Leben Kopisten in Wien: Wenn Rentner und Studenten zu Kunstfälschern werden

Anlaufstelle für Kopisten: das Kunsthistorische Museum in Wien.

Anlaufstelle für Kopisten: das Kunsthistorische Museum in Wien.© KHM Wien

Die Werke von Velázquez, Vermeer und Bruegel sind in der Kunstgeschichte herausragend und einmalig. Ein Grund mehr, sie zu kopieren. Und das versuchen in Wien so einige.

Die Hunde, die Jäger und die Schlittschuhläufer sind erst mit feinem Stift vorgezeichnet, das wärmende Feuer am Bauernhof fehlt noch, aber die Landschaft wirkt schon klirrend kalt wie im Original. „Jäger im Schnee“ von Pieter Bruegel dem Älteren von 1565 ist eines der imposanten Werke der Kunstgeschichte. Brigitte Humpelstetter schreckt vor großen Aufgaben aber nicht zurück. Die 77-jährige Autodidaktin hat sich mit ihrer Staffelei wieder einmal für ein halbes Jahr im Kunsthistorischen Museum (KHM) in Wien eingerichtet. Sie kopiert den Bruegel, Detail für Detail, zum zweiten Mal. „Ich habe ja Zeit“, sagt die Rentnerin lachend.

Seit 20 Jahren kommt die Amateur-Malerin ins Museum und wird nicht müde, sich unter den fast 1000 Alten Meistern immer wieder einen Begleiter für die nächsten Monate auszusuchen. „Mein Mann mag schöne Frauen. Für ihn habe ich die ‚Venezianerin‘ von Dürer gemalt“, erzählt sie. Oft ist sie die einzige Kopistin in dem Prachtbau an der Wiener Ringstraße. Diesmal ist es anders. Ein paar Räume weiter wollen 13 chinesische Künstler ihr Können dank Abmalen verfeinern.

Anzeige

„Es ist so, als ob Vermeer im Auto vor mir ist. Ich folge ihm und versuche zu verstehen, warum er dort lang fährt“, sagt der 26-jährige Porträtspezialist You-Yong aus Peking über die Lehre aus dem Sichtkontakt mit dem Original. Er ist erst seit zwei Tagen dabei, die vor 350 Jahren entstandene „Malkunst“ des Niederländers Jan Vermeer zu verstehen und doch hat er in den Augen der Museumsbesucher das Motiv – einen Maler beim Porträtieren einer Frau – schon perfekt erfasst. Warum Vermeer? „Bei Velázquez war es schon voll“, gesteht er. Seine Landsleute lieben den Spanier, der in der Kalligraphie-Ausbildung eine wichtige Rolle spielt.

„Das Original zeigt mir, wie ungeschickt ich war“

Im Saal 10 sitzt mit Danqing Chen der wohl bekannteste der angereisten Künstler aus dem Reich der Mitte. Den 61-Jährigen haben seine Ölbilder über die Tibeter berühmt gemacht. Er hat 18 Jahre in New York gelebt und wird in China hoch gehandelt. Die „Infantin Margarita Teresa in blauem Kleid“ hat er sich vorgenommen, zweimal hat er sie bereits nach Vorlagen kopiert. „Das Original zeigt mir, wie ungeschickt ich war.“ Sein Werk, das er innerhalb einer knappen Woche vollenden will, ist nicht zum Verkauf bestimmt. „Das ist zu meiner eigenen Freude und zu der von Studenten in China“, sagt er.

Das ist nicht immer so. Manche Kopisten verlangen 10.000 Euro und mehr. „Es soll auch jemanden gegeben haben, der hat sich damit sein Haus verdient“, sagt Christine Surtmann, Direktionsassistentin der Gemäldegalerie. Dem Museum ist das einerlei. „Wir fragen nicht danach, was mit den Kopien passiert.“

Akribisch im Kopien-Buch seit mehr als 100 Jahren erfasst, mit Haus-Stempel und Nummer auf der Rückseite der Leinwand sowie einem Passierschein dürfen die Künstler über ihre Werke frei verfügen. Tausende Bilder sind so seit Gründung des KHM in den vergangenen 120 Jahren entstanden. Das Kopien-Buch zeigt auch: Seit den 1960er-Jahren sind die Kopisten in den Sälen rar geworden. In den besseren Zeiten habe sich diese Art von Zubrot wohl nicht mehr gelohnt, meint Surtmann.

Mit Kopieren das Studium finanzieren

Auch in der Ausbildung spielt das Kopieren Alter Meister kaum noch eine Rolle. „Heutzutage wird das leider ignoriert“, sagt Marcela Chiriac. Die 21-Jährige aus der Republik Moldau (früher Moldawien) arbeitet seit drei Wochen am „bogenschnitzenden Amor“, den der Italiener Parmigianino vor rund 500 Jahren gemalt hat.

„Die Leuchtkraft einzufangen, ist besonders schwer“, sagt die junge Frau, die seit zwei Jahren sich durch meisterliches Kopieren im KHM ihr Studium verdient. Ein paar Wochen wird es noch dauern, bis alle Locken Amors so fallen und seine Haut so geschmeidig glänzt wie beim echten. Es ist eine eigene Kunst. Die junge Frau sagt: „Man darf nicht kopieren, was man sieht. Das Verstehen muss viel tiefer gehen.“

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.