Leben Mit einem neuen Medium zum Superstar der Kunst

Die Bilder und Skulpturen in der Bundeskunsthalle sind ganz überwiegend nicht von Michelangelo, sondern spiegeln seinen Einfluss von der Renaissance bis heute. Im Bild: Die Apollstatue von Markus Lüpertz aus dem Jahr 1989.

Die Bilder und Skulpturen in der Bundeskunsthalle sind ganz überwiegend nicht von Michelangelo, sondern spiegeln seinen Einfluss von der Renaissance bis heute. Im Bild: Die Apollstatue von Markus Lüpertz aus dem Jahr 1989. © Foto: David Ertl / Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Schon vor 500 Jahren hatten viele Menschen auf einmal das Gefühl, durch eine neue Technologie miteinander in Verbindung zu stehen: die Druckgraphik, die Europa damals revolutionierte. Eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn zeigt jetzt, wie ein Künstler dadurch rasend schnell berühmt werden konnte: Michelangelo.

Es ist vermutlich nicht einfach, mit einem Genie zusammenzuleben. Pietro Torrigiano hatte jedenfalls seine Probleme damit. Er ging Ende des 15. Jahrhunderts noch als Knabe bei einem Bildhauer in Florenz in die Lehre und wurde von einem sehr talentierten Mitschüler dauernd verspottet. Einmal, als sie gerade zur Übung zeichneten, wurde es Pietro zu viel. Er holte aus – und schlug zu. Voll auf die Nase. Der Hieb muss gesessen haben, denn noch als fast 90-Jährigem konnte man dem Mitschüler den Nasenbruch ansehen. Sein Name war Michelangelo.

Die Reaktionen, die der Überflieger ausgelöst hat, waren eben immer schon heftig. Meist allerdings äußerten sie sich in heftiger Bewunderung. „Der Göttliche“ – diesen Beinamen bekam Michelangelo (1475-1564) schon zu Lebzeiten. Eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn untersucht nun seine gewaltige Wirkung in den letzten 500 Jahren. Zu sehen sind unter anderem Werke von Raffael, Tintoretto, Rubens, Rodin und Cézanne. Alle waren vor allem von seiner virtuosen Darstellung des menschlichen Körpers beeinflusst.

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Erstaunlich ist, wie schnell Michelangelo zum Superstar der Kunst wurde. Als er gerade mal 45 war, erklärte der Papst schon, alle anderen Künstler seien von ihm beeinflusst. Die Bonner Kuratoren stellen sich die Frage: Wie hat er das geschafft – wie konnte man in Paris, Madrid, München und Brüssel überhaupt etwas über ihn wissen? Ihre Antwort: über das neue Medium der Druckgraphik, das Europa damals revolutionierte. „Man muss sich das wirklich vorstellen wie heute mit dem Internet“, erklärt der Kurator Georg Satzinger. „Schon nach 20, 30 Jahren konnte man sich nicht mehr vorstellen, wie es vorher gewesen war, bevor es das gab.“

Drucke machten Michelangelos in ganz Europa bekannt

Drucke verbreiteten das Wissen über Michelangelos Werk in ganz Europa. Es gab sie in eineinhalb Meter hohen Luxus-Ausführungen und im DIN-A3-Format. Die meisten waren sehr detailliert, denn man liebte es, die Feinheiten zu studieren. Anders als heute wurde man in der frühen Neuzeit noch nicht den ganzen Tag mit Bildern berieselt. Eine Abbildung war noch etwas Besonderes. Viele Menschen müssen darum einen anderen Blick für Kunst gehabt haben als heute – sie waren geübter darin, genau hinzuschauen.

„Man definierte sich unheimlich stark über Kunst“, erzählt Satzinger. Die Diplomaten in Rom berichteten nicht nur über politische oder kirchliche Vorgänge an ihre Regierungen, sondern ebenso über die neuesten Kunstaufträge des Papstes. „Die Künstler waren zudem sehr mobil, sind viel gereist und haben sich gegenseitig sehr viel erzählt.“

Warum sich der Museumsbesuch lohnt

Die Ausstellung dokumentiert dies alles in über 200 Bildern und Skulpturen, die ganz überwiegend nicht von Michelangelo sind, sondern seinen Einfluss spiegeln. Da sieht der Besucher dann zum Beispiel die riesige Kopie einer Figur aus Michelangelos Deckenmalereien in der Sixtinischen Kapelle – und daneben einen „Jungen Johannes“ von Caravaggio (1571-1610).

Man erkennt sofort, wie stark sich Caravaggio an der Figur Michelangelos orientiert hat – aber dann doch etwas ganz Neues schuf. Sein „Johannes“ wirkt so ungeheuer plastisch, so lebensecht, das man geradezu meint, ihn greifen und seine Körperwärme spüren zu können. Allein für dieses Bild – normalerweise in den Kapitolinischen Museen in Rom – lohnt die Anfahrt nach Bonn.

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