Leben Mineralwasser: Die unerwartete Renaissance der Glasflasche

Die Glasflasche erlebt eine unerwartete Renaissance: Nach ersten zaghaften Zuwächsen im vergangenen Jahr sind im ersten Quartal 2014 rund 3,3 Prozent mehr Glasmehrwegflaschen abgesetzt worden.

Die Glasflasche erlebt eine unerwartete Renaissance: Nach ersten zaghaften Zuwächsen im vergangenen Jahr sind im ersten Quartal 2014 rund 3,3 Prozent mehr Glasmehrwegflaschen abgesetzt worden.© cut - Fotolia.com

Der Mineralwasserdurst der Deutschen ist ungebrochen. Doch die Branche ist in den vergangenen Jahren kräftig durchgeschüttelt worden. Jetzt feiert die Glasflasche ein kleines Comeback.

Günter und Dirk Hinkel mögen heiße Sommertage. Dann rauschen schon mal 3 Millionen Liter Wasser durch die Abfüllanlagen am Stammsitz ihres Brunnenunternehmens Hassia in Bad Vilbel bei Frankfurt und die Kasse klingelt. Doch der hessische Mittelständler mit Vater und Sohn an der Spitze hat wie die gesamte Branche bewegte und schwierige Jahre hinter sich gebracht. Der Markt für Mineralwasser und alkoholfreie Erfrischungsgetränke wurde in Folge des neugeordneten Pfandsystem gründlich umgekrempelt. Aktuell berichten die Brunnen von leichten Mengensteigerungen und einer etwas unerwarteten Renaissance der Glasflasche.

Zum 150. Firmenjubiläum kleben die Hinkels ausschließlich auf die Glasflaschen ihrer Stamm-Marke Hassia Etiketten im Retro-Design mit Schwarz-Weiß-Fotos aus der Firmengeschichte. Es ist die 1969 eingeführte „Normbrunnenflasche“ der Genossenschaft deutscher Brunnen (GdB) mit den charakteristischen 230 Perlen an der Seite, die bei vielen Menschen Erinnerungen an frühere, als besser empfundene Zeiten hervorruft. Aktuell wird nicht einmal mehr ein Viertel des deutschen Mineralwassers in Glas abgefüllt, doch der Boden ist offenbar erreicht: Nach ersten zaghaften Zuwächsen im vergangenen Jahr sind im ersten Quartal 2014 rund 3,3 Prozent mehr Glasmehrwegflaschen abgesetzt worden, berichtet GdB-Chef Willi Lahrmann.

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Die Talfahrt der klassischen Mineralwasser ist vorbei, sagt Niklas Other vom Branchenblatt „Inside-Getränke“. „Die Marken sind stabil, Glas ist stabil. Das beides ist wirklich neu.“ In den vergangenen Jahren haben sich mit MEG und Hansa-Heemann zwei Unternehmen an die Spitze der Inside-Mineralbrunnen-Hitliste gesetzt, die schwerpunktmäßig für die großen Discounter Lidl und Aldi Wasser in sehr große und sehr kleine PET-Einwegflaschen abfüllen. Hersteller wie Hassia mit vielen regionalen Marken (Rosbacher, Lichtenauer, Elisabethen) oder Gerolsteiner finden sich auf den Plätzen 5 und 7. Auch Weltkonzerne wie Nestlé (Vittel, San Pellegrino) und Danone (Volvic, Evian) mischen auf dem deutschen Wassermarkt mit.

Große Discounter nutzten eigene Einwegflaschen zur Kundenbindung

Aldi und Co. haben die Wirrungen um das 2003 eingeführten Zwangspfand für Einwegverpackungen schnell für sich genutzt. Mit Mehrweg-Systemen haben sie sich nie befasst, sondern bauten zunächst Insellösungen für ihre eigenen Einwegflaschen auf. „Das war ein hervorragendes Instrument zur Kundenbindung und hat den schon vorhandenen Trend zu großen Einwegflaschen verstärkt“, sagt Experte Other. Nebenbei senkten die Discounter den Preis auf den bis heute gültigen Eckwert von 19 Cent pro 1,5-Liter Flasche. Das entspricht rund einem Euro für einen 12×0,7 Liter-Kasten mit den viel schwereren Glasflaschen – ein Preis, bei dem viele Brunnen nicht mithalten konnten. Aldi und Lidl haben sich so einen großen Teil des preisgünstigen Segments bei alkoholfreien Getränken gesichert, was ihnen beim Bier nicht gelungen ist.

Dass dennoch bislang nur wenige Brunnen eingestellt wurden, liegt auch am ständig steigenden Mineralwasserdurst der Deutschen. Noch 1970 lag der Pro-Kopf-Verbrauch bei 12,5 Litern, wie der Verband Deutscher Mineralbrunnen berichtet. 2013 waren es mit über 140 Litern mehr als zehn Mal so viel. Dazu kamen noch mal mehr als 42 Liter Erfrischungsgetränke aus den Brunnenbetrieben.

Glas bietet den besten Schutz vor Umwelteinflüssen

Die Mehrwegquote sank laut Genossenschaft Deutscher Brunnen auf zuletzt noch gut 40 Prozent. „Die Konsumenten können Mehrweg und Einweg nicht mehr unterscheiden, weil sie für beide Pfand bezahlen müssen“, klagt GdB-Chef Lahrmann. Das Gemeinschaftsunternehmen der Brunnen hält die PET-Mehrweg-Flasche mit einem aktuellen Marktanteil von gut 20 Prozent für die mit großem Abstand ökologischste Variante. Glas biete hingegen die besten Eigenschaften, das Wasser gegen Umwelteinflüsse zu schützen.

Die Markenhersteller versuchen sich von der Massenware abzusetzen. Sie verweisen wie Hassia auf die besondere Mineralisierung und Regionalität ihrer Produkte oder nehmen nach dem Vorbild der Brauereien Abschied von der Einheitsflasche. Gerolsteiner-Chef Axel Dahm setzte erfolgreich ein neues Kistenkonzept mit sechs eigens entworfenen Einliter-Glasflaschen um, das allerdings zusätzliche Transportwege mit sich bringt.

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