Leben „Todschick“: Teure Mode bedeutet nicht faire Produktion

Motiv auf dem Buchcover "Todschick" von Gisela Burckhardt.

Motiv auf dem Buchcover "Todschick" von Gisela Burckhardt.© Heyne Verlag

Vor genau zwei Jahren brannte in Bangladesch die Fabrik Tazreen aus, kurz danach stürzte Rana Plaza ein. Viele Verbraucher sind angesichts von Hunderten Toten nun unsicher und kaufen lieber Markenkleidung statt Billiglabel. Doch ist teurer immer besser?

Die wichtigste Erkenntnis des Sachbuches „Todschick“ gleich vorweg: Teure Markenkleidung und billige Label werden laut Autorin Gisela Burckhardt in Bangladesch oft in denselben Fabriken produziert. Ihre Liste der Missstände in der Textilindustrie des Billiglohnlandes ist dabei lang: Überstundenpflicht, keine Arbeitsverträge, üble Beschimpfungen, zu wenig Mutterschaftsurlaub und ein Gehalt, das nicht zum Leben reicht.

In ihrer großen Anklageschrift macht Burckhardt auch nicht davor Halt, Herstellern wie der deutschen Firma Hugo Boss eine Mitverantwortung für die „unmenschlichen Arbeitsbedingungen“ zuzuweisen. Denn diese seien für ihre Produktionskette verantwortlich. Laut Burckhardt steht das Unternehmen nicht nur für „großzügige, in Zitrusduft gehüllte Stores in bester Lage“, sondern auch für „eine stickige Fabrikhalle mit vergitterten Fenstern, in der Hunderte Näherinnen für einen Stundenlohn von 15 Eurocent arbeiten“.

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Das Unternehmen aus dem schwäbischen Metzingen erklärte auf Anfrage, diese Vorwürfe seien falsch. Die Autorin sei auch nie auf Hugo Boss zugekommen, um ihre Behauptungen und Zahlen abzugleichen. Und tatsächlich ist Burckhardts Darstellung in „Todschick“ ziemlich einseitig, ihre Sprache darüber hinaus oft polemisch. So schreibt sie etwa von „gewissenlose(r) Geschäftemacherei“, von einem „ausbeuterische(n) System“ und „Modekraken“.

Aus einer Fabrik: Billiglabel und Designermarken

Entstanden ist diese Sicht in jahrelanger Arbeit auf dem Gebiet. Burckhardt engagiert sich in der Kampagne für Saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign, CCC), die als verlässlicher Ansprechpartner in Sachen Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie gilt. Außerdem war die 63-Jährige nach Verlagsangaben viele Jahre in Nicaragua, Pakistan und Äthiopien, unter anderem für das Entwicklungsprogramm der UNO und für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit.

Um ihre persönlichen Erfahrungen, die sie bei Reisen in Bangladesch sammelte, zu untermauern, ließ Burckhardt eine Studie der bangladeschischen Nichtregierungsorganisation Research Initiative for Social Equity erstellen. Die Forscher untersuchten demnach zwölf Fabriken, wobei in fünf davon Billiglabel und Designermarken gleichermaßen produzieren ließen. In einer seien Arbeiterinnen immer wieder von Vorgesetzten gedemütigt worden, etwa als „Tochter eines Schweins“ – eine schlimme Beleidigung in dem muslimischen Land.

TÜV-Zertifikate in der Kritik

Auch vor den Kontrolleuren des TÜV Rheinland macht Burckhardt nicht Halt. Diese hätten zum Beispiel einen Prüfbericht für das Gebäude der Tazreen-Fabrik erstellt, in der vor genau zwei Jahren ein Feuer ausbrach, das mehr als 100 Arbeitern das Leben kostete. „Die Berichte wiesen sogar auf gravierende Mängel (blockierte Ausgänge und Treppen) hin, aber nichts geschah. Weder die Einkäufer noch die Prüffirmen unternahmen etwas. Niemand warnte vor den Gefahren“, schreibt sie.

Burckhardt fordert Prävention statt Reaktion

Auch habe der TÜV Rheinland eine der Fabriken des Rana-Plaza-Gebäudes überprüft, das im April vergangenen Jahres einstürzte und mehr als 1000 Menschen in den Tod riss. Das TÜV-Zertifikat habe zahlreichen Unternehmen als Rechtfertigung gedient, schreibt Burckhardt, in diesem Fall also zum Beispiel NKD, Adler Modemärkte oder Güldenpfennig, dem Lieferanten von Aldi und Lidl. Ein Sprecher von TÜV Rheinland erklärte, sein Unternehmen habe keine staatliche Überwachungsfunktion. „TÜV Rheinland vergibt in diesem Bereich kein Prüfzeichen.“

„Eigentlich“, sagte Burckhardt im dpa-Gespräch, „geht es mir aber gar nicht um den Einzelfall.“ Schließlich gebe es in Bangladesch etwa 5000 Fabriken, und in allen sollten die Menschen nicht ungefragt Überstunden leisten müssen, ohne freie Tage und Urlaub. „Ich will, dass die Konzerne nicht mehr nur reagieren, sondern vorbeugend das Leben für die Arbeiter verbessern.“

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