Leben Pekings Smog: Leben mit Luftfilter und Maske

Sogar die chinesischen Behörden sehen das Smogproblem mittlerweile als apokalyptischen Zuständ.

Sogar die chinesischen Behörden sehen das Smogproblem mittlerweile als apokalyptischen Zuständ.© Safia Osman/Flickr/CC BY-NC-ND 2.0

Smog gehört in Chinas Hauptstadt zum Alltag. Außer der US-Präsident kommt, und Peking verwandelt sich mit Notprogrammen in einen Luftkurort. Ein Einblick ins Leben in der Hochburg des Feinstaubs.

Das Flugzeug steht bereits auf dem Rollfeld von Pekings Flughafen. Jeden Moment soll es in Richtung Südchina abheben. Aber dann kommt eine Durchsage des Piloten: „Der Tower hat uns gerade informiert, dass wir wegen des dichten Smogs aus Sicherheitsgründen nicht abheben dürfen.“ Es geht ein Raunen durch die Reihen von Passagieren an Bord.

Aber dann geht die Ansage noch weiter: „Die Luftverschmutzung ist so schlimm, dass wir vorerst nicht mal zum Flughafengebäude zurückrollen dürfen“, fügt der Pilot hinzu. Der Smog schränke die Sicht auf wenige Dutzend Meter ein. Da könne die Maschine auf den Weg zurück mit anderen Flugzeugen zusammenprallen.

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Der Pekinger Nebel

Nur schemenhaft lässt sich aus dem Fenster das Flughafengebäude mit seinen grellen Scheinwerfern erahnen. Alles andere verschwindet in dem grau-braunen Gemisch aus Feinstaub und anderen Stoffen. Die Belastung mit dem besonders gefährlichen Feinstaub, der kleiner als 2,5 Mikrometer (PM 2,5) ist, liegt zwischenzeitig beim 17-fachen des empfohlenen Grenzwerts der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Es vergeht eine halbe Stunde, bis das Flugzeug langsam zurückrollen darf und wir aussteigen können.

PM 2,5 – der sperrige Begriff ist zu einem festen Bestandteil im Alltagsvokabular in Peking geworden. Seit Premier Li Keqiang den Wert in seiner Ansprache vor den rund 3000 Delegierten des Volkskongresses erwähnte, mussten plötzlich Provinzpolitiker im ganzen Land die Luftwerte in ihrer Region studieren. Als ich vor sieben Jahren in Peking zur Universität ging, war die Luft auch nicht gut, aber unsere Professoren redeten uns ein, dies sei der normale Pekinger Nebel.

Aktuelle Luftwerte auf dem Smartphone verfolgen

Seit knapp zwei Jahren bin ich als Journalist zurück in Peking. Heute leugnet niemand mehr das Smogproblem. Ganz im Gegenteil: Anfang des Jahres 2013 schrieben sogar Chinas Staatsmedien von apokalyptischen Zuständen.

Nach Messungen der US-Botschaft in Peking erreichte die Feinstaubkonzentration (PM 2,5) damals den historischen Rekordwert von 886 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die WHO hält nur eine Belastung von bis zu 25 Mikrogramm Feinstaubbelastung pro Kubikmeter Luft für unbedenklich.

Viele meiner chinesischen Freunde verfolgen die aktuellen Luftwerte ununterbrochen auf ihren Smartphones. Eine Nachricht warnt sie, sobald die Feinstaubbelastung einen kritischen Grenzwert überschreitet, und sie besser ihre Atemmaske aufsetzen sollten. Ich bekomme die Nachrichten auch. Meine Maske habe ich fast immer dabei – für alle Fälle.

In Deutschland habe ich mir fast nie Gedanken über die Qualität der Luft gemacht. „An der frischen Luft“ – Das war für mich immer ein Symbol für etwas Gesunden, etwas Gutes. Das ist heute anders. Legt sich wieder der grau-braune Smogschleier über Peking, ist jeder Gang nach draußen unangenehm. Die Luft riecht verbraucht, manchmal sogar verbrannt. Auf einmal werden das Büro und die Wohnung zum geschützten Raum.

Luftreiniger und Atemmaske gehören zum Alltag

Ich hätte mir vor der Zeit in China niemals vorstellen können, voller Begeisterung vor einem Luftfilter zu stehen. Heute gehören die Gespräche über die besten Geräte und raffiniertesten Filter zu normalen Themen auf Partys in Peking. Stolz erzählen Freunde von neu gekauften Luftreinigern.

Trotzdem lässt sich der Situation auch Positives abgewinnen: Noch nie wusste ich sonnige Tage mit blauem Himmel so sehr zu schätzen wie heute. Pünktlich zum Besuch von US-Präsident Barack Obama wehte fast nur noch saubere Herbstluft über Pekings Straßen. Die gute Luft hatte sich Chinas Führung mit Fahrverboten und Produktionsstopps für Fabriken verkauft. Aber Obama ist wieder weg.

Wenn wieder Wind aus dem Norden kommt, wird Peking schlagartig zum Luftkurort. Der Smog wird einfach weggeblasen. Solche Tage gibt es immer wieder. Ich genieße jeden einzelnen. Und an schlechten Tagen bleibt mir immer noch der Luftfilter. Ohne das monotone Brummen kann ich mittlerweile sowieso kaum noch einschlafen.

Die Großstädte im Nebel:
Smog raubt an vielen Tagen im Jahr den Menschen in Chinas Metropolen den Atem. Im vergangenen Jahr hielten nur 3 von 74 Großstädten in China den staatlichen Standard für gute Luft ein, wie Chinas Umweltschutzbehörde einräumen musste. Allerdings liegt selbst diese Behördenvorgabe mit einem Wert von 100 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft beim Vierfachen der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation. Die Regierung will zwar im großen Umfang besonders schädliche Fabriken stilllegen, aber Experten halten selbst das nicht für ausreichend.

In der Hauptstadt Peking leiden die Bürger fast jeden Tag an einer gefährlich hohen Konzentration von Feinstaub kleiner als 2,5 Mikrometer. Nach Zahlen der US-Botschaft seit April 2008 hatten die Bewohner in Peking in den vergangenen sechs Jahren nur 25 gute Tage nach US-Gesundheitsmaßstäben. Die extreme Schadstoffbelastung mache die chinesische Hauptstadt „fast unbewohnbar für menschliche Wesen“, wurde in einer Studie der Akademie der Sozialwissenschaften in Shanghai jüngst festgestellt.

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