• Weibliches Terrain

    Junge Winzerinnen erobern allmählich eine Männerdomäne. Sie wissen nicht nur ihre Weine, sondern auch sich selbst in Szene zu setzen.

    Grand Cru, sitz, komm her, Grand Cru!” Désirée Eser steht im gepflasterten Hof ihres Weinguts. Das Haus nebenan ist 350 Jahre alt, der Wein rankt quer über den Hof und spendet Schatten, es ist ein warmer Tag im Rheingau. Weshalb ruft sie ihren Hund eigentlich “Grand Cru”? “‘Großes Gewächs` hätten wir ihn nicht nennen können, das kann man nach zwei Gläsern Wein ja nicht mehr fehlerfrei aussprechen.” Eser lacht.

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    “Grand Cru”, also “Großes Gewächs”, ist die höchste Klassifikationsstufe für Wein. Führen dürfen sie ausschließlich Weine der 200 VDPWinzer, des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter.
    Das Weingut August Eser zählt zu dieser Eliteklasse. Dass der Chef dieses zehn Gene rationen alten Unternehmens eine Frau ist, irritiert offenbar. Erst neulich wurde die 33- Jährige bei einer Preisverleihung als “Herr Eser” auf die Bühne gebeten.

    Dabei nähern sich die Zeiten, in denen Weinanbau ein männlich dominiertes Terrain war, ihrem Ende. Zwar werden gerade einmal fünf Prozent der Betriebe von Frauen geführt, aber immer mehr junge und bestens ausgebildete Winzerinnen rücken nach. 2009 wurde erstmals eine Frau zum “Jungwinzer des Jahres” gewählt, die damals 25-jährige Franziska Schätzle. Ihr Nachfolger ist wieder eine Frau, die 26-jährige Ilonka Scheuring. An der Spitze des Deutschen Weininstituts steht, seit vier Jahren, Monika Reule. Weinkennern fallen auf Anhieb Namen von hervorragenden Weingütern ein, die von Frauen geführt werden: Carolin Spanier-Gillot etwa, Anette Closheim, Tina Pfaffmann oder Caroline Diel.

    “Sie haben früh die ganze Weinbergarbeit gemacht”

    Wird auch Zeit, finden die beiden Näkels, Meike und Dörte. Die Schwestern übernehmen bald das Gut ihres Vaters in Dernau an der Ahr, das Weingut Meyer-Näkel. “Frauen waren in Weingütern schon immer sehr präsent”, sagt Meike Näkel. “Sie haben früh die ganze Weinbergarbeit gemacht.” Neu sei einzig, dass die Frauen sich endlich als Unternehmerinnen verstehen. Und entsprechend handeln.

    Dass Frauen nun das letzte Wort haben wollen, hat mit ihrer Ausbildung zu tun. 30 Prozent der Studierenden, die an der Hochschule Rhein Main in Geisenheim Weinbau belegen, sind Frauen. Im Studiengang Internationale Weinwirtschaft, in dem überwiegend betriebswirtschaftliche Kenntnisse vermittelt werden, sind genauso viele Männer wie Frauen eingeschrieben. Damit hat sich die Zahl der Studentinnen in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt.

    Als Geisenheim-Professorin Monika Christmann vor 18 Jahren als Institutsleiterin anfing, “galt das manchem als Untergang des Abendlands”. Heute kann sie darüber lächeln. Es hat sich etwas geändert im Denken der Männer. “Früher hat ein Winzer ohne Sohn zugesehen, dass seine Tochter einen Winzer heiratet”, sagt Christmann. “Heute ist der Vater stolz, wenn seine Tochter den Betrieb übernimmt.”

    So wie Désirée Eser, das einzige Kind ihrer Eltern. Sie freue sich über jede weitere Frau an der Spitze eines Weinguts, sagt die Geisenheim- Absolventin. “Aber mir geht es vorrangig nicht um das Geschlecht des Inhabers, sondern um das Produkt Wein.” Deshalb hört Eser ungern, wenn ihr gesagt wird, ihr anderer, ihr neuer Blick auf das Weingut August Eser sei eben auch ein spezifisch weiblicher.

    Inhalt: ja. Marke: JA Désirée Eser sagt: Sie musste etwas tun. Da seit einem Vierteljahrhundert günstige Weine aus Südeuropa und Übersee den deutschen Markt überschwemmen, entscheidet nicht allein die Qualität des Rieslings über den Umsatz. Sondern auch Art und Weise der Präsentation. Deswegen hat Désirée Eser die Marke “August Eser” neu erfunden.

    “Ja, es ist weiblicher”

    Die Eltern haben nicht gleich verstanden, was ihre Tochter meinte, als sie von “Corporate Identity” sprach. Haben nicht eingesehen, warum das knallige Froschgrün wegsollte, ebenso wie die 70er-Jahre-Schrift. Im neuen Logo sind warme Lila-, Grau- und Brauntöne zu sehen, viel Weißraum und eine angenehm reduzierte, elegante Typografie. “Ja, es ist weiblicher”, sagt Eser. Sie blickt auf das Etikett und grinst.

    90 000 Flaschen produzieren die Esers in einem normalen Jahr, aber was ist schon normal. 2009 konnten drei von vier Reben verwendet werden, im Jahr darauf nicht einmal die Hälfte. Und dieses Jahr wird kaum besser werden. Wer da nur Durchschnittsware anbieten kann, bringt seinen Betrieb sofort in Schieflage. Gefahr droht ständig: Ein einziger Hagelschauer etwa kann die aufwendige Arbeit eines ganzen Jahres mit einem Schlag zerstören.

    Nicht nur das Wetter gilt es ständig zu beobachten, auch die Trends. Bleibt Riesling modern, schafft der Müller-Thurgau ein Comeback? Was ist in New York oder Paris angesagt, was empfehlen die Starköche? Die große weite Welt ist gleich um die Ecke. Eine Welt, mit der die Vorgängergeneration wenig zu tun hatte. Meist auch wenig zu tun haben wollte.

    Mittlerweile haben auch Mama Renée und Papa Joachim verstanden, was ihre Tochter antreibt. Es reicht nicht mehr, dreimal im Jahr eine Hausmesse anzubieten und Stammkunden pünktlich Prospekte mit Faxbestellvordrucken zuzuschicken. Damit kann man zwar die Stammkunden halten, aber die werden auch nicht jünger. Désirée Eser muss neue Zielgruppen für das Traditionsweingut gewinnen. Dazu muss sie deren Marktplatz kennen und ihre Sprache sprechen.

    Der Marktplatz der unter 50-Jährigen heißt Internet, die Sprache: Facebook. Also hat Eser die Homepage ihres Unternehmens renoviert: “viel zu textlastig”. Im Frühjahr hat sie einen Facebook-Account fürs Weingut eingerichtet. Dort postet sie Artikel über Wein und Veranstaltungen: Gleich beginnt die schwimmende Weinprobe mit Actionboot.de und unseren Ries lingen! Drückt die Daumen, dass das Wetter hält, wir fahren bis zur Loreley an den Weinbergen vorbei.” Der Erfolg hat sie überrascht, der Aufwand auch: “Man muss die ganzen Fragen ja beantworten.” Klappt das nicht sofort, entschuldigt sie sich: “Nun war ich einige Tage nicht auf Facebook – da merkt man wieder, dass ein Weingut kein Schreibtischjob ist.”

    “Désirée macht eigentlich zu viel.”

    Wahrlich nicht. Désirée Eser ist ständig unterwegs, bei Präsentationen, Weinmessen oder Treffen des Netzwerks Vinissima, in dem sich mehr als 300 deutsche Winzerinnen zusammengeschlossen haben. Mutter Renée sorgt sich angesichts des überfüllten Terminkalenders: “Désirée macht eigentlich zu viel.”

    Das sieht ihre Tochter anders. Sie weiß: Bei 25 000 Weingütern in Deutschland fällt es schwer, als Familienbetrieb mit zehn Hektar Fläche herauszustechen. Mögen die Produkte noch so gut sein. Also gibt sie dem Weingut ein Gesicht – ihr Gesicht – und lässt sich mit der Prominenz ablichten. “Ich halte das für wichtig”, sagt sie knapp. Sie lächelt beispielsweise mit Berlinale-Chef Dieter Kosslick oder Sterne- Koch Johann Lafer in die Kameras.

    Diskutieren mit Stuart Pigott

    Gut zu sein reicht eben nicht. Désirée Eser muss auch dafür sorgen, dass sich herumspricht, wie gut ihre Weine sind. Also muss sie präsent sein. Je mehr Öffentlichkeit, desto besser. Da gilt es, die Gunst der Stunde zu nutzen. Solange ambitionierte weibliche Jungwinzer noch als Ausnahme gelten, ist das öffentliche Interesse groß.

    Wenn etwa das ZDF eine Runde einlädt, um über Qualitätsweine zu diskutieren, sitzt neben dem Weinkritiker Stuart Pigott kein Mann, sondern Eva Vollmer. Die frühere Weinkönigin macht optisch was her, ist eloquent und kämpft kompromisslos für Qualität.

    Obwohl sie aus Ebersheim kommt. Das liegt südlich von Mainz und galt nicht als ernst zu nehmendes Weinanbauterrain. Bis die Redakteure des “Gault Millau” 2010 ausgerechnet hier auf die “Entdeckung des Jahres” stießen. “Die selbstbewusste Eva Vollmer verschafft der Landeshauptstadt neues Profil”, schwärmt der Gourmetguide, “mit reintönigen, konzentrierten Weinen aus Lagen, deren Potenzial noch gar nicht ganz ausgeschöpft wird.”

    Die selbstbewusste Eva Vollmer hat seitdem ordentlich zu tun. “Papa, kannst du mal, ich bin grad beschäftigt”, ruft sie ihrem Vater Ottmar zu – der nickt und schenkt die Probiergläser ein. Kunden aus Holland sind zu Besuch, die sind von der improvisierten Rustikalität im Weinkeller augenscheinlich überrascht.

    Als Weinkeller dient nämlich die Garage unter dem 70er-Jahre-Eigenheim ihrer Eltern. Es ist noch nicht lange her, da hat Ottmar Vollmer hier seine Oldtimer untergestellt. Jetzt stehen rechts und links Paletten mit Weinkartons, von oben knallt Neonlicht herab. Hinten links um die Ecke blitzen Edelstahltanks, gleich daneben findet sich die “Probierstube”, ausgelegt mit einem bordeauxroten Teppich und durch einen bläulich schimmernden Vorhang abgetrennt.

    Es ging alles zu schnell, um mit jahrhundertealtem Bruchstein oder dunklen Eichen fässern auf Tradition zu machen. Was ihre zehn Hektar an Trauben hergaben, haben die Vollmers früher abgeerntet und an die örtliche Winzergenossenschaft geliefert. Thema durch.

    Mehr als nur Trauben abliefern

    Eva Vollmer kam mit anderen Ambitionen aus Geisenheim zurück. Sie wollte selbst Wein machen.
    Ein Weingut gründen, “ohne Papa sein Portemonnaie” und ohne Bankkredit. Sie fuhr Zuckerrüben aus und ließ sich beim Frankfurter Flughafen zum Schneeräumen einteilen. Allein im vergangenen Winter musste sie 33-mal ran. “Da hat sich der Lkw-Führerschein bezahlt gemacht.” Sie sparte, sparte, sparte. Bis sie, gemeinsam mit ihrem Mann, 80 000 Euro zusammenhatte. Die Familie überließ ihr 2007 einige Weinberge, sodass sie zwölf Monate später 4000 Flaschen des ersten Jahrgangs abfüllen konnte.

    Die waren im Nu verkauft. Das überzeugte den Vater. Er überließ seiner Tochter prompt die übrigen Familienweinberge. Der Aufstieg des Weinguts Eva Vollmer konnte beginnen.
    Jetzt will die 29-Jährige aus dem Garagen- Start up ein richtiges Weingut machen. Der Neubau im Nachbardorf, in Gau-Bischofsheim, soll nächstes Jahr fertig werden.

    Eva Vollmer steigt in ihren Range Rover und rast über die Feldwege, nicht ins Nachbardorf, sondern in ihre Weinberge. Auf einem Hügel stellt sie das schlammbespritzte Auto ab, blickt hinab ins sanfte Tal und sagt: “Weinmachen ist eine Charaktersache – und keine Frage des Geschlechts.

    • Quelle: impulse
    • Copyright: impulse.de
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