Leben Königliche Leidenschaft: Wie Unternehmer vom Schachspiel profitieren

Abschalten und Kraft tanken: Schach begeistert viele Unternehmer - zum Beispiel Rüdiger Tibbe von der Beratungsfirma Excelliance.

Abschalten und Kraft tanken: Schach begeistert viele Unternehmer - zum Beispiel Rüdiger Tibbe von der Beratungsfirma Excelliance.© Simon Katzer

Bei Schach geht es um Ruhe, Konzentration und Taktik. Vor dem Spielbrett tauchen Unternehmer ab in eine andere Welt. Viele ziehen daraus Kraft und Inspiration für den Alltag in der Firma.

Die fast perfekte Partie, ja, die gab es. Roman Krulich lächelt auch Jahre später noch, wenn er an sie zurückdenkt. Stundenlang zog sich das Schachspiel, Krulichs Figuren standen deutlich schlechter – und plötzlich bot ihm der Gegner ein Remis an. Ein unverhofftes Unentschieden also statt der sicher geglaubten Niederlage? „Da bin ich stutzig geworden“, erzählt der 51-Jährige, „und habe einfach mal weitergespielt.“ Nach sechs Stunden setzte er seinen Gegner schachmatt – ein überwältigendes Gefühl. „Wenn man sich so lange so intensiv mit einer Sache beschäftigt hat und dann gewinnt, dann hat man den sofortigen Lohn und fühlt sich total euphorisch“, sagt der Unternehmer.

Viel braucht es nicht für eine Partie Schach: ein quadratisches Spielbrett mit 64 Feldern, dazu 32 Figuren. Ab dann aber wird es komplex: Schon bei der Frage, was genau dieses Spiel alles in sich vereint, scheiden sich die Geister. Schach ist Sport, Schach ist Wissenschaft, Schach ist Kunst. Das Spiel der Könige hat zahlreiche Anhänger in Deutschland, der Deutsche Schachbund zählt immerhin mehr als 90.000 Mitglieder, dazu kommen unzählige weitere, die zumindest die Regeln kennen. Dennoch wirkte die Rand- und Denksportart lange verstaubt, nun aber gibt es seit Ende vergangenen Jahres zum ersten Mal seit 1948 wieder einen europäischen Weltmeister – seitdem steht Schach wieder im Fokus.

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Unter Unternehmern hatte das Interesse ohnehin nie abgenommen. Die Emanuel Lasker Gesellschaft lud in den vergangenen Jahren wiederholt zum „Unternehmerschach“, die Wirtschaftsjunioren Regensburg diskutierten über mögliche Lehren aus dem Spiel und traten im Simultanschach gegeneinander an. Viele Führungskräfte sagen, dass sie aus ihrem Hobby Lehren für den Alltag ziehen.

Urlaub am Schachbrett

Bei Roman Krulich war es der Großvater, der ihm das Spiel näherbrachte, noch bevor er in die Grundschule kam. Auf dem Gymnasium zündete es dann endgültig: Nach der Schule marschierte Krulich direkt zur Münchner Freiheit, wo mit großen Figuren im Freien Schach gespielt wurde – stundenlang. „Ich habe mich kaum noch mit anderen Dingen beschäftigt, meine Eltern haben sich fast schon Sorgen um mich gemacht“, erinnert er sich. Heute hat der Münchner sein Büro nur wenige Hundert Meter von diesem Ort entfernt: Von Schwabing aus steuert er in zweiter Generation einen familiengeführten Immobiliendienstleister. Nun sitzt der Unternehmer, groß gewachsen, markante Brille, auf der Sitzecke in seinem groß­zügigen Büro und erzählt von seiner Passion.

Zeitspiel: Die Schachuhr misst die Bedenkzeit.

Zeitspiel: Die Schachuhr misst die Bedenkzeit.© Simon Katzer

„Schach ist für mich die schönste Neben­sache der Welt“, sagt Krulich. Der Unternehmer ist stolz auf seine Elo-Zahl von etwa 2200. Die Zahl ergibt sich nach komplizierten Berechnungen aus den zu erwartenden Turnier-Ergebnissen gegen andere Spieler – wer gegen einen stärkeren Gegner gewinnt, verbessert seinen Wert, wer gegen einen schwächeren Gegner verliert, muss Punkte abgeben. Der ­Titel Großmeister wird in der Regel ab etwa 2700 Punkten verliehen, der stärkste Spieler auf der Welt ist zurzeit Magnus Carlsen mit einer Elo-Zahl von 2872.

Um seinen Wert zu halten, spielt Krulich viel – soweit es Arbeit und Familie zulassen. Zwei bis drei Stunden in der Woche sind es mindestens, meist im Internet. „Da finden Sie rund um die Uhr Gegner Ihrer Spielstärke – da muss ich mich bemühen, den Suchtfaktor einzuschränken“, sagt Krulich. An fünf bis sechs Spieltagen im Jahr tritt er mit einem Verein zu Meisterschaftsspielen an. Zweimal im Jahr nimmt er sich gleich eine ganze Woche frei, um an Turnieren teilzunehmen. „Ich spiele zum Beispiel gern in Spanien“, sagt Krulich, „da sitzt man zwar vier oder fünf Stunden vor dem Schachbrett, den Rest des Tages hat man zur freien Verfügung bei schönem Wetter. Da klappt dann auch der Kompromiss mit der Familie.“

Die Uhr läuft, der Alltag ist fern

Wenn er wiederkomme von diesen Reisen, sagt Krulich, fühle er sich oft so, als ob er noch zwei, drei Tage Urlaub gebrauchen könnte. Was gibt einem ein Hobby, das einen so fordert? „Es ist anstrengend, aber gleichzeitig entspannend“, sagt Krulich, „weil man in eine komplett andere Welt abtaucht und sich in dieser einige Stunden aufhält – nahezu ungestört von äußeren ­Einflüssen.“ Er wirkt auch während des Gesprächs entspannt, obgleich ständig E-Mails mit einem Ping auf seinem Computer einlaufen.

Vor einer Schachpartie stellt er sein Mobiltelefon aus, nimmt es nicht einmal mit in den Raum. Während ihm sonst immer wieder Gedanken ans Geschäft durch den Kopf fliegen, ist Krulich schon in der Vorbereitung am Brett nur auf seine eigenen Züge und die des Gegners fokussiert. Alles Überflüssige empfindet er beim Schach als Ablenkung: In einem Schrank in seinem Büro hält er immer ein schlichtes Set bereit. Kunstvoll geschnitzte Figuren sind seine Sache nicht: „Das lenkt doch nur ab.“

Sobald die Schachuhr läuft, ist der Alltag weit weg. Das geht Rüdiger Tibbe ähnlich, er ist Gründer der Beratungsfirma Excelliance. „Egal in welcher Situa­tion ich mich gerade befinde, beim Schach kann ich sofort abschalten“, sagt Tibbe. Auch er hat das Spiel als Kind von seinem Opa gelernt, auch er hat es in der Jugend exzessiv gespielt: Gemeinsam mit Freunden organi­sierte er jahrelang „Osterfestspiele“ im Haus seiner Eltern. Tagelang wohnten die Freunde im Keller und spielten in jeder wachen Minute Schach. Bis zu 50 Teilnehmer kamen damals, Ende der 70er-Jahre, in München zusammen.

An die packenden Partien kann sich Tibbe gut erinnern: „Wir standen ständig in einem konstruktiven Wettkampf, um Schulnoten, Freundinnen oder eben Schach.“ Heute reicht es zeitlich nur noch ab und an zu einer Partie. Dem Spiel gegen einen Schachcomputer oder einen live zugeschalteten Gegner aus dem Internet kann der Berater nichts abgewinnen: „Man muss sich beim Duell in die Augen schauen können. Das macht für mich bestimmt 50 Prozent des Reizes aus, wenn ich das Gegenüber richtig schnaufen höre.“

Spiel als Studium für die Herausforderungen im Beruf

Während sich Tibbe auf das persönliche Duell konzentriert, studieren schon Amateure Bücher und Datenbanken. Allein die Literatur über die richtige Eröffnung umfasst mehrere Regalmeter. Jede gespielte Partie wird aufgezeichnet und kann nachverfolgt werden. Immer analytischer sei Schach geworden, immer wissenschaftlicher die Vorbereitung, erzählen spielende Unternehmer. „Wenn zwei Spieler miteinander spielen, ist das wie ein Roman oder wie ein Theaterstück“, sagt Großmeister Stefan Kindermann. „Je nach Charakter kann das mal eine Kurzgeschichte von Hemingway sein, mit einer knochentrockenen Pointe. Oder ein Dostojewski-Roman, wo man die ersten 50 Seiten braucht, bis man die Namen der Protagonisten draufhat.“

Im Spiel finden Unternehmer strategische Inspiration für den Alltag.

Im Spiel finden Unternehmer strategische Inspiration für den Alltag.© Simon Katzer

Kindermann wurde vom Spieler zum Unternehmer, er gründete die Münchener Schachakademie und schreibt Bücher über Strategien, die man beim Schach lernen kann. Viele Unternehmer sehen das Spiel als Studium für die Herausforderungen im Beruf. Schließlich geht es um langfristige Planung, strategische Züge und flexible Reaktion auf die Züge des Gegners. „Ich neigte früher im beruflichen Bereich zu einer gewissen Voreiligkeit“, erzählt etwa ­An­dré Gerhard, der mit seiner Firma Gedächtnistrainings anbietet. Einmal habe das sogar so weit geführt, dass er zu schnell einen zu großen Auftrag annahm und so erhebliche finanzielle Einbußen erlitt. „Schach hat mir beigebracht, mir für Entscheidungen mehr Zeit zu nehmen und die vorhandenen Alternativen in Ruhe zu prüfen.“ Derzeit kommt er nur selten zu seinem Hobby, dann spielt er gegen einen Freund aus dem Rheinland – über das Telefon.

Wer so viel vom Schach lernt, ist auch bereit, etwas zurückzugeben. Zahlreiche Unternehmer sind treue Förderer. In Baden-Baden etwa unterstützt Wolfgang Grenke, Chef der gleichnamigen Leasinggesellschaft für Bürokommunikation, den heimischen Schachclub. Langjähriger Mäzen der Schachgesellschaft Solingen, einem der traditionsreichsten Vereine der deutschen Schachbundesliga, ist Egon Evertz, der eine Firmengruppe von Zulieferern für Stahlwerke und den Maschinenbau aufgebaut hat. Hauptsponsor des Deutschen Schachbundes ist die Unternehmensgruppe UKA – der Chef Gernot Gauglitz trägt den Titel des „Internationalen Meisters“.

In München unterstützt Immobilienunternehmer Krulich die Schachakademie und die Schachstiftung. Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schülern auch in Problembezirken ein Schachtraining zu ermöglichen. Sie sollen dabei nicht nur die Züge erlernen, sondern etwas fürs Leben mitnehmen. „Man muss sich beim Schach konzentrieren – und man muss auch dann ruhig bleiben, wenn man mal verloren hat“, sagt Krulich. Einmal im Jahr misst sich der Nachwuchs bei einer Schacholym­piade. Bis zu 500 Kinder sitzen sich dann an Schachbrettern gegenüber. „Es herrscht absolute Ruhe“, berichtet Krulich, „das können viele Lehrer gar nicht glauben.“

 

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Dieser Text stammt aus der April-Ausgabe von impulse.
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