Leben Pop Art: Ertrinken im Massenkonsum

Der deutsche Pop-Art-Künstler Werner Berges schuf "Die Beiden" im Jahr 1967.

Der deutsche Pop-Art-Künstler Werner Berges schuf "Die Beiden" im Jahr 1967. © Schirn Kunsthalle Frankfurt

Die US-amerikanische Pop Art ist weltberühmt. Doch in Deutschland gab es die Künstlerbewegung auch. Einen Überblick bietet nun die Schirn Kunsthalle in Frankfurt.

Der deutschen Pop Art widmet die Schirn Kunsthalle in Frankfurt eine große Überblicksausstellung. Zu sehen sind unter dem Titel „German Pop“ rund 150 Arbeiten von 34 Künstlern.

Gezeigt werden soll dabei vor allem, wie politisch die Stilrichtung war. „Die Generation Pop der 1960er- bis frühen 1970er-Jahre zielte direkt auf die Befindlichkeiten der sich massiv formierenden Konsumgesellschaft in der damals noch jungen Bundesrepublik. Der Pop brachte die alten Werte ins Wanken und kämpfte mit den neuen“, sagte Kuratorin Martina Weinhart am Mittwoch in Frankfurt.

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Die Ausstellung ist von diesem Donnerstag bis zum 8. Februar zu sehen. „Pop Art ist nicht nur ein einzigartiges Kapitel der Kunstgeschichte. Insbesondere „German Pop“ kennzeichnet einen subversiven Wandel in der Gesellschaft, der bis heute in unserem Alltag, aber auch in der Kunst bemerkbar ist“, sagte Schirn-Direktor Max Hollein.

Deutsche Pop Art zeigt Banalitäten des Alltagslebens

Der Fokus der Werkschau liegt auf den Zentren der Bewegung Düsseldorf, Berlin, München und Frankfurt. Am Main waren Thomas Bayrle und Peter Roehr die prägenden Vertreter. Kennzeichnend für beide ist laut Schirn „das Ornament der Masse und die seriellen Anordnung in kompositorischer Strenge“ – auch wenn es sich um Shampoo, Kaffeepackungen oder Haushaltsgeräte handelt.

Neben ihren Werken werden Arbeiten unter anderem von Sigmar Polke, Gerhard Richter, Konrad Klapheck und KP Brehmer präsentiert. „In der Ausstellung sind beeindruckende und überraschende Arbeiten zu sehen, die teils seit Jahrzehnten nicht mehr ausgestellt wurden oder sogar noch nie öffentlich zugänglich waren“, teilte die Schirn mit. Viele der Exponate stammen aus privaten Nachlässen und Sammlungen. Außerdem sei es die erste Ausstellung über deutsche Pop Art, „ein bisher kaum beachtetes kunsthistorisches Phänomen“.

Im Gegensatz zu den US-Kollegen „mit ihrem oft plakativen und glamourösen Vokabular“ setzten sich die deutschen Künstler eher „mit den weniger grandiosen Banalitäten des deutschen Alltagslebens auseinander“, berichtete Kuratorin Weinhart. „Sie ironisieren  die kleinbürgerlichen Geschmacksideale und die beklemmende und trügerische Gemütlichkeit der 1960er Jahre.“

Der Frankfurter Maler und Grafiker Thomas Bayrle gestaltete die Ajax-Flasche im Jahr 1966.

Der Frankfurter Maler und Grafiker Thomas Bayrle gestaltete die Ajax-Flasche im Jahr 1966.© Schirn Kunsthalle Frankfurt

Interview mit dem Frankfurter Maler und Kunstprofessor Thomas Bayrle:

Herr Bayrle, Sie gelten als einer der wichtigsten Protagonisten der deutschen Pop Art. Wenn Sie sich erinnern: Wie war die Situation damals?

Bayrle: Es war ein Moment, in dem zum ersten Mal nach dem Krieg verschiedene Dinge zusammengefallen sind: Massenkonsum, Massenproduktion, Massenkommunikation. Werbeagenturen haben die ästhetische Realität als Groteske abgebildet. Pop Art war ein Lebensgefühl, das das Groteske in unserem Land besonders herausgearbeitet hat. Ein reaktionäres Nachkriegsgefühl, bei dem einfach noch etwas unheimlich Enges und Biederes in der ganzen Sauberkeitsrealität steckte. So wie im Dritten Reich versucht wurde, alles ethnisch zu reinigen, wurde der Sauberkeitswahn nun aufs materielle Putzen übertragen. Das war etwas sehr Deutsches.

Wo ordnen Sie denn heute – mit der zeitlichen Distanz fast eines halben Jahrhunderts – diese Kunstrichtung ein? Spielerei oder wichtiger Schritt in der Kunstgeschichte?

Bayrle: Auf jeden Fall ein wichtiger Schritt in der Kunstgeschichte, weil die Kunst inhaltlich auf eine gesellschaftliche Situation reagiert hat. Auch die Mittel und Produktionsmethoden haben sich im selben Moment geändert und so die gesamte Kunstästhetik verändert.

Brauchte das Deutschland der 1960er Jahre denn diesen Spiegel?

Bayrle: Es war schon eine politische Dimension da – obwohl sie erst ’68 erst richtig ausgebrochen ist. Es war aber auch eine pure Freude da. Der Konsum, der zum ersten Mal übergelaufen ist. Man ist zum ersten Mal in der Massenproduktion fast ertrunken. Die Pop Art ist einfach eine Reaktion darauf gewesen. Und zugleich eine Art Erleichterung, dass man in diesem Wahnsinn aber auch schwimmen kann.

Frankfurt war eines der Zentren dieser Stilrichtung – wieso?

Bayrle: Hier in Frankfurt war die Situation, dass Tausende von Amerikanern hier waren. Man hatte daher das amerikanische Lebensgefühl hier und weniger ein schlechtes Gewissen. Man hat einfach auf die Glückstaste gedrückt. Wie es auch die Amerikaner gemacht haben.

War die Pop Art damit letztlich die Initialzündung für die Überwindung sämtlicher Kulturschranken, die Keimzelle eines „anything goes“?

Bayrle: Das ist richtig. Sie war eine Überwindung vieler hergebrachter Techniken und ein Begrüßen der neuen Produktionsmethoden. Aber kein „anything goes“. Denn jeder Künstler, der etwas macht, weiß, dass eben nicht alles geht. Aber es war eine Leichtigkeit da und die Freiheit, Sachen zu probieren, die bis dahin vielleicht nicht probiert worden sind – aber mit aller Verantwortung. Die gesamte Kunst war im positiven Sinne total aufgeregt und hat in dieser Zeit konzeptmäßig total neue Schritte gemacht – und diese kamen natürlich meist aus Amerika.

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