Leben Neue Vorschrift: Müssen Paternoster stillgelegt werden?

Mehrere Hundert Paternoster drehen geschätzt in deutschen Firmen und Behörden ihre Runden.

Mehrere Hundert Paternoster drehen geschätzt in deutschen Firmen und Behörden ihre Runden. © Andreas Dantz via Flickr, lizensiert unter CC BY 2.0

Paternoster sind urig – und vielerorts ein Besuchermagnet. Eine neue Vorschrift könnte die Retro-Umlaufaufzüge von Montag an zum Stillstand zwingen. Doch gegen die Pläne der Bundesregierung ist Widerstand entbrannt. Mit Erfolg?

Staunende Touristengruppen fotografieren sich in den Kabinen, kichernde Schüler fahren in der Mittagspause im Kreis: Die drei Paternoster-Aufzüge ziehen viele Gäste ins Stuttgarter Rathaus. Aber wie lange noch? Wegen einer novellierten Verordnung der Bundesregierung drohen drastische Einschränkungen oder gar ein Stillstand der Retro-Umlaufaufzüge. Von Montag an sollen aus Sicherheitsgründen nur noch eingewiesene Mitarbeiter mit den altertümlichen Anlagen fahren dürfen. Öffentlicher Zugang wäre verboten. Eine Regelung, die praktisch in vielen Behörden und Unternehmen kaum umsetzbar ist.

Gegen die Pläne ist zuletzt jedoch Widerstand entbrannt. In München protestierten Anfang der Woche der Paternoster-Verein und die SPD-Stadtratsfraktion. Doch die Betriebssicherheitsverordnung ist eindeutig: „Der Arbeitgeber hat dafür zu sorgen, dass Personenumlaufaufzüge nur von durch ihn eingewiesenen Beschäftigten verwendet werden.“ Laut Arbeitsministerium bedeutet das klar: kein öffentlicher Betrieb.

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Für die politischen Gegner von Andrea Nahles ist das ein gefundenes Fressen – werfen sie der SPD-Ministerin doch schon länger Bürokratiewahnsinn vor. Im Nahles-Ressort weist man deshalb vorsorglich darauf hin, dass die Arbeitsschutzbehörden der Länder selbst die Einschränkung gefordert hatten – aus Sicherheitsgründen.

Nicht ohne Risiko

So klemmte sich etwa in Frankfurt/Main eine Frau im Jahr 2013 die Beine ein, in Oberhausen drückte eine Kabine 2009 einen kleinen Jungen in den Schacht, weil er sich in Panik an der Fußbodenkante festhielt. In Mainz wurde ein Paternoster in der Stadtverwaltung stillgelegt, weil ein Mitarbeiter nach dem Blutspenden zusammensackte und mit dem Kopf eingeklemmt wurde – er trug schwerste Verletzungen davon. Auch wenige Todesfälle gab es in der Vergangenheit.

Dennoch sind schwere Unfälle selten, was wohl auch an der geringen Zahl der verbliebenen Paternoster liegt. Deutschlandweit kam man vor zwei Jahrzehnten auf rund 500. Wie viele davon heute noch laufen, ist nicht klar. Eine private Webseite zählt rund 230, auch das Onlinelexikon Wikipedia kommt auf eine dreistellige Zahl.

In Stuttgart etwa gibt es drei der Anlagen in der Stadtverwaltung – und knapp 2000 Fahrgäste jeden Tag. In München läuft noch ein Paternoster im Städtischen Hochhaus. In Frankfurt/Main, Hamburg und Düsseldorf drehen die Holzkabinen ebenso ihre Runden wie im Auswärtigen Amt oder dem Haus des Rundfunks in Berlin.

Schon 1994 drohte den nostalgischen Umlaufaufzügen das Aus

1880 wurden die Aufzüge in England erfunden, 1885 fuhr der deutschlandweit erste in Hamburg. Fast ein Jahrhundert später verbot die damalige Bundesregierung allerdings ihren Neubau. 1994 sollten die noch laufenden Aufzüge endgültig stillgelegt werden, was zum Aufschrei unter Nostalgikern und zur Gründung des „Vereins zur Rettung der letzten Paternoster“ führte. Der Bundesrat lehnte schließlich die Aufzugsverordnung der Bundesregierung ab – denn die hätte ihnen nur eine zehnjährige Galgenfrist gewährt.

„Wenn die vorgeschriebenen Wartungen und Prüfungen durchgeführt werden, laufen die Anlagen in der Regel sehr zuverlässig. Technische Störungen als Unfallursache sind die Ausnahme“, sagt Thomas Oberst vom TÜV Süd. Unfälle seien meist auf menschliche Fehler zurückzuführen, etwa Stolpern beim Einstieg oder „unsachgemäßes Verhalten“ in der Kabine.

In München müsse der Betrieb nun zunächst eingestellt werden, teilte die Stadt mit. Auch aus dem Stuttgarter Rathaus heißt es: „Wir wollen kein Gesetz beugen.“ Doch manche Paternosterfreunde meinen schon mit einem Augenzwinkern: Ein Schild, das Besuchern den Zutritt verwehrt, könnte ausreichen – und wer die Einhaltung dann kontrolliert, bleibe dahingestellt. Aus dem Bundesarbeitsministerium heißt es: „Die Länder sind zuständig für die Umsetzung und können von der Verordnung künftig abweichen.“

Nahles rudert nach Protestwelle zurück

Wie Arbeitgeber die Mitarbeiter in die Paternosterbenutzung einweisen sollen, stehe ihnen grundsätzlich offen, erläuterte das Ministerium am Donnerstag. Sie müssten den Beschäftigten jedoch eine schriftliche Betriebsanweisung zur Verfügung stellen.

Für Paternoster-Liebhaber besteht nach der Protestwelle aber Hoffnung: Durch eine weitere Novelle der Betriebssicherheitsverordnung sollen Ausnahmen von der Einschränkung möglich werden, kündigte das Nahles-Ressort an. Wenn dies mit der Sicherheit der Benutzer vereinbar sei, sollten die zuständigen Arbeitsschutzbehörden der Länder ermächtigt werden, die Paternoster-Benutzung auch anderen Personen als Beschäftigten zu gestatten. Diese Novelle soll das Bundeskabinett voraussichtlich im Herbst passieren.

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