Leben Verkaufsschlager Landtagstuhl: Nach 45 Minuten waren alle weg

Er hatte die beiden letzten Stühle aus dem Landtag in Hannover ergattert: Die Exemplare aus dem Jahr 1962 standen für je 100 Euro zum Verkauf.

Er hatte die beiden letzten Stühle aus dem Landtag in Hannover ergattert: Die Exemplare aus dem Jahr 1962 standen für je 100 Euro zum Verkauf. © dpa

Schröder saß drauf, Wulff und auch von der Leyen: Der niedersächsische Landtag hat seine 52 Jahre alten und durchgesessenen Lederstühle verkauft. Mancher Käufer wartete bereits um 5.30 Uhr vor dem Eingang, um einen davon zu ergattern.

Damit hat im ehrwürdigen Leineschloss in Hannover, dem Sitz des niedersächsischen Landtags, auch der größte Optimist nicht gerechnet: Gerade einmal 45 Minuten dauert es am Mittwoch, bis alle alten Stühle aus dem Plenarsaal verkauft sind. Für 100 Euro das Stück. „Ab halb sechs haben die ersten Käufer vor dem Portikus angestanden“, berichtet Landtagssprecher Kai Sommer.

Als um acht Uhr der Landtag zur ersten Verkaufsaktion seiner Geschichte aufmacht, hat sich bereits eine große Menschentraube vor dem Eingang gebildet. In den hinteren Reihen zählen die Wartenden immer wieder durch, ob sie überhaupt noch eine Chance auf wenigstens eine der Sitzgelegenheit haben – egal ob der Stuhl aus dem Jahr 1962 durchgesessen ist oder das Leder an den Lehnen durchgescheuert ist.

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„Die Stühle sind ja, so wie sie hier stehen, auch jeder für sich ein Stück Zeitgeschichte“, sagt der Landtagssprecher. Viele prominente Politiker hätten darauf gesessen, etwa Altkanzler Gerhard Schröder, der heutige Vizekanzler Sigmar Gabriel (beide SPD), Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), Ex-FDP-Chef Philipp Rösler und natürlich auch Ex-Bundespräsident Christian Wulff.

Käufer warten bereits um 5.30 Uhr vor dem Landtag

Frank Dismer aus Hannover war der Erste, der sich um 5.30 Uhr vor dem Landtag postierte. Er entscheidet sich zum Kauf von zwei Stühlen, gezahlt wird in bar. „Es ist toll, dass ich die Stühle jetzt habe“, freut sich Dismer, der es eilig hat, denn er muss zur Arbeit. „Sie sind komfortabel, man sitzt sehr gut darauf.“ Ihm gefalle aber auch der Stil, sie seien zwar keine echten Bauhausklassiker, sähen aber so ähnlich aus. Die Stühle will er an seinen Esstisch stellen.

„Welcher Politiker genau auf dem Stuhl gesessen hat, ist mir egal“, sagt Dietrich Matthis. Er will seine Ledersessel ins Wohnzimmer stellen. „Außerdem sind sie 52 Jahre alt, genau wie ich“, sagt er. „Wenn dieselben Stühle woanders verkauft worden wären, hätte mich das nicht interessiert.“

Auch unter den amtierenden Landtagsabgeordneten sind die Stühle sehr begehrt. Knapp 60 Politiker haben sich Stühle reserviert, natürlich auch für je 100 Euro. Alle Einnahmen sollen für einen guten Zweck gespendet werden. Unter den Käufern sind Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) und Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne). Rund 40 Stühle werden an interessierte Museen verteilt.

Kurz vor neun Uhr sind alle vergriffen

Mitten in dem Verkaufstrubel sitzt Maike Meyer auf drei Stühlen. „Es passen nur drei ins Auto, deshalb muss ich auf diese aufpassen, während mein Partner die anderen nach Hause bringt“, sagt sie. „Ich suche schon seit fünf Jahren gute Lederstühle, jetzt habe ich endlich welche und das zu einem guten Preis.“

Als um 8.45 Uhr mit Sebastian Beichel der letzte Käufer den Landtag betritt, stehen noch zwei Stühle zum Verkauf. „Toll, dass das noch geklappt hat“, freut er sich über seine historischen Stücke. Für alle anderen heißt es leider: Pech gehabt.

Währenddessen wird im Plenarsaal weiter gehämmert, gebohrt und demontiert. Das stolze Niedersachsenpferd wird mit Hammer und Meißel aus der Wand geschlagen. Die Arbeiten für die Sanierung sind seit Anfang der Woche in vollem Gange. Bis 2017 wird soll der Plenarsaal für 52,8 Millionen Euro umgebaut werden – neue Stühle inklusive.

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