Leben Suche nach Berliner Mauer: Zwischen Imbiss und Komposthaufen

Stück der East Side Gallery in Berlin

Stück der East Side Gallery in Berlin© Riccardo Cecchi/Flickr/CC BY-SA 2.0

Millionen Touristen kommen jedes Jahr nach Berlin. Viele von ihnen wollen Spuren der einst geteilten Stadt sehen. Doch wo finden Besucher 25 Jahre nach dem Mauerfall noch Reste der Mauer? Ein Überblick.

Mauer zum Anfassen, Geschichte mit etwas Grusel oder würdige Erinnerungsstätte? Die Erwartungen von Berlin-Besuchern sind so verschieden wie ihre Herkunftsorte. Eine Suche nach dem einst 155 Kilometer langen Grenzwall im Dickicht der Stadt.

East Side Gallery

Die berühmte Open-Air-Galerie auf der einstigen Hinterlandmauer ist mit 1,3 Kilometern das längste noch erhaltene Stück Berliner Mauer. Mit ihren bunten Bildern, nach dem Mauerfall von Künstlern aus aller Welt gemalt, zieht sie schon früh am Morgen Menschen an. Gymnasiastin Lena Schulze aus Osnabrück sagt: „Ich bin fassungslos, wie in den Bildern rumgeschmiert wird. Ich-war-hier-Sprüche – das passt nicht.“

Currywurstbude, Schiffsanleger, Freiluft-Restaurant und ein Hochhaus-Neubau auf dem früheren Todesstreifen direkt an der Spree – die Mauer ist hier schon an sechs Stellen durchbrochen. Das 13 Stockwerke hohe Gebäude mit exklusiven Eigentumswohnungen soll nächstes Jahr fertig sein.

Monatelange Proteste dagegen brachten nichts. Ein Bauarbeiter sagt, es interessiere ihn nicht, auf historischem Boden zu arbeiten. Die Aufregung um das Loch in der Mauer für den Neubau versteht er nicht. „Wird doch später wieder zugemacht.“

Wachturm Schlesischer Busch

Der viereckige Betonklotz im Stadtteil Treptow steht unter Denkmalschutz, ist verschlossen und mit Graffiti besprüht. Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus vom 13. August 1961 wurde in dem Grenzturm eine Fotoausstellung gezeigt. Auf einer Gedenktafel steht, dass der 1963 errichtete Turm einst Kontrollstelle für weitere Beobachtungstürme mit DDR-Grenzsoldaten war.

Gedenkstätte Bernauer Straße

Schulklassen und Touristengruppen schieben sich durch die riesige Erinnerungslandschaft unter freiem Himmel. „Das ist eindrucksvoll – besonders die Metallpunkte im Boden, wo Flüchtlinge erschossen wurden“, sagt die 16-jährige Lea aus Berlin. Sie trägt auf einem Fragebogen Antworten zur Mauer ein – es ist ein Schulprojekt.

In der zentralen Berliner Gedenkstätte lässt das letzte Originalstück Mauer mit Tiefenstaffelung ahnen, wie stark die Grenze ausgebaut war. Stäbe aus rostigem Stahl symbolisieren den Mauerverlauf in der Straße, die als Symbol der deutschen Teilung galt. Nach dem Mauerbau war die Häuserfront im Osten, der Bürgersteig im Westen.

Entlang eines mehr als einen Kilometer langen Postenweges von DDR-Grenzsoldaten sehen Besucher freigelegte Fundamente, den Verlauf von Fluchttunneln oder das verbogene Kreuz der gesprengten Kirche auf dem früheren Todesstreifen. Mindestens 138 Menschen starben durch das DDR-Grenzregime. Das neu gestaltete Dokumentationszentrum der Gedenkstätte soll zum 25. Jahrestag des Mauerbaus am 9. November wiedereröffnet werden – mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

Günter-Litfin-Gedenkstätte

In dem einstigen Wachturm wird an den jungen Berliner Günter Litfin erinnert, der kurz nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 bei einem Fluchtversuch in den Westen erschossen wurde. Sein Bruder Jürgen Litfin erklärt Interessierten die einstige Todesgrenze. Der Turm am Spandauer Schifffahrtskanal ist umgeben von Neubauten. Auf der Granitplatte am Betonturm steht: „Wenn wir die Geschichte vergessen, holt sie uns ein.“

Parlament der Bäume

Am Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Bundestages hat Aktionskünstler Ben Wargin nach dem Mauerfall ein Stück des Grenzstreifens bepflanzt sowie Bilder und Texte installiert. Einige Segmente der hinteren Sperrmauer mussten wegen des Parlamentsbaus später versetzt werden. Eine Neu-Installation mit originalen Mauersegmenten ist auch im Gebäude zu sehen.

Draußen im „Parlament der Bäume“ gegen Mauer und Krieg ist niemand zu sehen, Eingänge sind verschlossen. Einige Namen von Opfern sind aber von weitem auf Steinplatten zu lesen. Die Reihe endet mit Chris Gueffroy und Winfried Freudenberg. Gueffroy war im Februar 1989 der letzte erschossene Flüchtling an der Berliner Mauer, Freudenberg stürzte wenige Wochen später bei seiner Flucht aus Ost-Berlin mit einem Heißluftballon ab, als er schon den Westen erreicht hatte.

Checkpoint Charlie

An dem einstigen Grenzkontrollpunkt für Diplomaten und Ausländer herrscht wie immer Gewusel. Spanisch, Italienisch, Englisch sind zu hören. Am Checkpoint wurde Geschichte geschrieben – hier standen sich nach dem Mauerbau amerikanische und sowjetische Panzer gegenüber.

Vor dem nachgebauten Wachhaus der amerikanischen Streitkräfte auf der Friedrichstraße posieren falsche Soldaten. Für ein Foto verlangen sie zwei Euro oder drei Dollar. Daneben steht das private Mauermuseum, das zu den meistbesuchten der Hauptstadt gehört. Den Pflasterstreifen, der auf der Straße den Mauerverlauf nachzeichnet, bemerken viele nicht.

Umgeben von großen Tafeln zur Geschichte der Teilung samt riesigen Fotos haben Imbisse wie Backbär oder Asia-Express geöffnet. Die Info-Wände wurden vom Senat unter freiem Himmel installiert, um dem Rummel an dem historischen Ort mehr Seriosität entgegenzusetzen. Doch ein Museum des Kalten Krieges, das seit Jahren im Gespräch ist, gibt es bislang nicht.

Am Martin-Gropius-Bau

An der Niederkirchner Straße sind auf rund 200 Metern Länge graue, löchrige Betonsegmente erhalten, aus denen rostige Metallarmierungen ragen. „Mauerspechte“ besorgten sich hier einst Erinnerungsstücke. Stadtführer machen mit ihren Gruppen halt und berichten über die wechselvolle Geschichte des Ortes, an dem auch in der Gedenkstätte Topographie des Terrors an die NS-Vergangenheit erinnert wird.

Wachturm am Potsdamer Platz

Markus Zimmermann erklärt den denkmalgeschützten „BT 6“. Das ist ein 8,50 Meter hoher Rundblick-Beobachtungsturm mit Schießscharten. Mit zwei Bekannten, die genauso geschichtsinteressiert seien, versuche er, den fast versteckt stehenden Turm, der dem Bezirk Mitte gehöre, für ein paar Stunden am Tag zu öffnen. „Berliner sind eher selten hier“, hat der 47-Jährige beobachtet. Er vermutet, dass viele Einheimische ihrer Erinnerungen wegen solche Orte meiden.

Da ein bisschen Mauer, da ein bisschen Wachturm – das vermittle keinen komplexen Eindruck, sagt Zimmermann. Er ist überzeugt: Hundert Meter Mauer komplett hätten am Stadtrand stehen bleiben sollen.

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