinnvolle Grundregel für Benimmfragen, und die lautet: Immer wenn ich andere störe, ist es ein Knigge-Verstoß“, sagt Hans-Michael Klein, Vorsitzender der Deutschen Knigge-Gesellschaft. Gilt das auch für den Kollegen, der bei Konferenzen ständig mit seinem Smartphone spielt? Der ist zwar leise, hört aber trotzdem nicht zu. „Lassen Sie ihn machen“, lautet die überraschende Antwort des Benimmtrainers. „Wenn den Kollegen das Smartphone mehr interessiert als meine Anwesenheit, muss ich das schlucken.“

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Handybilder: „Ich mach‘ mal eben ein Foto“

Geschäftsessen im Restaurant: Ach, was sieht dieser Hauptgang hübsch aus, mit den handgeschnitzten Gemüseblumen am Tellerrand! Das müssen die Lieben unbedingt später zu Hause sehen. Oder die Freunde auf Facebook. Aber: Dürfen Gerichte im Restaurant fotografiert werden – ganz unauffällig und schnell mit dem Handy?

„Wir haben nichts dagegen, wenn unsere Gäste ihre Speisen fotografieren und anschließend auf Facebook posten, da sie es doch aus Freude an der Speise tun“, sagt Thies Sponholz, Direktor des Rocco-Forte-Fünf-Sterne-Hotel-de-Rome in Berlin. „Voraussetzung ist allerdings, dass andere Gäste dabei nicht gestört werden.“

Knigge-Fachmann Klein hat eine etwas andere Meinung: „Das ist zwar nicht unhöflich, aber letztlich provinziell. Wer im Restaurant seinen Teller fotografiert, sendet die Botschaft: ,Ich komme aus Hintertupfingen und bin erstmals in Kontakt mit der großen, weiten Welt.‘ Eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit Luxusgütern hingegen zeigt Stil und Niveau.“

Das gelte nicht nur im Nobelrestaurant, betont Klein. Wenn die Stewardess Snacks verteilt und Businessleute mit beiden Händen zugreifen, ist der Knigge-Experte entsetzt. „Damit beweisen sie keine Haltung. Haltung heißt nämlich auch, mal vornehm verzichten.“

SMS: „Bis bald, lg Dein Burschi :-)“

Bundeskanzlerin Angela Merkel liebt sie: ihre SMS. Sie organisiert Mehrheiten per Kurznachricht und pflegt Kontakte über 160-Zeichen-Botschaften. Ist die SMS also längst ein akzeptabler Kommunikationskanal? Dürfen Unternehmer ihren Geschäftspartnern per Kurznachrichten absagen oder sie informieren: „Stecke im Stau. Komme 5 Min. später. MfG.“?

„Für Notfälle ist die SMS eine sehr wertvolle Hilfe und darf gern verwendet werden“, sagt Knigge-Kenner Klein. Wobei die Situation genau zu betrachten ist: Beim Treffen mit einem langjährigen Geschäftspartner ist eine „Komme später“-SMS vollkommen angemessen, bei einem Meeting mit einem Neukunden sollte besser telefonisch in dessen Sekretariat abgesagt werden.

Da der Absender mit 160 Zeichen auskommen muss, ist Telegrammstil erlaubt. Gängige Abkürzungen wie MfG dürfen verwendet werden, im Gegensatz zu Kreationen wie „8ung“, die nicht im Duden stehen. Auf Gruß- und Verabschiedungsformeln kann in der SMS verzichtet werden.

Wichtig: Der Ton, der sonst zwischen Chef und Mitarbeitern üblich ist, sollte auch in Kurznachrichten beibehalten werden.

Telefonieren im Zug: „Hallo, hallo, wo bist du?“

Einer der am häufigsten ausgesprochenen Sätze im ICE: „Ich sitze im Zug.“ Je nach Handyempfang und Benehmen wird er entweder geflüstert, gesprochen oder gebrüllt. Jeder weiß, dass das unhöflich ist. Trotzdem wird im Zug ständig telefoniert. Was sagen Knigge-Experten dazu?

„Grundsätzlich gilt für Telefonate in der Öffentlichkeit: Wenn es möglich ist, verlassen Sie den Raum“, sagt Knigge-Lehrer Klein. Höfliche Menschen verzichten ganz auf Privatgespräche, die nicht zeitkritisch sind. Bei wichtigen Anrufen sollten Knigge-Kenner ihrem Gesprächspartner ankündigen: „Moment bitte, ich gehe auf den Gang“, und dann aufstehen – selbst wenn sie in einem ausgewiesenen Handyabteil sitzen. Ein angemessener Platz sei auch der Raum zwischen zwei Abteilen. Im Bordrestaurant bittet die Bahn inzwischen selbst darum, auf die Benutzung elektronischer Geräte zu verzichten.

Klein rät zudem, leise in die eigene Hand zu sprechen oder einen Schal vor den Mund zu nehmen. Falls während des Telefonats die Verbindung abreißt, sollte der Anrufer sich nach ein paar Minuten erneut melden und der Angerufene auf den Rückruf warten, sagt Raimund Schmolze, der einen Benimmführer für moderne Kommunikationsmittel erarbeitet hat. „Wenn die Verbindung nicht stabil herzustellen ist, genügt eine SMS mit einem Terminvorschlag für die Fortsetzung des Gesprächs.“ Die darf von beiden Seiten kommen.

Smartphone-Junkies: „Nur noch diese Mail …“

Auf Geschäftsreise, in der Kantine oder beim Jour-fixe: Einen Kollegen gibt es immer, der ohne Pause auf seinem Blackberry tippt oder an seinem Handy herumfummelt. Jedwede analoge Kontaktaufnahme scheitert. Das kann doch kein höfliches Benehmen sein, oder?

„Knigge kennen und beherzigen heißt nicht, Schulmeister zu sein“, sagt Stilexperte Klein. „Wir sind nicht die Erzieher der Nation und müssen auch mal wegstecken können, wenn sich einer schlecht benimmt.“ Öffentliche und laute Kritik empfinden Knigge-Kenner vielmehr als unangemessen. „Wenn den Kollegen sein Smartphone mehr interessiert als meine Anwesenheit, muss ich das schlucken. Letztlich liegt das wahrscheinlich auch an mir. Wenn ich interessante Sachen bringe, wird er sein Handy schon wegstecken“, sagt Klein.

Anders liegt der Fall laut Benimmtrainerin Schwarz, wenn die Teilnehmer eines Meetings allesamt mit ihren Technikspielzeugen beschäftigt sind: „Da ist der Entscheider gefragt, der klar kommuniziert, welche Form dieses Meeting haben soll. Als Gegenleistung muss die Veranstaltung von allen Beteiligten gut vorbereitet sein, der Zeitplan und die Tagesordnung eingehalten werden und mit einer sachlichen und fairen Gesprächskultur so gestaltet sein, dass die Zeit effektiv genutzt wird.“

Kopfhörer: Kann leider nichts hören

Morgens beim Bäcker: Schnell nach dem Joggen rein, zwei Mohnbrötchen bestellen, Preis von der Kasse ablesen, bezahlen, raus. Der Kopfhörer bleibt währenddessen die ganze Zeit auf den Ohren. Ist das erlaubt?

Ja, denn dieser Fall ist eine Ausnahme von der Grundregel, die besagt: Wer sich unterhalten möchte, muss die Stöpsel ablegen. „In einer Situation, in der das Tragen von Kopfhörern vom Gegenüber gar nicht als Unhöflichkeit interpretiert werden kann, dürfen sie im Ohr bleiben“, sagt Salka Schwarz, Gründerin der Etikette-Beratung Stilkunde in Berlin. „Der flüchtige Kauf von Brötchen ist so ein Fall.“ Zudem sei die Bäckerin Dienstleisterin und der Jogger ihr Kunde. Demnach darf er sich etwas mehr erlauben. Für die Verkäuferin wäre Musik im Ohr undenkbar.

Ähnliches gilt im Zug, wenn der Schaffner die Fahrkarten kontrolliert. Er ist der Dienstleister, der Fahrgast sein Kunde – und der darf weiterhin Musik hören. Vorausgesetzt, es geht wirklich nur um die Kontrolle der Fahrkarten. Möchte der Reisende darüber hinaus noch etwas wissen, etwa über seine Anschlüsse, sollte er die Kopfhörer abnehmen.

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