Leben Lokaltermin: Was darf es sein, Hubertine Underberg-Ruder?

Hubertine Underberg-Ruder stieg in den 90er-Jahren in die Familienholding ein, zu der unter anderem der berühmte Magenbitter Underberg, aber auch Marken wie Asbach oder Pitú gehören. In ihrem Lieblingsrestaurant spricht die Firmenchefin über Geheimnisse, Geschmack und Gelegenheiten, bei denen sie den Kopf ausschaltet.

Es gibt charmantere Orte, um sich kennenzulernen, aber jetzt ist es zu spät: Damen-Klo also. Ungeplante Kollision, weil zwei Frauen einen Gedanken hatten: Lippenstift nachziehen und die vom Regen zerstörte Frisur richten. Kurze peinliche Berührung aufseiten der Journalistin. Keinerlei peinliche Berührung beim Gegenüber: „Na dann wollen wir uns mal restaurieren.“ Herz­liches Lachen, zupackender Händedruck. „Underberg-Ruder. Freut mich!“

Genau genommen: Hubertine Underberg-Ruder, 51 Jahre alt und Chefin der gleichnamigen Spirituosenfirma, fünfte Generation. Vierfache Mutter, Biologin, Jägerin, Pragmatikerin, Genießerin. Ihr Stil – menschlich, sprachlich und modisch: rustikal.

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Das Schöne an einem Abend mit der Unternehmerin: Man weiß hinterher mehr als vorher. Nicht nur über sie und das Wesen der Kräuterspirituose. Sondern auch über Ernährung, Firmennachfolge und Pflanzenzucht.

Der Mix muss stimmen

„Früher schmeckte Chicorée bitter“, sagt ­Underberg-Ruder etwa. Heute sei der bittere Geschmack fast weggezüchtet worden. Klar, als Magenbitterproduzentin beobachte sie solche Veränderungen, Sorgen machten sie ihr aber nicht. „Das Bittere ist so auf dem Rückzug, das wird schon wieder modern. Man braucht Bitterstoffe für die richtige Mischung.“

Der Mix muss stimmen, das ist ihr wichtig. Zwischen Familie und Arbeit, Anspannen und Ausspannen, süß und bitter. Die Suppe ist im Restaurant Lölleken bereits serviert, jetzt bringt der Koch Weideochsen mit Senf-Blutwurst-Haube und einem Püree aus Kartoffeln und Endiviensalat. „Super“, lobt Underberg-Ruder. Sie kommt öfter hierher, Kamp-Lintfort am Niederrhein liegt nur ein paar Minuten im Auto entfernt vom Firmensitz in Rheinberg.

Das Restaurant Lölleken in Kamp-Lintfort am Niederrhein

Das Restaurant Lölleken in Kamp-Lintfort am Niederrhein© Sandra Stein

Ja, sie esse gern. Und da lasse sie sich auch von niemandem reinreden, nicht mal von sich selbst. „Ich weiß viel über Ernährung, ich kann dazu jederzeit mein Hirn anschalten. Wenn ich genieße, will ich das aber nicht.“ Es sei doch viel wichtiger, auf seinen Körper zu hören. „Das ist für unsere eigenen Kinder klar. Aber für viele andere ihrer Generation ist das leider nicht gut gelaufen.“ Da werde ständig übers ­Essen nachgedacht, anstatt zu genießen. „Dabei gibt einem der Körper ja ein Feedback, ob ihm das Essen gutgetan hat.“

90er-Jahre: Eintritt in die Holding

Sie will die Sachen nicht komplizierter machen, als sie sind. Wer vier Kinder und eine Firma zu versorgen hat, muss sich wohl auf das Wesentliche konzentrieren. Zumal das Unternehmen kräftig gewachsen ist. Neben dem berühmten Kräuterdigestif, den Großvater Emil I. in ein Portionsfläschchen packte und damit in Nachkriegszeiten zum Hit machte, gehören heute auch Marken wie Asbach oder Pitú dazu.

Dass Anfang der 90er-Jahre Underberg-­Ruder in die Holding eintrat, galt als Über­raschung. Schließlich arbeitete sie bereits an ihrer Promotion in Biologie, als ihr Vater fragte, ob sie seine Nachfolgerin werden wolle. ­Einige Monate habe sie darüber nachgedacht. „Man muss das schließlich von ganzem Herzen wollen, sonst wird das nichts.“ Es gebe ja auch schwierige Stunden. Kündigungen etwa, Krisen. Einmal wurde Underberg erpresst, jemand schickte eine Schachtel vergifteten Schnaps in die Firma. Da müsse man robust sein.

Underberg-Ruder findet daher, dass man mit seinen Kindern früh über die Nachfolge reden sollte. „Wenn man nicht übt, gewisse Themen zu besprechen, darf man nicht erwarten, dass es später, wenn es drauf ankommt, klappt.“ Kinder müssten erkennen, dass die Eltern einen konkreten Plan B haben, falls der Nachwuchs die Firma nicht übernehmen will. „Damit kein falscher Druck entsteht, muss jede junge Generation erkennen: Aha, es ist eine Möglichkeit, dass ich Nein sage. Das sagt der Vater oder die Mutter nicht nur, die meinen das auch.“

Üben mit Priestern

Wer die Firma übernimmt, wird zum Geheimnisträger. Das Rezept für den Magenbitter, beteuert die Familie, stehe nirgends aufgeschrieben. Nur Vater Emil II., Mutter Christiane und eben Hubertine Underberg-Ruder wissen Bescheid, für den Notfall sind noch drei Priester eingeweiht. „Die kommen regelmäßig engagiert zum Üben“, erzählt Underberg-Ruder.

Ihr Ururgroßvater Hubert hat das Rezept 1846 entwickelt. Kräuter aus 43 Ländern kommen in den Schnaps, der Rest ist geheim. Wie oft sie die Kräutermischung braut? „Gelegentlich.“ Und wie viele Liter? „Eine Menge.“ Wie lange die Herstellung denn dauere, vielleicht einen halben Tag? Gelächter. „Netter Versuch.“

Zum Nachtisch gibt es Himbeer-Sorbet, Crème brûlée und – extra für den Stammgast – Halbgefrorenes vom Underberg. Nach dem letzten Löffel geht es direkt ab zum Flughafen, zurück zu Mann und Kindern in die Schweiz. Schnell die Jacke über das jagdgrüne Kostüm geworfen, dann fegt sie davon. Eine Kombination aus wertkonservativer Traditionalistin und moderner Karrierefrau. Seltene Mischung. Aber stimmig.

LÖLLEKEN
Über den Namen für sein Restaurant musste Fabian Löll nicht lange grübeln: Lölleken ist sein Spitzname – seiner kleinen Körpergröße wegen. Ausgebildet von Sterneköchen, eröffnete er vor zwei Jahren in Kamp-Lintfort am Niederrhein seine Küche. Im Sommer öffnete der zugehörige Biergarten.

UNDERBERG
Wurde 1846 von Hubert Underberg gegründet, heute vertreibt die verschachtelte Unternehmensgruppe auch Likör, Weinbrand, Wein und Sekt. Der Umsatz beträgt nach eigenen An­gaben rund 500 Millionen ­Euro. Gut 800 Mitarbeiter.

 

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