Leben „Millennium“-Fortsetzung: Stieg Larssons große Fußstapfen

Auch bei "Verschwörung" wieder mit von der Partie: die genialische Hackerin Lisbeth Salander. In der US-Verfilmung wird sie von Rooney Mara dargestellt.

Auch bei "Verschwörung" wieder mit von der Partie: die genialische Hackerin Lisbeth Salander. In der US-Verfilmung wird sie von Rooney Mara dargestellt.© picture alliance / ZUMAPRESS.com

Die Neuerscheinung "Verschwörung" führt Stieg Larssons Millennium-Trilogie um die Hackerin Lisbeth Salander fort. Das umstrittene Buch hat gute Chancen, der Bestseller des Jahres zu werden. Doch ist es auch lesenswert?

Buchcover
Verschwörung (Millennium Trilogie, Band 4)

David Lagercrantz


Heyne Verlag. Gebundene Ausgabe, 608 Seiten: 22,99 Euro.


Ein schwereres Erbe kann man in der schwedischen Krimi-Literatur nicht antreten. Kein Wunder also, dass David Lagercrantz zögerte, als er das Angebot bekam, einen vierten Band der weltweit erfolgreichen Millennium-Reihe zu schreiben – mehr als zehn Jahre nach dem Tod von Stieg Larsson, dem literarischen Vater der Trilogie um den Journalisten Mikael „Kalle“ Blomkvist und das Hackergenie Lisbeth Salander.

„Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“ – Millionen Leser rund um den Globus hatten die drei Bände verschlungen. Über den Nachfolger „Verschwörung“, der weltweit am 27. August erscheint, hatten sich viele im Vorfeld das Maul zerrissen. Doch Lagercrantz, Autor einer hochgelobten Biografie des schwedischen Fußballstars Zlatan Ibrahimovic, machte sich unbeeindruckt an die Arbeit.

Eine spannende Verschwörungsgeschichte – etwas weniger düster und wütend

Herausgekommen ist zunächst einmal ein packender Plot: Ein führender Forscher auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz wird ermordet, kurz bevor er ein großes Geheimnis mit Blomkvist teilen will. Salander, in der Larsson selbst eine moderne Pippi Langstrumpf für Erwachsene sah, gelingt es, in das System der NSA einzudringen. Dass das nicht vorrangig geschieht, um die Verstrickungen des Nachrichtendienstes aufzudecken, wird erst viel später klar.

In glatterem Stil als der linke Enthüllungsjournalist Larsson erzählt der Journalist Lagercrantz eine spannende Verschwörungsgeschichte – etwas weniger düster und wütend, als es der Millennium-Schöpfer wohl getan hätte. Dabei ist Lagercrantz doch sorgsam um dessen Vermächtnis bemüht – nicht nur, weil er das Böse in Abgrenzung zum Guten genauso klar beim Namen nennt: Der Überwachungsstaat macht paranoid, in Schweden halten Armut und Rechtsextremismus Einzug, und Blomkvists investigatives Magazin „Millennium“ ist von der „Sklaverei kommerzieller Kräfte“ bedroht, als ein geldgieriger Medienkonzern Anteile übernimmt.

Behutsamer Umgang mit Larssons Figuren

Noch eine gute Nachricht: Mit Larssons Figuren geht Lagercrantz außerordentlich behutsam um, gerade mit der tätowierten Punkerin Salander, der unumstrittenen Heldin der Millennium-Romane. „Sie machte irgendwie den Eindruck, als würde sie einfach tun, was sie will“, sagt eine Figur in „Verschwörung“ über die Erwachsenen-Pippi. Dass er Salander nicht gerecht werden könnte, hatte dem Schweden beim Schreiben die meisten Alpträume gemacht. Zeitungsschlagzeilen wie „Lisbeth Salander braucht David Lagercrantz nicht“ dürften nicht dazu beigetragen haben, ihm diese Angst zu nehmen.

In „Millennium 4“ bleibt die übernatürlich kluge Salander die Rächerin der sozial Schwachen und Retterin der Unverstandenen. Der Leser aber lernt – und ja, das ist ungewohnt – eine weichere Lisbeth Salander kennen, sie ist mehr Mensch als übermächtige Fantasyheldin. Blomkvist bleibt der linke Moralist, auch wenn ihn plötzlich Zweifel plagen, ob er im Journalismus noch richtig ist. Ob Larsson das gefallen hätte?

„Als würde jemand anderes einen halbfertigen Picasso weitermalen“

Angeblich hatte der Autor, der 2004 an den Folgen eines Herzinfarkts starb, selbst an einem vierten Band gearbeitet. Darum, ob es ein solches Manuskript wirklich gibt, ranken sich die wildesten Spekulationen. Seine Lebensgefährtin Eva Gabrielsson soll es besitzen. Die rückte allerdings nie etwas heraus, provoziert durch einen jahrelangen bitteren Erbstreit mit Larssons Familie. Weil sie zwar über 30 Jahre lang mit dem überzeugten Sozialisten und Kämpfer gegen Rechtsextremismus zusammen war, die beiden aber nie heirateten, ging sie nach dessen Tod völlig leer aus. Er wäre schockiert, wenn er wüsste, dass jemand seine Geschichten weiterschreibt, meint sie.

Lange hatten auch Larssons Bruder und Vater den Anschein erweckt, das literarische Erbe des Millennium-Autors nicht anrühren zu wollen. „Man stelle sich vor, jemand anderes würde an einem halbfertigen Picasso weitermalen“, hatte Larssons Bruder Joakim einmal zu der Idee gesagt, einen halbfertigen vierten Band von jemand anderem vollenden zu lassen. Jetzt ließen die beiden doch zu, was die schwedische Schriftstellerin Kristina Ohlsson als „literarische Schweinerei“ und Larssons Freunde aus Kindertagen als „Grabplünderung“ verurteilen.

Ein lesenswerter Thriller – und ein wohliges Wiedersehen

Trotz aller Buhrufe dürfte sich „Millennium 4“ blendend verkaufen. 2,6 Millionen Exemplare sind vorerst gedruckt, um den Durst von Larsson-Fans und Lagercrantz-Kritikern zu stillen. Und das Ende von Band 4 lässt viel Platz für einen möglichen Band 5.

In Schweden fiel jedoch schon Band 4 (erwartungsgemäß) prompt in Ungnade. Ein Journalist der Zeitung „Uppsala Nya Tidning“, der das Werk durch ein Missgeschick an einem Stockholmer Kiosk schon am Mittwoch in den Händen hielt, urteilte nach der Lektüre, es handle sich bei „Verschwörung“ zwar um einen spannenden, aber auch um einen Allerwelts-Krimi: „Die Aura der Millennium-Welt ist verschwunden.“

Vielleicht. Einen Autor und sein Werk, zumal wenn es sich um einen Welterfolg handelt, kann man nicht kopieren, Erwartungen von zig Millionen Fans – gerade in Schweden – wohl nur enttäuschen. Man könnte Lagercrantz also für verrückt halten. Aber sein Mut hat sich gelohnt. Dem Schweden ist ein lesenswerter Thriller mit eigener Berechtigung gelungen. Und trotz aller Kritik stellt sich beim Wiedertreffen mit „Pippi“ Salander und „Kalle“ Blomkvist beim Leser ein wohliges Gefühl ein. Als würden die beiden doch weiterleben. Anders eben. Na und?

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