Leben Trotz technischem Fortschritt: Warum Stenografen im Bundestag unverzichtbar sind

Sitzen direkt vorm Rednerpult: die Stenografen des Deutschen Bundestages.

Sitzen direkt vorm Rednerpult: die Stenografen des Deutschen Bundestages.© Simone M. Neumann/Deutscher Bundestag

Seit 65 Jahren schreiben Stenografen alle Reden von Politikern im Bundestag mit. Seitdem gab es viel technischen Fortschritt. Trotzdem sind die Schreibkünstler unabdingbar. Ihre eigentliche Arbeit beginnt nämlich erst nach einer Plenarsitzung.

631 Abgeordnete sitzen im Bundestag, Bärbel Heising weiß zu jedem Gesicht den Namen. Es gehört zu ihrer Arbeit, es ist sogar die Voraussetzung. Heising begann vor 28 Jahren als Stenografin im Bundestag. Die Schreibkünstler müssen alles, was gesagt wird, mitschreiben und sichern. Wie Vokabeln lernen sie deshalb zu Beginn einer jeden Legislaturperiode die Namen der Abgeordneten. „Schließlich haben wir in unserem Haus eine sehr lebendige Debattenkultur“, sagt sie.

Jeden Einwurf, jeden Applaus, jedes Lachen müssen Heising und ihre knapp 30 Kollegen exakt zuordnen, an die richtige Stelle platzieren. Stenografen schreiben alles mit, was im Plenum gesprochen wird – seit der ersten Rede im Bundestag vor 65 Jahren. Damit auch wirklich nichts durchrutscht, arbeiten die Stenografen mit doppelter Absicherung: Von der Besuchertribüne im Bundestag aus links sitzt ein Stenograf, der nach fünf Minuten von einem Kollegen abgelöst wird. Der zweite Stenograf schreibt je für 30 Minuten mit. Er bekommt dadurch den größeren Gesamtzusammenhang mit.

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„Das System funktioniert wie eine Schweizer Präzisionsuhr“, sagt Heising. Keine Sekunde einer langwierigen Debatte dürfen die Stenografen verpassen. An einem Sitzungstag sind alle 16 Stenografen im Einsatz, dazu kommen acht Revisoren. Sie lesen die Protokolle gegen und korrigieren, wenn nötig. Zwei Schlussredakteure geben den Texten den finalen Schliff.

Zurückhaltung gehört zum Job

Die 53 Jahre alte Heising stenografiert alles, auch privat – bis auf ihre Einkaufsliste. „Sonst müsste ich ja selbst einkaufen gehen“, scherzt sie. Ansonsten ist Zurückhaltung angesagt. „Zu unserer Arbeit gehört, nicht groß aufzufallen“, sagt Heising. Das heißt: Anzug und Krawatte für Männer, Hosenanzug oder dezentes Kostüm für Frauen.

400 Silben pro Minute und mehr schaffen geübte Stenografen. Mit Füller, Kuli oder Bleistift kritzeln die Schreibkünstler ihre Notizen auf spezielles, sehr glattes Papier. Es gibt Zeichen für Konsonanten, typische Buchstabenfolgen oder oft genutzte Wörter. Großbuchstaben, Dehnungsbuchstaben und doppelte Buchstaben haben im Alphabet der Stenografie keinen Platz. Ein zusätzliches Mittel sind dicke und dünne Striche sowie Hoch- und Tiefstellungen, wird auf der Internetseite des Verbands der Parlamentsstenografen erklärt.

Die eigentliche geistige Arbeit beginnt dann aber im Büro. Hier wird das Stenogramm in ein Redeprotokoll in normaler Schrift umgeschrieben und redigiert. „Wir übersetzen den Text vom Gesprochenen ins Geschriebene und verfassen einen druckreifen Text“, erklärt Heising. Fundstellen von Gesetzestexten und Zitate müssen nachgeprüft und Versprecher korrigiert werden: Aus dem Halbsatz „die Arbeitslosen halbieren“ wird „die Zahl der Arbeitslosen halbieren“.

Dialekte sind mühsam

Außerdem achten sie auf einheitliche Schreibweisen und entwirren Wortgirlanden mit Punkten und Kommata. Mühe verursachen den Stenografen Dialekte. Vor Jahren musste sogar einmal die Bundestagspräsidentin in die Rede eines bayerischen Abgeordneten eingreifen, weil – vermutlich nicht nur die Stenografen – nichts mehr verstanden, berichtet Heising.

An manchen Tagen verlässt Heising ihr Büro nach dem finalen Gegenlesen, der Schlussredaktion, erst gegen zwei Uhr in der Nacht. Wenige Stunden danach finden die Abgeordneten das fertige Debattenprotokoll schon im Internet. Sie brauchen es für die Vorbereitung von Reden und Plenarsitzungen. Auch von jeder Sitzung in Untersuchungsausschüssen wird ein Stenoprotokoll angefertigt.

Langweilig werde die Arbeit nie, „immer neue Regierungen, ständig wechselnde Themen“. In dem guten Vierteljahrhundert im Bundestag hat Heising einiges erlebt. „Kürzlich haben wir die erste Rede stenografiert, die von einem Tablet abgelesen wurde“, sagt sie.

Angst, dass ihre Dienste irgendwann nicht mehr benötigt werden, hat Heising nicht. „Die geistige Durchdringung der Texte kann kein Computer ersetzen“, erklärt sie. In einer Debatte zum Euro-Rettungsschirm wurde von der Fraktion der Grünen kürzlich ein löchriger Regenschirm aufgespannt. „Das hätte keine Tonaufzeichnung und keine Spracherkennung festhalten können.“

1 Kommentar
  • Name Michael Keutner 5. Februar 2015 22:08

    Schön, daß auch einmal über diejenigen berichtet wird, die ihre Arbeit schätzen und gerne im Hintergund tätig sind. Ein sehr guter Bericht. Interessant wie immer geschrieben.
    Danke

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