Klimawandel Wein aus dem hohen Norden

Jedes Jahr erzeugen die zwölf Winzer des Hildesheimer Weinkonvents knapp 300 Flaschen Müller Thurgau Weißwein.

Jedes Jahr erzeugen die zwölf Winzer des Hildesheimer Weinkonvents knapp 300 Flaschen Müller Thurgau Weißwein. © picture alliance / dpa

Wärmere Temperaturen und neue EU-Richtlinien machen es möglich: Ab 2016 soll es kommerziellen Weinanbau zwischen Harz und Nordseeküste geben. Bekommen Winzer in Baden-Würtemberg und Hessen Konkurrenz aus dem hohen Norden?

Im Hildesheimer Weinberg stehen Schere und Eimer bereit. Immerhin rund 300 Flaschen ergab die Lese 2014. „Dieses Jahr wird es wohl ähnlich werden, die Trauben sehen gut aus“, sagt Mirco Weiß. Der Hobbywinzer ist einer von insgesamt sieben Pächtern des bischöflichen Weinbergs mitten in der Innenstadt, der 1995 für 50 Jahre verpachtet wurde. Ein Zehntel der Ernte geht als Pachtzins zum Bischof. „Ein schöner trockener Weißwein“, schwärmt Weiß, der zum 1200. Jubiläumsjahr von Hildesheim auch einen Jubiläumssekt plant.

Bald droht ihm jedoch Konkurrenz. Denn nach einer neuen EU-Regelung ist im klassischen Agrarland Niedersachsen ab dem 1. Januar 2016 der kommerzielle Weinanbau erlaubt. Die ersten stehen bereits in den Startlöchern. Dem zuständigen Ministerium liegen bisher sieben Anfragen von Bürgern vor, die sich für den Anbau von Wein in Niedersachsen interessieren.

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„Der Klimawandel ist in Deutschland angekommen“

„Wenn selbst Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern kommerziellen Weinbau haben, dann sind wir als südlicheres und bergigeres Land sicherlich auch geeignet“, sagt Landesagrarminister Christian Meyer (Grüne). „Von lieblich bis trocken scheint vieles möglich.“ Vor allem Steillagen im Weserbergland oder im Harz hält er für geeignet.

Auch der Klimawandel befeuert den Traum von einem „Grand Cru“ im hohen Norden. „Der Klimawandel ist in Deutschland angekommen. Von daher sind auch die Voraussetzungen gegeben, Weine in nördlicheren Gefilden herzustellen“, sagt Frank Schulz vom Deutschen Weininstitut.

Regionen im Norden sind oft drei bis vier Wochen zurück

Auch in Dänemark, Teilen Englands und Skandinavien gebe es ähnliche Versuche – nur in Holland mache die Staunässe die Ansätze zunichte. Zudem begünstigt der Klimawandel neue Rebsorten – wie etwa in Südafrika den Viognier, der dort zunehmend populär wird.

Winzer aus traditionellen Weinbaugebieten bleiben angesichts der neuen EU-Regelung eher skeptisch. „Vegetativ sind die nördlichen Regionen oft drei bis vier Wochen zurück“, sagt etwa der Nahe-Winzer Johannes Kruger, dessen Sohn eine Lehre in einem Weingut auf der Nordsee-Insel Föhr machte.

Neuwinzer, die ihre Hoffnungen auf edle Tropfen aus Niedersachsen setzen, müssen sich jedoch beeilen. Nach jetzigem Kenntnisstand müssen sie bis zum 1. März 2016 einen entsprechenden Antrag bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung für eine dreijährige Anbauperiode stellen – so lange dauert es, bis der Weinstock richtige Trauben produziert.

Kommerzieller Weinbau ist streng kontrolliert

Erlaubt ist der Weinanbau zunächst auf einer Fläche von fünf Hektar. Gibt es mehr Anträge, hängt es letztlich von der bundesweiten Antragssituation ab, ob das Land noch weitere Flächen bekommt. Denn der Anbau der Reben und die Verarbeitung der Trauben für erwerbsmäßige Zwecke sind – anders als bei Hobbywinzern – streng reglementiert und kontrolliert.

Aber hat der künftige niedersächsische Weinberg das Potenzial für Spitzenweine entsprechend den französischen „Grand Crus“ – also den großen Lagen? Experte Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut ist skeptisch. „Das hängt aber immer auch sehr stark vom Winzer ab – man kann auch aus guten Lagen schlechte Weine machen“, meint er. In einem Punkt ist sich Büscher allerdings sicher: „Der edle Tropfen aus Niedersachsen wird eine Rarität bleiben – und als solche müssen sich die Winzer wohl keine Sorgen um den Absatz machen.“

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