Leben Sagenhaft weich und entspannend: Warum Unternehmer Alpaka-Züchter werden

Bauunternehmer Thomas Türke mit seinem Alpaka-Hengst Hennessy

Bauunternehmer Thomas Türke mit seinem Alpaka-Hengst Hennessy© Gregor Schläger für impulse

Sie sind friedlich, einfach zu halten - und vor allem wahnsinnig süß. In Deutschland greift das Alpaka-Fieber um sich. Wieso es auch den Unternehmer Thomas Türke gepackt hat.

Am Schluss fängt sich Jasmin eine Verwarnung ein. Morgens hatte Thomas Türke auf die oft gestellte Frage, ob Alpakas spucken, noch ­geantwortet: „Schon, aber jeder Bundesliga­spieler spuckt mehr.“ Nach zwei Stunden ­Fotoshooting, Fremden im Stall und viel Hin-und-Her-Gescheuche ist die größte Stute der Herde dann aber doch genervt. Sie biegt ihren langen Hals nach hinten, holt tief Luft – und spuckt haarscharf an Türkes Kopf vorbei. „Kommt von Herzen“, kommentiert er trocken. Der Fleck auf dem ­Boden ist gelblich-grün, stückig und riecht leicht vergoren.

Schnell macht die Alpaka-­Dame ihren Ausrutscher jedoch wieder vergessen. Es ist schwer, ihrem Charme zu widerstehen: Argloser Blick aus großen Knopfaugen, Wuschelfrisur, flauschiges Fell – Jasmin und die vier anderen Tiere der Herde sehen wie zu groß geratene Stofftiere aus. Das Schönste aber sind die Geräusche, die sie von sich geben: Zur Verständigung untereinander summen die Alpakas leise. Es klingt wie ein ­fragendes, schüchternes „Hm?“.

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Sagenhaft weich

Kein Wunder, dass sich hierzulande immer mehr Hobbyhalter in die höckerlosen Mini­kamele verlieben. Ursprünglich stammen sie aus Lateinamerika – Peru, Chile und Bolivien. Diese Länder haben lange Zeit die Ausfuhr der Tiere blockiert, da Alpakas nicht nur drollig aussehen, sondern sich mit ihrer Wolle viel Geld verdienen lässt. Das Fell der Tiere – oder vielmehr: ihr Vlies, wie es im Fachjargon heißt – wird zum Beispiel zu Bettdecken verarbeitet. Ihre Wolle wird zudem in der Modebranche als Luxusfaser gehandelt, da sie sagenhaft weich ist, ähnlich wie Kaschmir.

In den 80er-Jahren kamen die ersten Alpakas in die Vereinigten Staaten und nach Kanada, in Deutschland grasen die Minikamele erst seit 10, 15 Jahren. Der Alpaka Zucht Verband zählt 580 Mitglieder und schätzt, dass heute rund 20.000 Tiere hierzulande leben. Für die meisten Besitzer ist die Zucht ein Hobby.

Auf ein Bier mit dem Tier

So wie für Unternehmer Thomas Türke und seine Frau Sandra. Der 49-Jährige betreibt eine Straßenbaufirma in Bremen mit knapp 80 Mitarbeitern, sie unterrichtet Reiten. Der Pferde wegen zog die Familie vor ein paar Jahren auf einen Hof in Stuhr, knapp 20 Autominuten südwestlich der Hansestadt. Eine beschau­liche Gegend: Backsteinhäuser, Windräder und Wiesen. Direkt hinter dem Wohnzimmer liegt der Pferdestall, dahinter erstrecken sich eine matschige Winterkoppel, der Stall und die Weiden der Alpakas. Die Südamerikaner sind unkompliziert, sie kommen im Flachland wie in den Bergen zurecht und frieren auch im ­kältesten Winter nicht.

Morgens kümmert sich Sandra Türke, 44, um die Tiere. „Manchmal, wenn ich mir um halb acht meine dreckigen Klamotten anziehe und nach draußen gehe, denke ich: Andere machen sich jetzt eine Föhnfrisur und fahren ins Büro“, sagt sie und lacht. So ein Leben könne sie sich nicht vorstellen.

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Wer Alpakas hält, muss sich jeden Tag mit ­ihnen beschäftigen. Ihr Mann flickt nach Feierabend Zäune, schafft Heuballen mit dem Traktor heran oder mistet den Stall aus. Wenn nicht gerade die jüngste Tochter dran ist, weil sie sich das als Strafaufgabe eingehandelt hat. „Es gibt für mich aber nichts Schöneres“, sagt ­Thomas Türke, „als abends, wenn ich aus dem Büro komme, rauszugehen und eine Arbeit zu ­machen, bei der ich nicht nachdenken muss.“

Im Betrieb sitzt er meist am Schreibtisch, dann fehlt ihm frische Luft und Bewegung. Die Tiere sind Auszeit und zugleich Quelle neuer Energie. Manchmal, erzählt Türke, nimmt er sich auch ein Bier mit, klappt seinen alten Angelhocker im Stall auf und schaut den Alpakas einfach nur eine halbe Stunde beim Wiederkäuen zu.

Ein Freund brachte die Türkes vor zwei Jahren zur Alpakazucht. Er berichtete begeistert von seiner eigenen Herde – den freundlichen Tieren und dem Spaß bei der Verarbeitung ­ihrer Wolle. „Wir mussten erst einmal googeln, was Alpakas sind“, erzählt Thomas Türke. Die Fotos faszinierten ihn und seine Frau. Sie besuchten daraufhin einen Kurs zur richtigen Aufzucht und lernten: ein kleines Ställchen reicht nicht. Alpakas sind Herdentiere, eine Handvoll Minikamele müssen es für den Anfang schon sein, später mehr. Und das Hobby kostet. Eine Jungstute ist in Deutschland für 5000 bis 6000 Euro zu haben. Für einen Hengst werden 10.000 bis 15.000 Euro fällig – diese Investition kann ein männliches Tier allerdings mit 10 bis 20 Einsätzen als Deckhengst selbst wieder einspielen.

Welche Tiefschläge die Hobbyzüchter verkraften mussten

Gleich im ersten Jahr mit den Tieren müssen die Hobbyzüchter zwei Tiefschläge verkraften: Anfang 2012 kaufen sie vier vermeintlich trächtige Stuten und einen Hengst, schließlich träumen sie von einer großen Herde mit 20 Tieren. Im Lauf der Monate stellt sich aber heraus, dass doch nur zwei der Tiere schwanger sind. Unter dem dicken Fell sind die Babybäuche kaum zu erkennen.

Elf Monate sind Alpakas schwanger. Als die erste Stute niederkommt, gibt es Komplikationen bei der Geburt, zwei Tierärzte geben sich alle Mühe, Sandra Türke selbst kämpft stundenlang an ihrer Seite – aber das Baby ist nicht zu retten. Wenige Tage später bringt die zweite Stute ein schwer missgebildetes Fohlen zur Welt, das nicht lebensfähig ist und sofort nach der Geburt eingeschläfert werden muss. „Das war schon sehr hart. Wir hatten uns auf vier Fohlen gefreut, und dann hatten wir gar keins“, erzählt Thomas Türke. „Natürlich haben wir uns Gedanken gemacht: Lag es an uns, waren das Anfängerfehler?“ Aber sowohl die Ärzte als auch erfahrene Züchter beruhigen ihn: Die Fehlgeburten seien seltene Unglücksfälle. Die Türkes hätten bei der Zucht alles richtig gemacht.

Das erste Mal Scheren verläuft dagegen reibungslos. Die Türkes buchen während der Saison von Mai bis Juni einen Profi, da das wertvolle Vlies schonend und in möglichst großen Stücken geschoren werden muss. Unter dem dichten Pelz ist kaum zu sehen, wohin man schneidet – zudem zappeln die Tiere und wehren sich. Denn obgleich ihr weiches Fell vermeintlich zum Kuscheln einlädt, hassen es ­Alpakas, angefasst zu werden. Selbst untereinander halten sie immer ein bisschen Abstand.

Jedes Tier liefert 3,5 Kilo Fell – damit lässt sich viel Geld verdienen

Jedes Tier liefert rund 3,5 Kilo Vlies, 1,5 Kilogramm davon gelten als erste Wahl, der Rest kommt in Bettdecken. Aus der ersten Wahl wird in einer Spinnerei Wolle. Aktuell beläuft sich der Preis für 100 Gramm auf 10 bis 12 Euro. „Pferde kosten einfach nur“, sagt Thomas Türke verschmitzt und blickt zu seiner Frau. Ihm seien die Alpakas eindeutig lieber, sie seien klüger und brächten eben auch Geld ein. Das Scheren und Verarbeiten der Wolle gehört für ihn zur Zucht wie das Honigsammeln zum Imkern.

Allerdings haben die Türkes ihre ersten Knäuele eigener Wolle nicht verkauft, sondern der Oma, die im Haus nebenan wohnt, gegeben. Die hat 17 Mützen und ein paar Schals gestrickt, für Freunde und Verwandte. Die ersten Mitschüler wollten ihrer Tochter schon eine Mütze abkaufen. Wenn die Herde größer ist, wolle die Familie mit ihren Produkten einen kleinen Weihnachtsmarktstand eröffnen, sagt Thomas Türke: „Die Nachbarn verkaufen im Winter Weihnachtsbäume und wir dann eben Mützen und Schals.“

Vor einem halben Jahr haben sie ihre vier ­Alpakastuten von Hennesey, dem Hengst der Herde, decken lassen. Gut möglich, dass alle vier schwanger sind. Sandra und Thomas Türke fiebern dem Frühling entgegen – und ihrem ersten eigenen Alpaka-Nachwuchs.

 

cover0114Aus der impulse 03/2014

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2 Kommentare
  • Ge Fri 21. Januar 2015 15:04

    ich auch, habe selbst mehrere und auch einen Super Profi Scherer der min. 6 mm Haar stehen läßt und nicht wie ein Schaf blank schert, bei Bedarf können Sie mich gerne kontaktieren

    G.Fritsch

  • Ida Tü 7. April 2014 17:36

    Ich liebe Alpakas!!!

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