Leben Medizinische Versorgung: Braucht Deutschland wirklich mehr Ärzte?

In Deutschland gibt es so viele Ärzte wie nie zuvor.

In Deutschland gibt es so viele Ärzte wie nie zuvor.© /Flickr/Ausschnitt: impulse/Lizenz: CC BY-SA 2.0

Mehr als 37 Milliarden Euro bekamen die Praxisärzte vergangenes Jahr - so viel wie nie zuvor. Es gibt auch so viele Mediziner wie nie. Und trotzdem müssen die Patienten laut den Ärzten wachsende Lücken in der Versorgung hinnehmen.

Noch nie hat es in Deutschland so viele Ärzte gegeben wie heute – und dennoch warnen die Mediziner vor wachsendem Ärztemangel. Aus gutem Grund? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Wie viele Ärzte arbeiten in Deutschland?

Die Zahl stieg 2014 binnen eines Jahres um 2,2 Prozent auf 365.247. Zehn Jahr vorher waren es 306 435. Ein Arzt hatte damals rechnerisch 269 Einwohner zu versorgen, 2014 waren es nur 221 Einwohner. Vor 20 Jahren kamen 300 praktizierende Ärzte auf 100.000 Einwohner – jetzt sind es über 100 mehr.

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Wie ist die Arztdichte in den einzelnen Bundesländern?

Sie reicht von 169 Einwohnern je Arzt in Bremen bis zu 265 in Brandenburg. Vergleichsweise wenig Ärzte im Schnitt gibt es auch in Sachsen-Anhalt (253 Einwohner je Arzt), Niedersachsen (252), Sachsen (243) und Thüringen (241).

Mit welchen Argumenten warnen die Ärzte vor einem Mangel?

Das Durchschnittsalter beträgt heute schon mehr als 53 Jahre bei den Praxisärzten. Fast jeder Vierte will in den nächsten fünf Jahren die Praxis aufgeben. Schon heute finden vor allem Ärzte in kleineren Städten und auf dem Land kaum Nachfolger. Zudem gibt es laut Ärztekammer zu wenig Nachwuchs – 1000 Medizin-Studienplätze fehlten. Bund und Länder sollten dafür mehr Geld bereitstellen.

Warum schlägt die Ärztekammer vor allem wegen der Praxen Alarm?

Viele junge Ärzte wollen nicht mehr das Risiko und die Arbeitslast einer eigenen Praxis tragen – sondern angestellt arbeiten. Montgomery sagt: „Wie zahlreiche Umfragen zeigen, legen diese jungen Ärzte großen Wert auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf, Familie und Freizeit.“

Wie entwickelt sich die Rolle der Frauen in der Ärzteschaft?

Fast zwei Drittel der Neueinsteiger in dem Beruf sind weiblich. Ohne Facharztweiterbildung sind die Karrierechancen aber gering. Wer diese aber absolvieren möchte, hat wenig Chancen zu unterbrechen – etwa um ein Baby zu bekommen und sich darum zu kümmern. In einer Umfrage unter Ärztinnen beklagen viele das Fehlen geregelter Arbeitszeiten – und zu wenig Anerkennung von ihren männlichen Kollegen.

Ist die Ärzteschaft gut aufgestellt für die neuen Anforderungen?

Der Chef des AOK-Bundesverbandes, Jürgen Graalmann, hegt Zweifel. „Dass sich die Präferenzen junger Ärztinnen und Ärzte wandeln und sich damit auch das Berufsbild verändert, ist unbestritten“, sagt er. „Nun müssen die Ärztefunktionäre aber auch entsprechend handeln und den Wunsch nach besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie ernst nehmen sowie flexible Arbeitszeitmodelle forcieren.“

Was sollte sich laut den großen Krankenkassen noch verbessern?

Der Chef der Techniker Krankenkasse, Jens Baas, sagt: „Wir haben nicht zu wenige Ärzte in Deutschland, sondern wir haben ein Verteilungsproblem – zwischen Stadt und Land und durchaus auch zwischen einzelnen Stadtteilen, zwischen Klinik und Niederlassung und auch zwischen einzelnen Facharztgruppen.“ Graalmann fordert die Kassenärztlichen Vereinigungen auf, sich um eine ausgewogene Verteilung von Ärzten zu kümmern. Es brauche Hausärzte in Wohnortnähe und mehr Vernetzung zwischen niedergelassenen Fachärzten und Klinik.

Was plant Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU)?

Sein Versorgungsstärkungsgesetz sieht unter anderem stärkere Anreize vor allem bei der Vergütung vor, wenn sich ein Arzt in einem strukturschwachen Gebiet niederlässt. Eine Praxis in einem überversorgten Gebiet soll dagegen nur nachbesetzt werden, wenn dies für die Versorgung der Patienten sinnvoll ist.

Wie entwickelten sich die Ausgaben für Ärzte und Kliniken?

Die Ausgaben der Krankenkassen für Ärzte stieg 2014 um rund 1,5 auf 37,5 Milliarden Euro, die für die Behandlungen in den Kliniken um rund 3 auf 68,5 Milliarden Euro. Das ist der Hintergrund, weshalb Kassenmanager wie Baas darauf dringen, „Überversorgung konsequent abzubauen und der Fehlsteuerung entgegenzuwirken, um das System insgesamt bezahlbar zu halten“.

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